Seite 13 - Kavallo Flippingbook Projekt

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KOPF AN KOPF
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Kavallo 3/2015
manchmal das Gefühl, allein schon über den Tonfall mit
den Pferden zu kommunizieren, sie zu besänftigen oder
anzuspornen.
Und zu welchen Erfahrungen kommen Sie in den
pferdegestützten Führungstrainings?
Für mich sind diese Workshops mit Pferden eine ganz wert-
volle Ergänzung zu herkömmlichen Seminaren. Durch die
Erfahrungen mit den Pferden und den direkten, authenti-
schen Feedbacks haben die Teilnehmer eine eindrückliche
emotionale Lernerfahrung. Erlebt ein Teilnehmer, wie
wichtig beim Führen eines Pferdes eine aufrechte, bestimm-
te Körperhaltung ist und wie bedeutend die innere Überzeu-
gung ist, um an einem bestimmten Punkt in der Halle mit
dem Pferd anzukommen, kann er dieses Bild auch in ande-
ren Situationen immer wieder abrufen. Stets erlebe ich, wie
die Reaktionen der Pferde den Teilnehmern Einsichten er-
lauben, neue Perspektiven und Tore zu neuer Kreativität
öffnen.
Dann sind die Pferde die eigentlichen Therapeuten?
Pferde spiegeln unser wahres Inneres – sie spüren genau,
ob wir ängstlich oder selbstsicher sind, ob wir ihnen etwas
vormachen oder überzeugt sind. Ihre Reaktion ist authen-
tisch, ohne Rücksicht auf Rang und Namen, ohne Diploma-
tie und doch vermeintlich unverfänglich, ist es doch nur
ein Pferd, das dieses Feedback gibt. Es liegt dann an mir als
Coach, dem Teilnehmer Brücken zu bauen, damit sich die
Erkenntnisse mit den Pferden in wertvolle persönliche Im-
pulse umsetzen lassen. Workshops mit Pferden eignen sich
besonders für überzeugendes Führen, wirkungsvolle Kom-
munikation, selbstsicheres Auftreten sowie Stärkung von
Teams und Stressprophylaxe und -bewältigung.
Und wie erleben Sie die Kommunikation zwischen
Mensch und Pferd als Dressurrichterin?
Es erfreut mein Herz, wenn ich ein Pferd beurteilen darf,
das in feiner Anlehnung geritten wird, einen motivierten
Ausdruck hat und sich mit Freude kraftvoll präsentiert. Es
graut mir, wenn ein Pferd mit roher Gewalt gezwungen
wird. Das Gesamtbild spricht Bände, der tote Ausdruck in
den Augen, das Festhalten im ganzen Körper und vieles
mehr. Bei mir fliesst dieser Gesamteindruck immer mit in
die Bewertung ein. Meines Erachtens ist es für den Reiter
oberste Pflicht, sich permanent in der Reitkunst weiterzu-
entwickeln, einen feinen, elastischen Sitz und eine vom
Körper unabhängige Hand zu erlernen und eine gezielte
Schenkeleinwirkung zu schulen. Entscheidend ist vor al-
lem die innere Einstellung: Bin ich bereit, alles zumWohle
des Pferdes zu tun, nehme ich mir die Zeit und Musse, an
mir zu arbeiten, bin ich bereit, auf kurzfristige Erfolge zu
verzichten? Geht es mir nur um mein Ego, meine Platzie-
rungen? Oder bin ich glücklich über einen Erfolg, wenn ich
spüre, dass sich mein Pferd seinen Möglichkeiten entspre-
chend zu seinem Besten entfaltet? Bin ich auch bereit,
Grenzen zu akzeptieren, oder muss das Pferd auf Biegen
und Brechen ausgewunden werden, weil es ja schliesslich
viel gekostet hat?
Was empfinden Sie, wenn Mensch und Pferd ganz und
gar nicht miteinander kommunizieren können?
Es gibt Menschen- und Pferdecharaktere, die besser oder
schlechter zueinander passen, letztlich geht es um die rich-
tige Balance zwischen Respekt und Vertrauen. Für mich
steht die Wertschätzung des Pferdes an erster Stelle und des-
halb bin ich sehr traurig und wütend, wenn ich sehe, wenn
gegenüber Pferden aus Unverständnis oder Unfähigkeit Ge-
walt angewendet wird. Eine reelle Pferdeausbildung ist sehr
komplex, sie erfordert auch eine fundierte, ganzheitliche
Ausbildung der Richter – Richter, die etwas von der Sache
verstehen und charakterfest sind. Zudem braucht es ganz
klare Regeln, die bestimmte Trainingsmethoden verbieten
und auch wirksam durchgesetzt werden. Meines Erachtens
sollten die Anforderungen für Prüfungen überdacht wer-
den, im Vordergrund sollte das Optimum, nicht das Maxi-
mum stehen, wie zum Beispiel bei Stilprüfungen im Sprin-
gen. Beim Dressurreiten müssten die Bewertungskriterien
für reelles Reiten mehr Gewicht bekommen.
Ein Glücksgefühl für Barbara Gorsler ist, vom Pferd
in die Bewegung mitgenommen zu werden wie hier in
der Piaffe mit Sindaco.