Von: Fotos: Valeria Streun, zvg

Haltung: 06/16

Im Stallbau steckt noch viel Potenzial

Paddockboxen bieten Pferden nicht nur mehr Komfort, sie kommen auch den angeborenen Bedürfnissen viel mehr entgegen.

Ganz typisch für Pferde ist das Fressen Nase an Nase und wird auf der Weide ebenso praktiziert wie in der Sozialbox durch die Gitter hindurch.

In der Aufwertung von Boxenställen sieht der Ethologe und Stallbauer Andreas Kurtz für Pensionsställe eine Riesenchance.

Die 50 Millionen Jahre dauernde Evolutionsgeschichte hat das Pferd laut der Pferdesachverständigen Stefanie Arnhard geprägt. Der Stallbau hat sich danach zu richten.

Ins kleine Paradies zurück finden Pferde im durchdachten Gruppenstall.

Viel, sehr viel hat sich in den vergangenen Jahren im Stallbau für die Pferde verbessert. Nicht in erster Linie unter dem Druck von Gesetzen und Verordnungen, sondern aus der Einsicht heraus, ihnen zu einem artgerechteren Leben zu verhelfen. Das Potenzial ist aber noch nicht ausgeschöpft, wie an einem Stallseminar an der PFERD in Bern zu hören war.

Über 50 Millionen Jahre hat sich die Evolution des Pferdes erstreckt. Die 5000 Jahre seit seiner Domestikation sind im Vergleich dazu ein paar wenige Sekunden im Tagesablauf von 24 Stunden und haben es nicht fertiggebracht, angeborene Eigenschaften und verankertes Verhalten zu verändern. In der Haltung und speziell in der Aufstallung zeigt sich das besonders, wenn seine Bedürfnisse berücksichtigt werden möchten. Wenn sich auch nicht alles umsetzen lässt, ging das von der «BauernZeitung» und dem Kavallo im Rahmen der PFERD in Bern organisierte Stallseminar der Frage nach, wie Ställe denn aussehen würden, wenn Pferde ihre Unterkünfte selber bauen könnten – als Steppentier mit täglichen Bewegungsdistanzen von bis zu 17 Kilometer am liebsten wohl keine. Doch weil das mit Strassen und Gebäuden übersäte Mitteleuropa kein Hippo-Paradies ist, hat eine an die pferdlichen Bedürfnisse angepasste Infrastruktur für Wohlbefinden und Gesundheit zu sorgen, wie die Pferdesachverständige Stefanie Arnhard aus Landsberg am Lech darlegte. Thema ihres Referats war der Einfluss von Haltungssystemen auf die Pferdegesundheit. Wo am meisten Handlungsbedarf angezeigt ist, zeigt eine Versicherungsstatistik der Ausfälle: Krankheiten der Bewegungsorgane (46,8–55,9%), der Verdauungsorgane (10,6–18,2%), des Atmungsapparates (6,7–17,6%).  Alle andern Ursachen liegen unter 10%. Nicht verwunderlich, dass Arnhard zum Thema Atemwegserkrankung festhielt: «Die Angst vor Zugluft bringt viel mehr Pferde um, als Zugluft jemals einem Pferd geschadet hat.» Ein wichtiger Hinweis darauf, dass viele chronische Schäden auf Haltungssysteme zurückzuführen sind.

Einflüsse auf Liegeverhalten
Mit den Grundbedürfnissen des Pferdes befasste sich auch Franziska Kägi von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Besonders untersucht wurde von ihr das Liegeverhalten: «Ob und wie lange sich ein Pferd hinlegt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig.» In der Box oder im Stand liegen Pferde beispielsweise länger als in der Gruppe. Zu den Einflussfaktoren zählen im weiteren Alter, Jahreszeit, trockener oder nasser Untergrund, Grösse der Liegefläche, das Einstreumaterial oder in der Gruppe die Ranghöhe. 

Dass Pferde ihre Bedürfnisse in ausreichender Form befriedigen können, wird heute als Aufgabe von uns Menschen angesehen. Damit befasst sich auch Christa Wyss, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Nationalgestüt Avenches. Eine von ihr betreute Forschungsarbeit betrifft die Optimierung der Boxenhaltung für Hengste. In der Sozialbox wurden ihnen durch vertikal angebrachte Eisenrohre Interaktionen mit Körperkontakt ermöglicht. Schwere Verletzungen traten keine auf, es kam aber zu einer wichtigen Anreicherung der grundsätzlich relativ reizarmen individuellen Boxenhaltung von Pferden.

Aufwertung als Riesenchance
Die von ihm im Nationalgestüt Avenches wie im Winterquartier des Zirkus Knie montierten Sozialgitter sind von Andreas Kurtz entwickelt worden. Er setzt sich seit 40 Jahren mit der Pferdehaltung auseinander und baut diese Komfortelemente erfolgreich in Pensionsställe ein. Auch hier ohne Schwierigkeiten, weil es nach seinen Erfahrungen unglaublich ist, wie «Pferde das Zusammenleben managen». Freilich erinnerte er daran, dass Pferde das Zusammenleben auch verlernen könnten. Beim Ausbau der Normal- zur Sozialbox gibt es für Kurtz einige Sachen zu bedenken. Als «eigentliche Preisfrage» sieht er diesen Mehrkomfort nicht, sondern vielmehr als «Riesenchance für Pensionsställe». 

An Beispielen fehlte es der praktizierenden Tierärztin Annina Rohner in ihrem Referat nicht, um auf Verletzungsgefahren in den verschiedenen Haltungssystemen aufmerksam zu machen. Zu schweren Verletzungen selbst mit Todesfolge kommt es nicht nur in der Gruppenhaltung oder Einzelbox, Verletzungen treten ebenso unter dem Sattel, vor dem Wagen, in der Führanlage oder im Anhänger auf. Bezüglich Verletzungsgefahren im Stall rät sie: «Was nicht niet- und nagelfest ist, soll aus der Box und dem Gehege entfernt werden. Und alles, was irgendwie spitz in den Pferderaum vorsteht, muss entfernt oder gepolstert werden.»

Auftakt zum Stallwettbewerb «Der gute Stall»
Das Stallseminar hatte nicht nur theoretisches und praktisches Wissen zur Haltung von Pferden zu vermitteln, es war auch als Auftakt für den von «BauernZeitung», PFERD und Kavallo ausgearbeiteten Stallwettbewerb «Der gute Stall» gedacht. Welche Überlegungen zu einem solchen Wettbewerb führen, legte Hanspeter Meier, Präsident des Verbandes  Schweizer Pferdezuchtorganisationen, dar: «Ein Wettbewerb ist dann besonders attraktiv, wenn er Fortschritte für eine gute Sache bringen soll. Für den Stallwettbewerb ‹Der gute Stall› trifft diese Voraussetzung erfreulicherweise in hohem Masse zu. Hier geht es ja darum, das Wohlbefinden unserer Equiden zu fördern. Dies ist eine sehr noble Aufgabe und besonders für einen Tierarzt gibt es nichts Wichtigeres und Besseres, als gesundheitlichen Problemen und Verletzungen unserer Partner vorzubeugen. Dies kommt aber nicht nur den Pferden zugute, sondern auch uns, weil Gesundheit und Zufriedenheit unerlässliche Voraussetzungen für leistungsfähige Tiere sind. Wir kommen damit überdies auch dem Züchter entgegen, der in der Regel guten Willen, viel Arbeit und Mittel in seine Arbeit investiert. Es ist somit auch für ihn ein echtes Anliegen, dass für seine Produkte später ein optimales Umfeld geschaffen wird.» Der Wettbewerb wird in drei Kategorien ausgeschrieben: Gruppenhaltung sowie Einzelhaltung bis 5 und über 5 Pferde. Bis Ende August können sich Betriebe anmelden, die dann in den folgenden Monate von einer Jury überprüft werden. Die Präsentation der ausgezeichneten Ställe wird im Rahmen der PFERD 2017 erfolgen. 

Stallwettbewerb «Der gute Stall»

Wie würden Pferdeställe aussehen, wenn Pferde selber bauen könnten? PFERD, «Bauern Zeitung» und Kavallo suchen auf diese Frage nach Beispielen und veranstalten den Stallwettbewerb «Der gute Stall». 

Zielpublikum: Stallbesitzer/innen und -betreiber/innen in der ganzen Schweiz.
Idee: Mit der Durchführung eines Wettbewerbs werden beispielhafte Haltungsformen und Detaillösungen sowie gute Ideen publik gemacht.
Kategorien: Der Stallwettbewerb «Der gute Stall» wird für 3 Kategorien ­ausgeschrieben:
Einzelhaltung Boxen – bis 5 Pferde – ab 5 Pferden
Gruppenhaltung

Wettbewerbsunterlagen
Sie möchten am Stallwettbewerb «Der gute Pferdestall» teilnehmen? Dann verlangen Sie die Wettbewerbsunterlagen per E-Mail info@kavallo.ch, per Tel. 052 232 18 91 oder senden Sie und das Formular

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