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HAUPTTHEMA
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Kavallo 12/2015
Über Jahrtausende hinweg war das Pferd an der Seite des Menschen nicht
wegzudenken. Ein paar Jahrzehnte genügten, um es aus dem Alltag verschwinden
zu lassen. In seinem kürzlich erschienenen Buch «Das letzte Jahrhundert der
Pferde» legt Ulrich Raulff diesen «kentaurischen Pakt» frei.
text
Thomas Frei
fotos
Archiv Furger, zvg
Ein Abschied,
der keiner war
at sich der Mensch tatsäch-
lich vom Pferd getrennt, wie
uns der Untertitel des Buches
«Das letzte Jahrhundert der Pferde»
des deutschen Autors Ulrich Raulff
weismachen will? Er hat sich, er hat
sich aber auch nicht, wie die in den
vergangenen Jahrzehnten unaufhalt-
sam gestiegenen Pferdepopulationen
in Mitteleuropa zeigen. Doch auch
wenn wir heute in der Schweiz wieder
gleich viele Pferde zählen wie um
1900, fressen die 100000 Pferde, Po-
nys und Esel ihr Heu und ihren Hafer
in einer ganz anderen Umgebung als
vor gut 100 Jahren. Die Pferde vor al-
lem aber in einer besseren Welt. Denn
die Vorzeichen haben gewechselt:
Heute haben die Besitzerinnen und
Besitzer viel zu arbeiten, um den Un-
Pferde wurden zwar überall gebraucht,
ein goldenes Zeitalter war es für sie
nicht – für die meisten war es die reinste
Pferdehölle.
terhalt ihres Pferdes in einem Pferde-
hotel zu ermöglichen, und erleich-
tern sich nicht mehr wie während der
hippomobilen Epoche mit der Pferde-
kraft ihren Alltag.
Erstaunlich unbeachteter
Vorgang
Wenn Ulrich Raulff die Zähmung des
Pferdes als menschheitsgeschichtlich
wichtigere Etappe einstuft als die Er-
findung der Schrift, frohlockt die im-
mer mehr ins Abseits gedrängte Pfer-
dewelt über eine solche Äusserung.
Der Exodus des Pferdes aus der
Menschheitsgeschichte ist für den Au-
tor ein erstaunlich unbeachteter Vor-
gang. Ganze Bibliotheken zur Ge-
schichte des 19. und 20. Jahrhunderts
schweigen sich aus über das Pferd, das
gleichwohl in Europa und Amerika