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Kavallo 11/2015
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W
enn der Ausbilder alleine
arbeitet, positioniert er
sich so neben dem Pferd
im Hals-Schulter-Bereich, dass er mit
der führenden Hand, mit kurz gefass-
tem, in den mittleren Kappzaumring
eingehängtem Führzügel oder Lone,
das Pferd geradestellen und hinsicht-
lich der Kopfhöhe regulieren kann.
Gleichzeitig hat er die Extremitäten
im Blick. Mit der Gerte in der Hand
kann er Hinterbacke und Hinterglied-
masse erreichen. Das Pferd ist grund-
sätzlich am Kappzaum und in dessen
mittlerem Ring zu führen. Der Führ-
zügel kommt aus der Faust zwischen
Daumen und Zeigefinger direkt zum
Kappzaumring. Keinesfalls darf er
sich um die Finger und Faust herumle-
gen: Wenn das Pferd wegstürmt, sind
die Fingergelenke in Gefahr.
Die Führung des ausgebundenen
Pferdes an einem Trensenring sollte
nur ausnahmsweise und nur bei fort-
geschrittenen Pferden erfolgen. In der
Situation, dass der Bereiter abgeses-
sen ist und noch ein paar Piafftritte an
der Hand abrufen möchte, hat er zwei
Möglichkeiten der Zügelführung: Ent-
weder er nimmt beide Trensenzügel
hinter dem Unterkiefer in die Faust
oder die Zügel bleiben über dem Hals
und er fasst sie seitlich inWiderristnä-
he. Bei dieser Haltung ist die Regulie-
rungsmöglichkeit eingeschränkt, das
Pferd sollte schon weitgehend Selbst-
haltung einnehmen können.
Erstes Versammeln an der Hand
Versammelnde Tritte verstehen sich
zunächst als ein Vorwärtswollen des
Pferdes, das es jedoch nicht umsetzen
kann. Das Vorwärtsgehen-Wollen als
Eigenantrieb des Pferdes muss der
zentrale Leitgedanke der ganzen
Handarbeit sein. Diese Motivation wä-
re sogleich verspielt, wollte man ver-
suchen, gleich zu Beginn das Pferd
aus dem Stand heraus durch kräftige
Hilfen aufzufordern und durch ent-
sprechende Paraden am Vorgehen zu
hindern. Das Pferd wäre irritiert, ver-
spannt und hätte ein negativ gepräg-
tes Ersterlebnis, das den weiteren Fort-
gang der Ausbildung empfindlich be-
einträchtigen kann.
Stattdessen soll das Pferd, wie
durch die Vorarbeit gewohnt, an der
Hand angetrabt werden. Nach einigen
Trabtritten kommt eine deutliche
Aufforderung zu aktiverem Treten
und gleichzeitig werden zwei, drei
Tritte mit der Hand abgefangen. Diese
Aufforderungen und Paraden müssen
prägnant sein, um dem Pferd zu ver-
mitteln, dass es nicht um gespannte
Tritte, sondern um eine Gangart geht.
Nach diesen Verkürzungen wird nor-
mal weitergetrabt, zum Schritt und
Halten pariert und das Pferd gelobt.
Dabei geht es keineswegs etwa darum,
den Trab ständig zu verkürzen, bis es
fast auf der Stelle tritt: Das würde zu
matten Bewegungen und «Abwürgen»
Abzuschliessen sind die Übungen
stets mit freien und lösenden
Bewegungen an der Longe, auch mal
im Freilaufen.
Bodenarbeit
LEKTION
Die Arbeit an der Hand macht für den
Autor Ulrich Schnitzer – hier im Bild zu
sehen mit der 26-jährigen Holsteiner-
stute Valerie in der Piaffe – nur dann
Sinn, wenn sie in ein sinnvolles
Ausbildungskonzept eingebunden ist.
Zwei Möglichkeiten, wie ein Pferd am
Zügel geführt werden kann, wenn der
Reiter abgesessen ist.
(Zeichnung: Renate Blank)