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Kavallo 8/2015
HAUPTTHEMA
Einsiedler Pferde
ach den Wirren während der
napoleonischen Zeit mit der
Räumung des Marstalls bis
auf den «letzten Fohlenschwanz» be-
mühten sich Anfang des 19. Jahrhun-
derts die Statthalter des Klosters um
den Wiederaufbau der Zucht und do-
kumentierten sie in den Gestütsbü-
chern. Im Archiv des Klosters Einsie-
deln sind die ab 1840 geführten Ge-
stütsbücher A und B zu finden. Diese
bieten die Quelle für die Nachverfol-
gung von Zuchtlinien. Dass das 1840
neu aufgebaute Gestütsbuch über-
haupt noch existiert, hat über den do-
kumentarischen Wert hinaus eine be-
sondere Bedeutung. Denn durch die
lückenlos dokumentierte Abfolge von
Generationen ist es möglich, Stutenli-
nien bis in unsere Tage nachzuverfol-
gen. Nach den Gestütsbüchern, deren
letzter Eintrag von 1919 datiert, ha-
ben die 1906 neu gegründete Pferde-
zuchtgenossenschaft Einsiedeln 1945
das Eidgenössische Herdebuch in
Avenches und zuletzt die Rassenver-
bände die Aufzeichnungsfunktion
übernommen. Einen Überblick über
die aus alten Einsiedler Stutenlinien
abstammenden Pferde in der Schweiz
zu erhalten, ist dennoch nur bedingt
möglich. Die Herdebücher erfassen
nicht alle, sondern nur die in der
Zucht eingesetzten Tiere.
Die aktuelle Pferdezucht des Mar-
stalls hat sich der Weiterzucht der vier
ältesten und traditionellen, in den Ge-
stütsbüchern aufgezeichneten Stuten-
zuchtlinien verschrieben. Es sind dies:
• Klima:
abstammend von den Stuten
Dügeli 1858 und Klima 1889
• Quarta/Manda:
abstammend von
den Stuten Meier (ohne Jahresanga-
be) und Zira 1871, Manda 1915 und
Quarta 1919
• Sella:
abstammend von den Stuten
Zella 1904 und Sella 1921
Die vier Stammbäume sind in Fort-
setzung der klösterlichen Zuchtbü-
cher bis in die heutige Zeit nachge-
führt und ermöglichen den eindeuti-
gen Abstammungsnachweis in der
Mutterlinie. Der Chronist Pater Albert
Huber zählte die Zuchtlinie Thea
ebenfalls zu den traditionellen Stu-
tenlinien des Klosters. Diese Linie geht
auf die erst 1920 eingeführte Anglo-
Die Geschichte der Einsiedler Pferde ist einmalig und als Kulturerbe
erhaltenswert. Von einer eigenen Rasse lässt sich beim Einsiedler Pferd nach
neusten molekularbiologischen Abklärungen zwar nicht sprechen, wohl
aber von einem Pferdeschlag. Die Studie bestätigt zudem die Richtigkeit der
über Generationen aufgezeichneten Abstammungsdaten.
text
Esther Weiss, ErichWaldmeier
fotos
Klosterarchiv Einsiedeln, Einsiedeln Tourismus
N
Einsiedler Pferde
gestern – heute –morgen
Liebevoll verziert ist der Deckel des 1840
eröffneten Zuchtbuchs A. Glücklicherweise
überstand es den Brand in der Statthalterei
des Klosters Einsiedeln von 1983.