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Kavallo 11/2015
THERAPIEPFERDE
Tiere sind ehrliche Wesen
Im Stall warten die Pferde auf ihren
Einsatz. Elvira fährt mit dem Striegel
über das schwarze Fell von Amazone.
Mit der linken fährt sie den geputzten
Stellen kontrollierend nach und spürt
schmutzig gebliebene Stellen auf. An
den Reitkursen für Sehbehinderte
nimmt sie seit zehn Jahren teil. «Mit
diesem Reitkurs ermögliche ich mir
etwas, was zu Hause nicht denkbar
wäre», eklärt die Frau aus Münsingen.
Als Sehende sei sie in früheren Jahren
viel geritten. Mittlerweile ist ihr Seh-
vermögen auf einem Auge ganz weg
und auf dem andern beträgt es noch
fünf Prozent. Pferde bedeuten ihr
gleich viel wie ihr schwarzer Labrador
Xandor. Dieser begleitet sie seit vier-
einhalb Jahren. «Tiere sind ehrliche
Wesen und ein Blindenhund bedeutet
für mich Lebensqualität, der zudem
für mich Brücken zwischen den Men-
schen schlägt», sagt sie. Seit sie auf ei-
nen Blindenstock angewiesen ist, spü-
re sie von ihren Mitmenschen eine
grosse Zurückhaltung, was sie schon
traurig mache. Zu Amazone hat sie ei-
ne spezielle Bindung, als sie vor eini-
gen Jahren mit ihr bei einem Ausritt
in ein Gewitter geriet und dabei gros-
se Angst hatte. Wegen des Pferdes
musste sie sich stark zusammenreis-
sen und ruhig bleiben.
Blindsein ist kein Hindernis
Auf dem Eselhof schätzt Elvira nicht
nur das Reiten, sondern den ganzen
Kontakt mit den Pferden. Auf dem
Pferd wiederholt sie unter Anleitung
von Maya Probst die Übungen, die sie
zuvor auf dem Boden schon gemacht
hat. Friedlich gehen Amazon sowie
der Freiberger Roni zu Beginn noch
begleitet von Führpersonen auf dem
Sandviereck im Schritt. Währenddes-
sen warten Irma und Olivier am Ran-
de. Die Frau aus dem Tessin hört ge-
nau hin, wo sich die Pferde bewegen,
zückt ihr Natel und schiesst unter ge-
sprochener Anleitung des Gerätes ein
Foto. «Blind sein ist für mich keine
Hinderung», sagt sie selbstbewusst. 40
Jahre lang hat sie gesehen, vor einem
Jahr verlor sie das sogenannte kom-
plette Schattensehen und sieht nur
noch Unterschiede in Hell und Dun-
kel. Von ihrer Sehbehinderung will sie
sich nicht einschränken lassen und
spürt die Natur gerne bei verschiede-
nen sportlichen Aktivitäten. «Das Hö-
ren von Geräuschen, das Spüren von
Wind und Wetter und das Wahrneh-
men verschiedener Gerüche sind für
mich auf wertvolle Weise das andere
Sehen.» Nach einer langen Pause hat
sie vor drei Jahren mit Reiten wieder
begonnen, in Altnau ist sie das erste
Mal dabei und ist vom gegenseitigen
Gottvertrauen zwischen Mensch und
Tier fasziniert.
Mit Körperhaltung lenken
Tief sitzen, die Fersen nach unten, Po
anspannen und aus der Wirbelsäule
herauswachsen, leitet Maya Probst die
zweite Gruppe an. Als ob jemand ei-
nen am Schädel sanft in die Länge
zieht. Und wie zuvor auf dem Boden,
müssen die Hände über dem Kopf zu-
sammengenommen werden. Reiten
ohne Steigbügel sorgt für die Schu-
lung des Gleichgewichts, die Beine
sind vom Pferd wegzustrecken. Die
Reitpädagogin erklärt, wie ihre Pferde
durch das Sitzen und die Körperhal-
tung gelenkt werden: «Bauchnabel
und Nasenspitze zeigen immer in die
gewünschte Richtung. Dabei verlagert
sich der Körper automatisch und weist
dem Pferd den Weg. Der Zügel an den
Strickhalftern dient lediglich zur Prä-
zisierung. Für Olivier fühlen sich die
Übungen ungewohnt an, der sich von
zu Hause nervösere Pferde gewohnt ist.
Für ihn ist es ein Ritt zum Geniessen,
er freut sich in den nächsten Tagen auf
den geführten Ausritt im nahen Wald.
Reiten als
Gleichgewichtstraining
Mit zunehmender Sicherheit dürfen
die Teilnehmer auf dem Sandviereck
die Pferde selbstständig reiten. Olivier
lässt den weissen Camargue-Wallach
Kit gar über die Wippe gehen und
freut sich über den Erfolg. Ebenso Jac-
queline auf Roni. Die 37-jährige Basle-
rin hat am Reitkurs schon oft teilge-
nommen und in all den Jahren auf
dem Eselhof ein Vertrauen aufgebaut.
Reiten bezeichnet sie als pure Erho-
lung vom Alltag im Büro und ist für sie
gutes Gleichgewichtstraining. In der
Freizeit bewegt sie sich gerne in der
freien Natur, auf dem Pferderücken ist
das jedes Mal etwas ganz Spezielles.
Das Blindenreiten bietet Maya
Probst in Zusammenarbeit mit dem
IBZ bereits seit 15 Jahren an. Mit Au-
genkrankheiten und ihren Folgen hat
sie sich bis dahin noch nie auseinan-
dergesetzt. Mittlerweile kennt sie sich
in den verschiedenen Organisationen
gut aus und hilft beim Schweizeri-
schen Blindenbund bei einigen Kurs-
angeboten mit. Bei der Organisation
Pferdegestützte Therapie Schweiz
hilft sie in der Ausbildung mit und
bietet das Modul Reiten mit Sehbehin-
derten an.
Tief sitzen und hoch die Arme
(oben) – für Blinde gibt es auf dem
Pferd körperlich und seelisch viel zu
spüren.
Blindsein ist kein Hindernis, aufs
Pferd zu steigen (links), wenn die
Umgebung dafür eingerichtet ist.