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Kavallo 9/2015
DOSSIER
as holländische System bringt
Deutschland kein Glück. Ein
aus «politischen Gründen»
handelndes Richtergremium machte
Anky van Grunsven mit einem von
deutlichen Mängeln geprägten Pro-
gramm zur Kürweltmeisterin und
stufte an den Weltreiterspielen 1994
in Den Haag die von Klaus Balkenhol
beispielhaft vorgeführte Klassische
Reiterei zurück. Das war der Siegesritt
des holländischen Systems, das auf
Knopfdruck abgerichtete Pferde in die
Vierecke bringt und spektakulär ga-
belnde Vorderbeine über reelle Ausbil-
dung stellt. Und weil damit offenbar
hohe Noten zu erreichen sind, zwäng-
ten Deutschlands Verantwortliche To-
tilas für die EM 2015 in die Mannschaft
und richteten damit für den Pferde-
sport kaum wieder gutzumachenden
Schaden an. Der deutsche Tierschutz-
bund reagierte umgehend: «Der Fall
Totilas scheint erneut zu belegen, dass
im Pferdesport noch viel Raum für
mehr Tierschutz ist. Erfolge um jeden
Preis erzeugen schnell Tierleid.»
Totilas ist kein Einzelfall. Hätte er
im Programm nicht deutlich gelahmt,
wäre er auf über 80 Prozentpunkte ge-
kommen wie Undercover unter Totilas
früherem Ausbilder und Reiter Ed-
ward Gal. Das EM-Dressurgold der Hol-
länder gibt doch vor, was unter Dres-
sur zu verstehen ist – abrichten.
Für Deutschland ist Totilas zum Problem geworden, im Dressursport
hingegen ist er einer unter vielen. Das Grundübel liegt im zum Leitfaden
der Richterei erhobenen holländischen System, das auf Knopfdruck
abgerichtete Pferde hervorbringt und Ausbildungsgrundsätze aushebelt.
Foto: Lynn vanWoudenbergh/Bronkhorst
on
Thomas Frei
System or Ausbildung
D
Passage nach holländischer Machart:
eng im Hals, ohne Rücken, Hinterhand
hinten hinaus: Im Grand Prix kam
Edward Gal mit Undercover noch durchs
Programm, im Spécial kam das Aus.
Zwang und Unterwerfung
statt Reiterei
Gewiss wurde auch früher nicht immer
alles richtig gemacht. Nicht alles richtig
machen heisst aber nicht, dass man
mit fragwürdigen Methoden ein Pferd
zu Leistungen zwingt. Gezeigt wird bei
dem von vielen Reitern übernomme-
nen holländischen System eben keine
«Reiterei», sondern eine Unterwerfung
des Pferdes, dem die Lektionen beige-
bracht wurden, das abgerichtet an-
statt ausgebildet wurde. Das Pferd der
Schwedin Minna Telde (Endergebnis
68,714%) hat mitten in der Vorführung
mehrmals ganz verzweifelt den Kopf
herumgeworfen, nach oben, nach der
Seite und nach vorne, um dem Zwang
zu entgehen oder dem schmerzenden
Hals oder Maul. So etwas wird kaum
angesprochen, nicht beachtet und
einfach als momentane Macke des
Pferdes abgetan. Dabei spricht gerade
so ein momentanes Bild für die ge-
samte Reiterei. Und kommt einmal
einer ins Viereck, der einigermassen
geregelt sein Programm absolviert, ist
man so erleichtert, dass man bereits
geneigt ist, das als gut anzuschauen .
Anders das Schlussbild an der EM in
Aachen: Die Vorstellungen der vier
erstklassierten Reiterinnen in der Kür
zeigten vor, dass Dressurreiten in
schönster Weise nach wie vor möglich
ist. Der Zeitpunkt für eine Umkehr ist
gekommen.WelchenWeg der Dressur-
sport nun für die Zukunft einschlagen
soll, liegt bei den Richtern. Die Mehr-
heit der Reiterinnen und Reiter an der
Basis hat sich hingegen längst ent-
schieden: Sie, die ihre Pferde wirklich
gern haben, es richtig machen wollen
mit ihrem Durchschnitts-Vierbeiner
und so reiten, dass sich Pferd und
Reiter wohl fühlen.
Marianne Fankhauser-Gossweiler