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KOPF AN KOPF
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Kavallo 4/2015
Pferd noch das Pferd vom Reiter etwas
lernen kann. Diese gegenseitige Ab-
hängigkeit erschwert zusätzlich. Weil
Reitlehrer zu diesen Zusammenhän-
gen sehr wenige Anhaltspunkte hat-
ten, sah ich vor bald 40 Jahren für mei-
ne Bewegungslehre für Reiter eine
Chance. Der moderne Mensch verfügt
über nicht genügend Kompetenz, um
mit seinem Körper umgehen zu kön-
nen. Ein wichtiger Grundsatz der Be-
wegungslehre lautet schliesslich: Die
Ursache eines Fehlers ist nie dort zu
finden, wo sie effektiv gesehen wird.
Ein Reiter muss sich heranfühlen, wie
seine kleine Masse die viel grössere
Masse Pferd unter ihm in Bewegung zu
setzen versteht.
In vielen Reithallen herrscht noch
immer ein militärischer Komman-
doton. Methodik und Didaktik
fanden dagegen beim Reitunter-
richt lange keine Berücksichtigung.
Wer früher ritt, entstammte vorwie-
gend einem Umfeld, wo Pferde den Alltag bestimmten. Der
Umgang mit dem Pferd musste bei diesen Vorgaben nicht
erst beigebracht werden. Die Didaktik war deshalb schon in
der Methodik enthalten. Heute dagegen unterscheiden sich
die Reiter zu früher fundamental, was von den Ausbildern
nicht oder zu wenig bemerkt wurde.
Wie wir heute zum Pferd kommen, dafür gibt es
verschiedenste Beweggründe. Ist das im Unterricht zu
berücksichtigen?
Das ist eine der zentralen Nahtstellen. Die wenigsten wol-
len noch sportiv reiten, die Mehrheit will einfach Spass am
Umgang mit den Pferden haben. In diesem Fall ist Empa-
thie beim Reitlehrer besonders wichtig, um eine Symbiose
zwischen Mensch und Pferd entstehen zu lassen. Diese Leu-
te sind, weil sie das Pferd als ihr kostspieliges Hobby ausge-
wählt haben, meistens emotional hochmotiviert, auch
wenn sie nicht unbedingt gute Beweger sind. Trotzdem
müssen die Pferde richtig bedient werden. Damit dies aber
möglich wird, hat der Ausbilder nun dem Reiter Aufgaben
zu stellen, wie er als Erstes die bewegungsmässige Verwo-
benheit zwischen Pferd–Reiter zu fühlen versteht.
Mit dem von Ihnen propagierten «handlungsorientierten
Unterrichtskonzept» wird der Reitlehrer zum Mentor. Mit
Anweisungen allein wie «Kopf hoch», «Absätze tief» oder
«Nicht immer im Maul hängen» ist es somit vorbei.
Bei einem handlungsorientierten Un-
terricht wird die Selbsttätigkeit des
Lernenden von Beginn weg als Einheit
von Kopf, Herz und Hand, wie Johann
Heinrich Pestalozzi schon vor 200 Jah-
ren sagte, in den Mittelpunkt gestellt.
Leider ist diese Unterrichtsmethode
nie in der Reiterei angekommen – es
ging ja auch anders. Bei dieser Metho-
de wird der Reitschüler vom Ausbilder
so bald als möglich aktiv in die Unter-
richtsprozesse miteinbezogen und soll
erst gar nicht lernen, auf meistens zu
viele und gleichzeitig erteilte Instruk-
tionen zu reagieren. Dazu habe ich
analog zur Ausbildungsskala des Pfer-
des eine Ausbildungsskala für den Rei-
ter erstellt. Als Erstes muss er die Bewe-
gungen fühlen lernen. Der nächste
Schritt ist, sich der Bewegung des Pfer-
des anzupassen. Aktives Reiten erfolgt
erst sehr viel später.
Der von Ihnen propagierte handlungs-
orientierte Reitunterricht sehen Sie
unter anderem als praktizierten Tierschutz. Aus welchen
Überlegungen kommen Sie dazu?
Eine Reitlehre muss auf einer tierschutzorientierten Aus-
bildung basieren. Wenn man diese aber nicht in den Mittel-
punkt stellt, gibt es Probleme mit dem Tierschutz. Der
Schüler muss für sich und sein Pferd sachgerechte Ent-
scheidungen treffen können. Zudem dient ein verbessertes
Bewegungsgefühl des Reiters vor allem dem Pferd: Reiter
können besser mit dem Pferd verschmelzen und stören we-
niger dessen Bewegungen. Beide entwickeln sich dadurch
leichter zur Einheit und lassen ein harmonisches Gesamt-
bild entstehen.
Vielfach soll während des Unterrichts aber auch das Pferd
ausgebildet werden. Gibt es in diesem Fall für den
Ausbilder andere Kriterien zu beachten oder bleibt sich
die Methode gleich?
Nicht anders, beim Reiten sind Mensch und Pferd als Ein-
heit zu sehen. Ein Reiter, der sich vor dem Reiten oder Tur-
niereinsatz am Boden vorbereitet, erleichtert dem Pferd die
Arbeit, weil er gefühlvoller und gezielter einwirken kann.
In meiner jahrelangen Arbeit konnte ich bei fast jedem
Pferd sofort gravierende positive Veränderungen erkennen,
wenn mit dem Reiter zuvor geübt wurde. Die Pferde gehen
mit mehr Losgelassenheit, Durchlässigkeit und können
teilweise Lektionen vollziehen, die sie vorher nicht zeigen
konnten, weil der Reiter sie blockierte.
Eckart Meyners mit dem von ihm entwi-
ckelten Bewegungshocker, der durch seine
dreidimensionale bewegliche Sitzfläche
die Mobilität der Wirbelsäule fördert.