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Reitunterricht 2
LEKTION
27
Kavallo 9/2015
>>
eitlehrer und Reiter haben
sich über Jahrzehnte an be-
stimmte Rituale im Unter-
richt gemäss der anweisungsorientier-
ten Methode gewöhnt. Diese Gewohn-
heiten sind nicht leicht abzustellen,
weil sie über einen langen Zeitraum
den täglichen Unterricht bestimmten
und nun plötzlich verändert werden
sollen. Ein Zitat der Feldenkrais-Lehre-
rin Alon (1993) vermag das Problem zu
verdeutlichen: «Wir sind alle süchtig
– Marionetten unserer Gewohnheiten.
Wir erwerben sie und passen uns ih-
nen an, indem wir uns ihnen immer
wieder aussetzen. Durch sie werden
wir individualisiert und gleichzeitig
auch kollektiviert. Wir geben sie nicht
ohne Angst und Anlass auf. Der direk-
te Entzug der Gewohnheiten wirkt be-
drohlich auf uns, wie ein Eingriff ins
Privatleben, und wir erleben ähnliche
Verkrampfungen und Verzweiflungs-
anfälle wie ein Drogensüchtiger auf
Entzug. Wir erfinden und gebrauchen
ein ganzes Arsenal von Entschuldi-
gungen und Mitteln und Wegen, um
unsere Gewohnheiten von allzu ge-
nauer Betrachtung fernzuhalten und
sie unantastbar zu machen. Sie sind
für uns der Schrein unserer Identität.»
Es sollen im Folgenden die Verän-
derungen der Gewohnheiten oder Rol-
len vom Ausbilder und Reiter entblät-
tert werden, um beiden zu verdeutli-
chen, was sich ändern müsste und
was nicht unbedingt sofort gelingen
kann, weil es über eine lange Zeit an-
ders gemacht wurde. In diesem Zu-
sammenhang ist der Spruch von F.M.
Alexander zu bedenken: «Sich ändern
bedeutet, eine Tätigkeit gegen die
Macht der lebenslangen Gewohnhei-
ten auszuführen.» Es soll damit ange-
deutet werden, dass es einer bestimm-
ten Zeit bedarf, um sich auf die neuen
Unterrichtsnotwendigkeiten einzu-
stellen. Man darf weder als Ausbilder
noch als Reiter davon ausgehen, dass
es von heute auf morgen gelingt, die
jahrelangen Gewohnheiten abzustel-
len und die neuen Rollen entspre-
chend auszufüllen.
Ausbilder muss Musse haben
Die grösste Veränderung der Reit-
lehrerrolle besteht darin, dass der
Ausbilder nicht dafür bezahlt wird,
dass er redet, die Abweichungen der
äusseren Form des Reiters und des
Pferdes feststellt und formuliert. Er
sollte sich Zeit nehmen, die Bewe-
gungsabläufe von Reiter und Pferd zu
beobachten und das Zusammenwir-
ken beider zu analysieren.
Der Reitlehrer wird nicht dafür bezahlt, dass er viel und
ständig redet, vielmehr muss er die äussere Form des Reiters
und Pferdes feststellen und das Zusammenwirken beider
analysieren. Dann ist es wichtig, dass er immer nur wenige
Bewegungskriterien entweder beim Reiter oder beim Pferd
verbessern will, weil ansonsten das Gehirn des Reiters
überfordert wird.
text
Eckart Meyners
fotos
Jacques Toffi
R
Die Zusammenhänge der
Bewegungsabläufe von
Mensch und Pferd können dem
Reiter am leichtesten in einer
bildhaften Sprache transparent
gemacht werden.