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KOPF AN KOPF
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Kavallo 1-2/2015
stand aber ausnahmlos im Vordergrund, stets die Leis-
tungsgrenze meiner Pferde anzuerkennen: Bis auf diese
Stufe gehe ich und nicht weiter, was für mich auch aktiver
Tierschutz bedeutet. Wenn mich Kollegen ermuntern woll-
ten, auf gut Glück auszuprobieren, wie weit ich allenfalls
mit einem Pferd komme, ging mir das gegen den Strich.
Verantwortung gegenüber dem Pferd zu übernehmen, wur-
de mir früh beigebracht. Daran hielt ich mich auch in einer
Drei-Sterne-Prüfung in Saumur, wo ich, als wir an die Gren-
ze kamen, den Ritt abbrach.
Von welchen Reitlehrern profitierten Sie am meisten?
Tiere im Allgemeinen haben mich schon in früher Kindheit
fasziniert. Mit dem Reiten durfte ich beginnen, als ich die
Prüfung für die Sekundarschule bestanden hatte. Langnau
war damals eine Hochburg der Reiterei. Unter anderem er-
teilte Hans Moser, der Dressur-Olympiasieger 1948, regel-
mässig Unterricht. Und ob Freiberger oder Halbblut, immer
bemühte er sich, respektvoll das Beste aus dem Pferd her-
auszuholen. Nie hörte ich ihn auch nur ein schlechtes Wort
über ein Pferd sagen. Im gleichen Stil unterrichteten später
Paul Hürlimann und Marianne Fankhauser-Gossweiler.
Ein halbes Jahrhundert Reitsport – was ist anders?
Unsäglich ist für mich in erster Linie die Trennung von
Springen und Dressur. Zu Beginn meiner Reiterei gehörte
es einfach dazu, dass in jeder Reitstunde nebst der Dressur-
arbeit auch gesprungen wurde. Abgesehen davon ist Reiten
für mich eine ganz besondere Sportart: Das Pferd ist ein
Lebewesen, das Respekt, Ehrfurcht und Rücksicht erfor-
dert. Schon als Bub war ich beeindruckt, wie die Pferde bei
den verschiedenen landwirtschaftlichen Aufgaben mit-
dachten und vorsichtig um die Heuhaufen herum gingen.
Gewisse Anforderungen also auch an die Menschen?
Reiten verlangt von uns einen positiv vornehmen Umgang
mit dem Pferd, was sich auch bei Begegnungen auf einem
Ausritt ausdrücken sollte: Früh wurde uns beigebracht,
dass man vorbeigehende Leute stets zu grüssen und nicht
über Felder zu reiten habe. Und im Concours-Complet-
Sport sollte ein Reiter von seiner körperlichen Kondition
her in der Lage sein, die zu reitende Distanz ebenfalls sel-
ber rennen zu können. Reiten an und für sich ist ein vielsei-
tiger Sport, Ausgleichssport gehört aber dazu.
Die Langlebigkeit Ihrer Pferde hat offenbar auch mit
der Ausbildung zu tun?
Ohne Zweifel, in der Ausbildung von Pferden gibt es meiner
Meinung nach grundsätzliche Dinge, die sich nicht ändern
lassen. Unter anderem die Grundausbildung, die nun ein-
fach einmal drei Jahre dauert. Vom rücksichtsvollen Auf-
bau lässt sich dafür bis ins hohe Alter eines Pferdes profitie-
ren. Nicht weniger wichtig sind Abwechslung und tägliche
Bewegung. Freies Galoppieren auf der Volte auf dem Sand-
platz ist meine Variante von Freiheitsdressur und macht
den Pferden und mir Freude. Der Umgang muss fein, be-
stimmt und konsequent sein. Letztlich hängt aber alles da-
von ab, wie ein Pferd mitmacht.
Die Haltungsform auf der Hühneralp trägt wohl auch
zum Altwerden bei, oder nicht?
Wir gehörten vor Jahren zu den Ersten, die über Boxen mit
permanentem Auslauf und Weidezugang verfügten. Wir
waren überzeugt, dass der Sozialkontakt und die grösseren
Bewegungsmöglichkeiten gesundheitsfördernd sind. Beim
Futter verhalten wir uns ganz traditionell – Heu, Hafer und
Stroh mit Mineralstoffen als Zusatz.
Sie haben sich immer nach den Möglichkeiten der Pferde
ausgerichtet. Hatten Sie noch andere Ziele?
Mit jedem meiner Pferde erlebte ich wunderschöne Höhe-
punkte. Die Siege mit Imanella an der Senioren-Schweizer-
Meisterschaft Springen sowie Military Elite in Avenches
waren wohl die schönsten Erfolge. Es wäre aber gelogen,
wenn ich sagen würde, ich hätte nicht gerne einmal an
Olympischen Spielen teilgenommen. Doch Reiten erachte
ich als eine Lebensschule, die mir viele unvergessliche Er-
lebnisse gebracht hat.
Target Practice, in jungen Jahren Eventer of
the Year in England, geniesst seinen Lebensabend
in Hasle-Rüegsau bei SonjaWidmer (rechts).
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