Gesundheit
 Historische Pferdemedizin: Ross-Kuren
Therapeutische Massnahmen für Erkrankungen beim Pferd gehen bis in die Antike zurück. Vor allem das Mittelalter wartet zum Teil mit skurrilen, bizarren oder absurden Heilverfahren auf, die dem heutigen Pferdebesitzer bei der blossen Vorstellung das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ein Überblick von KAVALLO-Autorin Birgit van Damsen.

Illustration: Farrier Journal




Durch die Werke des griechischen Arztes Hippokrates wurden bereits im vierten Jahrhundert vor Christus die wissenschaftlichen Grundlagen der Human- und Veterinärmedizin geschaffen. Die orientalischen Völker des Mittelalters beriefen sich auf die alten Griechen Hippokrates, Galen und Aristoteles und übertrugen deren therapeutische Methoden auf das Pferd, das vor allem bei den Arabern hoch geschätzt und unentbehrlich war.

Das verhexte Pferd
Dagegen war der europäische Kulturkreis im Mittelalter noch von heidnischen Vorstellungen und Aberglauben geprägt. So war man vielerorts überzeugt davon, dass Pferde durch Verzaubern und Behexen krank würden. Durch zahlreiche Gegenmittel wie Gegenzauber, Zaubersprüche und Rituale sollten die schädlichen Einflüsse von Teufel, Hexen und Zauberern abgewehrt und beseitigt werden. Hierzu gehörte zum Beispiel die grausame Sitte, lebendige Tiere zu begraben, um sich und sein Vieh vor Zauber zu schützen. Auch die zunehmende Ausbreitung des Christentums konnte dem Aberglauben kaum Einhalt gebieten, glaubte doch die katholische Kirche selbst an Hexen und die Existenz des Teufels und betrieb im Spätmittelalter im Rahmen der Inquisition Teufelsaustreibungen und Hexenverbrennungen. Über die Zeit vom vierten bis 13. Jahrhundert liegen deshalb auch kaum Zeugnisse über einen veterinärmedizinischen Fortschritt vor.

Die Stallmeisterzeit
Erst die so genannte «Stallmeisterzeit» ab 1250 bis 1750 brachte Neuerungen in der Pferdeheilkunde. In dieser Zeit entwickelte sich von Spanien und Italien ausgehend eine hoch stehende Reitkunst mit einer vorbeugenden und therapeutischen Pferdekunde, die sich bis zum 14. Jahrhundert auf ganz Mitteleuropa ausdehnte. Den Niederschlag dieser Epoche findet sich in einer Vielzahl überlieferter «Rossarznei-Bücher», die in den folgenden drei Jahrhunderten beträchtlich an Umfang zunahmen und oft mehrere hundert Seiten mit teils prächtigen Abbildungen umfassten. Je nach Verfasser der einzelnen Schriften sind die heilkundlichen Betrachtungen aber mal mehr von schulmedizinischen, empirischen oder mystischen Elemente beeinflusst. Anatomische und physikalische Unkenntnis sowie Übersetzungen in andere Sprachen führten überdies zu zahlreichen Fehlern und Missverständnissen. Zudem kam, dass sich die pferdeheilkundliche Tätigkeit auf zwei Ebenen abspielte: Die Stallmeister und Marstaller waren für die medizinische Versorgung der Kavalleriepferde zuständig. Auf dem Lande behandelten unterdessen Schmiede, Abdecker und Scharfrichter die Pferde, was Aberglauben und Magie begünstigte. So ist es nicht verwunderlich, dass einerseits auch aus heutiger Sicht durchaus sinnvolle Behandlungsmethoden und Heilmittel zur Anwendung kamen, andererseits aber auch unsinnige oder gar grausame Anweisungen sowie befremdliche, zum Teil ekelerregende Rezepturen zu lesen sind. Dazu gehören zum Beispiel Zutaten aus der so genannten «Drecksapotheke» wie Taubendreck, Hundekot, Schusterschwärze oder Asche, der allgemein aussergewöhnliche Heilkräfte zugeschrieben wurde, «weil durch das unheilvertreibende Feuer geläutert».
Derlei Vorstellungen zur Therapie von Pferdekrankheiten ziehen sich bis weit in die Neuzeit hinein. Erst mit der Aufklärung fand eine kontinuierliche Entmystifizierung auf wissenschaftlicher Grundlage statt, die sich auch in der Veterinärmedizin niederschlug.

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