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Jetzt ist Obstrunde

Pferde sind keine Menschen, sagen die einen. Extra-Vitamine sind durchaus sinnvoll, die anderen. Fakt ist: Viele Obst- und Gemüsesorten finden Pferde schmackhaft, und unter bestimmten Voraussetzungen wirken sie sich positiv auf die Gesundheit aus. Zu exotisch, üppig und abwechslungsreich darf das Angebot aber nicht sein.

Tierärztin Anne Mösseler vom Institut für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule Hannover nimmt in puncto Salat kein Blatt vor den Mund. «In der Vegetationsphase des Salates – also zu den Zeiten, in denen in Deutschland Salat geerntet werden kann – ist im Allgemeinen auch auf der Weide entsprechendes Grünfutter vorhanden», stellt sie fest. «Es ist daher durchaus infrage zu stellen, ob ich als Besitzer meinem Pferd Salat füttern sollte und es damit quasi zum Nahrungskonkurrenten mache.» Noch kritischer sieht sie die Situation im Winter: «Ist es ökonomisch und ökologisch vertretbar, Salate aus wärmeren Regionen zu importieren, nur um sie dann an die Pferde zu verfüttern?» Natürlich sei das Pferd derartigen Grünfuttermitteln grundsätzlich nicht abgeneigt – inwieweit der Einsatz jedoch sinnvoll sei, bleibe abzuwägen. 

Gefährliches Fallobst 

Prinzipiell erhalten Pferde, wenn sie regelmässig auf der Weide sind, ausreichend Saftfutter. Frisches Gras hat einen natürlichen hohen Wassergehalt und ist Bestandteil einer gesunden Pferdeernährung. Trotzdem lieben Pferde ab und an Abwechslung, die man ihnen in Form von bestimmten Obst- und Gemüsesorten geben kann. So werden zum Beispiel Äpfel, Möhren oder auch Rote Beten seit Langem in der Pferdefütterung eingesetzt. Diese Sorten sind normalerweise unbedenklich, das heisst, sie werden vom Pferd gut vertragen und beeinflussen gegebenenfalls sogar seine Gesundheit positiv. So haben Äpfel und Möhren einen hohen Anteil an Pektinen, die zu den Ballaststoffen gehören und die Verdauung fördern. Anne Mösseler warnt allerdings davor, die Vitamingehalte in Obst und Gemüse zu überschätzen. «Überspitzt formuliert: Wenn ein Pferd gesund ist, benötigt es im Grunde bei Fütterung einer ausgewogenen Ration praktisch kein Obst und Gemüse», betont sie. «Wenn es krank ist, kann – in Absprache mit dem Tierarzt – eine gezielte Ergänzung der Ration und eventuell sogar der gezielte Einsatz von Obst und Gemüse sinnvoll sein.» In letzter Zeit hat sie jedoch einen «Boom» beobachtet, nicht mehr auf die typischen Sorten für Pferde zurückzugreifen, sondern möglichst exotische Sorten einzusetzen. «Nicht selten ist eine gewisse Vermenschlichung des Tieres ursächlich für dieses Vorgehen», kritisiert sie. «In den Sommermonaten nascht der Besitzer Erdbeeren – warum also sollte der geliebte Vierbeiner nicht auch davon bekommen?» Sie warnt aber vor zu grossen Mengen oder zu häufigen Wechseln im Angebot. «Die Dosis macht das Gift: Eine Handvoll Erdbeeren ist sicherlich in den meisten Fällen unproblematisch; grössere Mengen können jedoch schlimmstenfalls zu gesundheitlichen Störungen führen!» So sei das Pferd aufgrund seines Verdauungstraktes ein «Gewohnheitstier »: «Die Mikroben im Verdauungskanal reagieren relativ prompt und teilweise sehr massiv auf Änderungen des Nährstoffangebotes!» Deswegen ist auch dringend zu empfehlen, sein Pferd nicht unbeaufsichtigt auf Obstwiesen weiden zu lassen bzw. die Obstbäume abzuzäunen. Viele Pferde entwickeln einen beeindruckenden Einfallsreichtum, um an die Früchte zu gelangen. Gerade Fallobst wird jedoch in unkontrollierten Mengen heruntergeschlungen, so dass es zu Fehlgärungen im Darm kommen kann. 

Frei von Dreck, Schimmel und Sand 

Ausserdem tummeln sich hier häufig Wespen, die dann mitgeschluckt werden. «Wenn Pferde in dieses Obst beissen, sind Wespenstiche nicht selten», warnt Mösseler. «Dies ist gerade im Maulbereich schmerzhaft und bei Schwellungen nicht unproblematisch.» Besonders wichtig ist ausserdem der einwandfreie Zustand des Obstes und Gemüses. Schimmelpilze an Karotten beispielsweise sind giftig und lassen sich nicht einfach wegschneiden – im Zweifelsfall also lieber die ganze Karotte entsorgen. Wenn Karotten schimmlig, faulig, dreckig oder gar gefroren sind, können sie Koliken, Durchfall oder Magen-Darm-Infektionen auslösen. Auch bei Erdbeeren ist Vorsicht geboten. Sie sind häufig stark mit Sand oder Dreck verschmutzt und erhöhen somit das Risiko einer Sandaufnahme. 

Kleine Mengen, wenige Sorten 

Sorten, die üblicherweise mit Pestiziden belastet sind – zum Beispiel Erdbeeren, Trauben und Salat –, müssen ebenfalls gründlich gereinigt werden. Ausserdem enthalten manche Gemüsesorten negative Inhaltsstoffe: In ungekochten Kartoffeln finden sich zum Beispiel Solanin und Trypsinhemmstoffe; ein wichtiger Grund, warum sie grundsätzlich nicht roh gefüttert werden sollten. «Zudem enthalten Kartoffeln Stärke, die roh deutlich geringer verdaulich ist», erklärt die Tierärztin. Rote Beten sind nitrat- und nitrithaltig, dürfen deswegen nicht in zu grossen Mengen gegeben werden. Zuckerrüben, die von vielen Pferden wegen des süssen Geschmacks sehr gerne genommen werden, sind jedoch genau deswegen auch sehr zuckerreich (in der Trockenmasse bis zu 70 Prozent). «Sie sind daher bei Pferden mit Störungen des Glukose-Stoffwechsels nicht respektive nur mit Vorsicht einzusetzen», erläutert Mösseler. Steinobst kann – in Massen – gefüttert werden. Es muss allerdings bedacht werden, dass die meisten Sorten stark gärend sind und die Steine giftige Substanzen beinhalten. Die Kerne müssen deswegen immer entfernt werden, damit sie sich nicht im Darm ansammeln und Koliken auslösen. Es soll zwar auch Pferde geben, die sie ausspucken können – aber verlassen Sie sich lieber nicht darauf.

 

text Julia Schay-Beneke

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