Von: Dr. med. vet. Christoph Wegmann

Tierarzt: 9/19

Diagnose wird revolutioniert

Bei orthopädischen Problemen geniessen die diagnostischen Möglichkeiten einer MRI-Untersuchung an Gliedmassen von Pferden einen sehr hohen Stellenwert, da Knochen und Weichteilgewebe gleichermassen hochwertig abgebildet werden können.

Der MRI-Scanner im Dalchenhof ist eines von über 100 im Einsatz stehenden Geräten. Gut erprobt sind sie, denn am stehenden Pferd wurden mit ihnen ohne Vollnarkose schon über 100000 Scans gemacht.

Um zu guten Resultaten zu kommen, ist bei der Untersuchung sicherzustellen, dass sich Magnet und Pferd am richtigen Ort befinden.

Freude über das für die Schweiz revolutionierende MRI-Gerät bei den Dalchenhof-Tierärzten Martin Stöckli (li.) und Diego Gygax (re.).

In der Diagnosestellung bei Pferden sind die Möglichkeiten revolutioniert worden. Ohne Vollnarkose lassen sich dank einer MRI-Untersuchung die Gliedmassen stehender Pferde beurteilen. 

Ende Juni wurden die Pferdetierärzte der Schweiz zum Open Day in die Pferdeklinik Dalchenhof im aargauischen Brittnau eingeladen. Die Inhaber der Klinik, Dr. FVH ECVS Diego Gygax und Dr. med. vet. Martin Stöckli, und ihre tierärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informierten über die Möglichkeiten des Einsatzes der MRT (Magnetresonanztomographie) in der Lahmheitsdiagnostik von Equiden. Das vor wenigen Wochen in Betrieb genommene Gerät erlaubt auch die Gliedmassen stehender Pferde zu untersuchen. Dies war bis anhin in der Schweiz einzig im AOI Center in Hünenberg möglich, wo Prof. Dr. Barbara Kaser-Hotz ACVR ECVDI im Jahr 2012 das erste MRT installiert hatte, welches ohne Vollnarkose, also am sedierten stehenden Pferd eingesetzt werden konnte.

Aufgrund grosser Nachfrage
Die grosse Nachfrage nach der Etablierung dieser Technologie führte nun dazu, dass im Dalchenhof schweizweit erstmals ein MRT mit stehender Anwendung als integraler Teil einer Pferdeklinik in Betrieb genommen werden konnte. So wird sowohl der finanzielle Aufwand, aber auch, und das ist entscheidend, vor allem das doch immer bestehende Risiko durch den Verzicht einer Vollnarkose entscheidend minimiert, was selbstredend zu besserer Akzeptanz und damit zu erhöhter Praxistauglichkeit führt. Mit dem System des stehenden MRT werden die bisherigen bekannten bildgebenden Verfahren wie Radiologie (Röntgen), Sonographie (Ultraschall), Szintigraphie, CT (Computertomographie) und Thermographie (Wärmebilder) nicht überflüssig; es ist aber möglich, dass die Zahl ihrer Anwendung sich reduzieren wird. Aus pferdemedizinischer, speziell orthopädischer Sicht ist das MRT damit eine bahnbrechende, die Lahmheitsdiagnostik ergänzende und verfeinernde Möglichkeit im Untersuchungsgang. Die Möglichkeiten der Diagnosestellung werden revolutioniert und die Genauigkeit der Prognose wird erheblich verbessert. Dies erschliesst sich unter anderem aus dem Zitat von Dr. Björn Nolting (Pferdeklinik Leichlingen DE): «Die MRT-Untersuchung hat der Tiermedizin in der Diagnostik Türen geöffnet, die bis dato geschlossen waren. Für die Orthopädie: unverzichtbar!»
Für Pferdebesitzerinnen und -besitzer bzw. für den vierbeinigen Patienten heisst dies, dass mit einem Gerät sowohl Weichteil- und Knochenstrukturen dargestellt werden können. Des Weiteren ermöglicht die dreidimensionale Darstellung, Läsionen in ihrem vollen Umfang und in mehreren Ansichten zu visualisieren. Die Kosten sollen sich nicht signifikant von denen der konventionellen Diagnostik unterscheiden. Dies durch die wegfallende Vollnarkose, aber auch, weil konventionell untersuchte und behandelte Pferde durch unbefriedigenden Krankheitsverlauf eher mehrmals in den Kliniken nachuntersucht und therapiert werden müssen und dadurch höhere Kosten generieren.

Aus der Sicht der Praxis
Aus den kompetenten Erläuterungen der die Klinik Dalchenhof beratenden und unterstützenden  MRT-Spezialistin DVM DAVCR Natasha Werpy erfuhr die Tierärzteschaft, welche Untersuchungen vorgehend durch die praktizierende Stall-Tierärztin oder den Stall-Tierarzt gemacht werden sollten und welche Fälle dann letztlich zur MRT-Abklärung überwiesen werden können. Die Überweisungsklinik übernimmt das Pferd ab Aufnahme der Vorgeschichte und managt Sedation und die Bildaufnahmen. Nach der Interpretation der Befunde und gestellter Diagnose werden Empfehlungen bezüglich Therapie, Prognose und weiteres Vorgehen in der Trias Pferdebesitzer, einweisender Tierarzt und Kliniktierarzt diskutiert. 

MRT/MRI-Geräte für stehende Pferde

Stehend unter Sedation seit 2012
6331 Hünenberg, AOI Center, Rothusstrasse 2a, 041 783 07 77, www.aoicenter.ch

Stehend unter Sedation seit 2019
4805 Brittnau, Pferdeklinik Dalchenhof AG, Talchenweg 7, 062 751 92 21, www.dalchenhof.ch

Durch den deutlichen Mehrwert der MRI-Diagnostik beim Pferd und der nicht abgeschlossenen Weiterentwicklung der Geräte darf angenommen werden, dass sich weitere private und staatliche Institute in nicht allzu ferner Zeit entsprechend ausrüsten werden.

Häufige Fragen

Was ist ein Magnetresonanzimaging bzw. eine Magnetresonanztomographie?
Bei der Magnetresonanztomographie (MRT, MRI, Kernspintomographie) handelt es sich um ein bildgebendes Verfahren, welches mittels eines starken Magnetfeldes und Radiowellen Schichtbilder des Körpers erzeugen kann.

Sind alle MRT-Systeme gleichwertig?
Es werden drei Typen von MRT-Scannern angeboten:
1. Hallmarq-System für Aufnahmen am stehenden Pferd unter Sedation.
2. Adaptierte Humangeräte, röhrenförmige Scanner. Das bedingt eine Vollnarkose.
3. Niederfeld-Geräte. Auch hier ist eine Vollnarkose nötig. Mit diesem System können zum Teil grössere Abschnitte als die distale Gliedmasse untersucht werden.

Ist MRT sicher?
Im Allgemeinen sind sich Patienten (nicht nur Pferdebesitzer/-innen!) bewusst, dass jede Vollnarkose auch bei gesunden Individuen mit einem Restrisiko (während der Narkose, bei Pferden aber auch nach der Narkose durch die Aufstehversuche) behaftet ist. Deshalb wird in den meisten Fällen die Option «stehend» vorgezogen.

Ist MRT teuer?
Je nach Aufwand variieren die Kosten eines MRT. Dieser Punkt wird mit Vorteil vorgängig mit den Anbietern besprochen. 

Was ist sonst noch wichtig zu wissen?
Eine gründliche Lahmheitsdiagnose durch die Stalltierärztin oder den Stalltierarzt mit einer genauen Vorgeschichte ist für eine Überweisung an das jeweilige Institut bzw. die Pferdeklinik von eminenter Wichtigkeit. Das bedingt unter anderem auch das Setzen von diagnostischen Anästhesien; nur so kann das MRI dann zielführend am Ort des Geschehens eingesetzt werden.

 

 

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