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Kavallo 5/2015
E
ine ganze Herde brauner Shet-
landponys wuselt Angela Wild-
haber imAuslauf des Offenstalls
um die Beine. Ihre buschigen Mähnen
wehen leicht im Wind, ihr Fell hat im
Sonnenlicht einen warmen Glanz. In-
mitten der Ponys wartet geduldig ein
weisser Esel darauf, dass ihm Wildha-
ber das Halfter anzieht: Esel Basky ist
bereit für die Bodenarbeit. Acht Ponys
und zwei Esel leben derzeit in der Auf-
fangstation Hope in Bad Ragaz. Mit
viel Leidenschaft und fleissigen Hel-
fern pflegen Angela Wildhaber und
ihr Mann Ignaz die Tiere, die alle ver-
nachlässigt, misshandelt oder verges-
sen wurden.
Basky wollte nicht böse werden
Esel Basky lässt sich auf dem Reitplatz
bereitwillig eine Plastikplane über
den Rücken legen und auch ein Bün-
del Blechdosen an einer Schnur, mit
denen die Trainerin Lärm macht, be-
reitet ihm keine Angst mehr. «Ich bil-
de ihn zum Therapieesel aus und hof-
fe, dass er bald einen schönen Lebens-
platz findet», erklärt Angela Wildha-
ber. «Er ist so menschenbezogen, er
braucht jemanden, der mit ihm arbei-
tet.» Dass Basky so still steht, ist keine
Selbstverständlichkeit. Als er vor eini-
gen Monaten zu den Wildhabers in
die Auffangstation HOPE nach Bad Ra-
gaz kam, hatte er vor allem panische
Angst. Angst vor dem Besen, vor Velos,
vor dem Leben an sich. «Wenn wir auf
den Platz kamen, zog er sich in die
hinterste Ecke zurück und streckte
uns nur das Hinterteil entgegen», sagt
Wildhaber. Mit Menschen hatte Basky
bis dahin keine guten Erfahrungen ge-
macht. Er sollte eigentlich eine Schaf-
herde vor Raubtieren schützen. Doch
der gutmütige Vierbeiner dachte
nicht daran, irgend etwas anzugrei-
fen. Da griffen seine Besitzer zu drasti-
schen Mitteln und versuchten den
Esel mit Schlägen «böse» zu machen.
Eine Spaziergängerin wurde Zeuge
dieser «Erziehung» und kaufte das
Tier kurzerhand vom Platz weg. Am
Ende kam es in die Auffangstation von
Angela Wildhaber.
Mit einem Shetty fing alles an
Angefangen hat es bei Wildhabers mit
einer Shetlandpony-Stute, die sehr
schlecht gehalten wurde. Trotz akuter
Hufrehe wurde sie fürs Kinderreiten
genutzt. «Drei Jahre lang habe ich ver-
sucht, das Pony dort herauszuholen»,
sagt Wildhaber, die bis dahin passio-
nierte Westernreiterin war. Sie drohte
dem Besitzer mit dem Tierschutz, mit
den Medien, mit der Polizei – und ei-
nes Tages hatte sie etwas gegen den
Mann in der Hand. Worum es dabei
ging, möchte sie nicht sagen. Aber es
war etwas, das ihn sofort dazu veran-
lasste, ihr das Pony zu übergeben und
seinen Verzicht darauf per Unter-
schrift zu bestätigen. Doch die jahre-
lange Vernachlässigung des Tiers hat-
te Folgen. Der Tierarzt stellte fest, dass
ein Zahn von unten in den Oberkiefer
eingewachsen war. Hinter dem Auge
hatte sich ein riesiger Abszess gebil-
det. «Wir wollten das Pony noch ope-
rieren lassen, aber es war zu spät»,
von
Ines Rütten
Das Beistellpony für das Freizeitpferd wird lästig, das Kinderpony
beisst «plötzlich» und der Herdenschutzesel ist zu lieb für seinen Job
und soll durch Schläge aggressiver werden: Die Tiere, die bei Angela
und IgnazWildhaber in der Auffangstation Hope für Ponys und
Esel in Bad Ragaz landen, haben oft einen langen Leidensweg hinter
sich, wenn die Freude an ihnen vergangen ist, beklagt Angela
Wildhaber. Sie pflegt die Vierbeiner gesund, bildet sie aus und
findet im besten Fall einen neuen Platz für sie.
Klein, niedlich –
und überflüssig
REPORTAGE
Ohne jegliches
Vertrauen kam Basky
auf den Hof, nun wird er
zum Therapieesel
ausgebildet.