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Kavallo 3/2015
Can-Can schlägt alles
Eigentlich bedeute ihm Pferdesport ja we-
nig, beschied mir kürzlich ein recht guter
Freund. Aber jetzt müsse er mir doch be-
richten, wie denn alles gekommen sei. Ob
ich mein Handy denn auf Sendung habe,
wollte er wissen.Was war denn das für ei-
ne Frage? Er sprach ja bereits mit mir!Was
war hier geschehen, dass er dermassen
aus dem Tritt geraten war?
Er, gerade er, betonte mein guter Freund,
gerade ihn habe die Glücksgöttin ausge-
wählt. Er habe diesenWettbewerb ja nicht
mitgemacht, weil ihn Pferde – aber, ob-
wohl ihm der Sportwagen (1. Preis), oder
der Ferienaufenthalt in der Nobelherber-
ge St.Moritz (2. Preis) besser zugesagt hät-
ten. Aber immerhin kam er endlich zur Sa-
che: Er hatte einen Gratiseintritt zum CSI
in Zürich gewonnen (137. Preis), Sitzplatz,
45. Reihe, aber gewonnen ist gewonnen.
Mit gespaltenen Gefühlen sei er denn
dahin gepilgert, rapportierte der gute
Freund, nach Oerlikon. Er sei beinahe am
Outfitproblem gescheitert, weil er doch
nicht wissen konnte, was man denn an so
einen noblen Anlass anzieht. Und ande-
rerseits sei es doch wieder einmal eine Ge-
legenheit gewesen, eine Krawatte zu tra-
gen, und der Nadelstreifenanzug – seit der
Konfirmation selten zum Einsatz gekom-
men – sei schnell aufgebügelt gewesen.
Er hätte dann den Eindruck gehabt, aller
Augen seien auf ihn gerichtet, als er sich
anschickte, die unendlichen Stufen zur
45. Reihe zu erklimmen. Im Anzug. Mit
Krawatte. Den einzigen Krawattenträger
neben ihmhabe er imVorbeigehen imVIP-
Sektor ausmachen können, aber die Kra-
genfreien hätten überwiegt. Jedenfalls:
So im Aufstieg ab Sitzplatzreihe 3 sei er
sich mit seinem Anzug und mit der Kra-
watte wie ein bunter Hund vorgekommen.
Angelangt in der 45. Reihe wäre der Casu-
al-Look geradezu Pflicht gewesen. Obligat.
Seine Ankunft sei trotz Galakluft glückli-
cherweise wegen eines gerade weit unten
in die Entscheidungsphase gekommenen
Stechens kaum zur Kenntnis genommen
worden. Kaum. Fast nicht. Bis er über die
Füsse eines beleibten, grosskarierten
Jeansträgers gestolpert sei, der gerade im
Begriffe war, mit dem Militärtaschenmes-
ser eine auf einem Butterbrotpapier dra-
pierte Schützenwurst in gleichmässige
Scheiben zu verteilen. So ein Stolperer
kann jedem passieren. Überall. Jederzeit.
Er – mein guter Freund – habe dann dem
Schützenwurstzerteiler geholfen, die ein-
zelnen Scheiben vom Boden zu klauben.
Und nur ein einziger Schnefel sei nicht
mehr benützbar gewesen,weil er mit dem
Schuhabsatz … Er habe dem Mann trotz-
dem «än Guete» gewünscht.Wie auch im-
mer. Jedenfalls sei er dann – pünktlich
zum Beginn des Showblocks – auf seinem
gewonnenen Platz in der 45. Reihe ein-
getroffen. Und diese französische Show –
wow! So etwas laufe einem ja nicht jeden
Tag über den Weg. Man habe sich mitten
in Paris gewähnt, nur Herr Hollande habe
noch gefehlt (hi, hi!), aber er wolle ja nicht
politisch werden. Natürlich sei diese Piaf-
interpretin grossartig gewesen, und auch
diese Vollblüter, die – zwar eine etwas ge-
bremste Longchamps-Rennatmosphäre –
alles gut, alles prima. Aber der absolute
Clou, das seien diese «Catch-as-catch-
can» (seine Wortwahl!) Tänzerinnen mit
ihren Spagatsprüngen gewesen. Das habe
alles geschlagen. Ja, da habe man ein Au-
ge voll nehmen müssen, ob man gewollt
habe oder nicht. Moulin Rouge in Oerli-
kon! Crazy Horse vor den Toren Zürichs! Es
gebe einfach nichts, was es nicht gebe,
n’est-ce pas?
Er gebärdete sich – der Freund –, wie wenn
er demnächst die französische Staatsbür-
gerschaft beantragen wollte. Ist ja alles
ok – aber in der Springkonkurrenz, so un-
terbrach ich seinen Begeisterungssturm,
was ist in der Springkonkurrenz gelaufen,
wer hat gewonnen? So ein Goya oder ähn-
lich, im Sattel von Karl, glaube ich, meinte
er. Gong.Man kann nur hoffen, dass nächs-
tes Jahr jemand anders den Sitzplatz in der
45. Reihe gewinnt.
Oskar Dumont
Vollblutunternehmermit grossemHerz für dieVollblüter
«Wer nichts riskiert, ist kein Unterneh-
mer», hat einem der kürzlich im Alter
von 85 Jahren verstorbene Rudolf Villiger
immer wieder eingeschärft. So zielge-
richtet wie der Doktor der Wirtschafts-
wissenschaften seine unternehmeri-
scheTätigkeit vorantrieb, so zielgerichtet
war er bezüglich seiner grossen Passion:
Vollblutpferd und Galopprennsport. In
der Freizeit steckte Villiger seine grosse
Schaffenskraft in den Rennverein Zürich,
dessen Entwicklung er mit dem Bau der
1973 eröffneten Pferderennbahn und der
Trainingsanlage in Dielsdorf massgeb-
lich beeinflusste. Die Parkrennbahn war
letztlich teurer als die geplanten 2 Mio.
Franken, doch alle Kosten wurden ge-
stemmt. Dafür hatte Villiger 35 Finanzie-
rungsaktionen initiiert und diverse Zu-
wendungen gefunden. Knallhart war
Villiger freilich stets nur in der Sache,
sein Umgangston war von Witz, Elo-
quenz und dem regen Interesse für das
Gegenüber geprägt.
Peter Jegen
Seine Freizeit widmete Rudolf Villiger
dem Turf und schrieb in jungen Jahren
auch für den Schweizer Kavalleristen.