Seite 3 - Kavallo Flippingbook Projekt

Basic HTML-Version

EDITORIAL
Kavallo 7/2015
3
Thomas Frei
Chefredaktor
Forschung rund ums Pferd
kam bis vor
wenigen Jahren kaum vor.Was sollten
sich Hochschulen noch für einen Be-
reich interessieren, der vomMotor und
von der Elektronik immer mehr an den
Rand gedrängt wurde? Forschung rund
ums Pferd fand vor gut hundert Jahren
ein vorläufiges Ende, als in Berlin die
Geschichte mit «Dem klugen Hans»
aufflog. Denn Hans konnte selber nicht
rechnen, wohl aber feinste Gesten und
die Mimik seines Lehrers richtig deu-
ten. Die Fähigkeit zum Umsetzen von
feinsten Körpersignalen war für die
Berliner Hochschule kein förderungs-
würdiges Forschungsgebiet, Equiden
wurden darauf generell als dumm
eingestuft, und selbst der kluge Hans
wurde in den Kriegsdienst eingezogen.
Hippo-Forschung erlebt
dagegen seit
Jahren einen ungeahnten Boom. Pferde
sind keine Sache mehr, Pferde sind nach
modernen ethischen Grundsätzen
Lebewesen mit eigenen Interessen und
Zielen geworden.Wir Menschen zeigen
uns den Tieren gegenüber empathisch.
Das gestiegene Interesse an den Pfer-
den vermittelt viele neue Erkenntnisse
und bestätigt altesWissen.
Ins Abseits geraten
sind jedoch Forscher
an der Universität Göttingen mit einer
Studie über das Säubern der Hufe. Die
einem Sozialkontakt gleichkommende
und im Durchschnitt 68 Sekunden
dauernde Pflegemassnahme an den
Vierbeinern wird von Zweibeinern als
unbeliebt erachtet, weil es zu Rücken-
weh und Unfällen kommen kann. Als
Abhilfe bastelten die Forscher eine Huf-
reinigungsmaschine, die aber aufgrund
der langen Angewöhnungsphase pra-
xisuntauglich war.Wer nach Maschinen
forscht, die den Umgang mit Pferden
ersetzen sollen, galoppiert immer am
Ziel vorbei: Pferde sind sozial ausgpräg-
te Lebewesen, die das Vertrauen zu uns
nur über täglichen und mehrmaligen
Kontakt wie Hufesäubern finden.
Sind 68 Sekunden
zu lang?