Von: Bart Krenger | Rechtsanwalt

Ratgeber: 8/19

Recht | Pferd zu zäumen kann sich lohnen

Mit meinem Pferd gehe ich hin und wieder spazieren. Meistens führe ich es aufgezäumt, bin aber auch schon nur mit Halfter und Strick unterwegs gewesen. Nach dem kürzlichen Zusammenstoss eines Zuges mit einem Pferd bei Laufen habe ich mich gefragt, ob man mich allenfalls haftbar machen kann, wenn ich das Pferd nur am Halfter führe? Gibt es dazu irgendwelche Vorschriften? L. V. in R.

Der Staat schreibt nicht vor, wie ein Pferd gezäumt sein muss, damit es auf den öffentlichen Strassen und Wegen spazierengeführt werden darf.
Das Strassenverkehrsgesetz stellt nur Regeln für das Verhalten von Reitern und Führern von Tieren im Verkehr auf – sinngemässes Beachten der Regeln des Fahrverkehrs (Artikel 50 Absatz 4 SVG). Die Verkehrsregelnverordnung hält fest: «Wer ein Tier führt, muss es ständig in seiner Gewalt haben» (Artikel 52 Absatz 1 erster Satz VRV). Aber wie, mit welchen Mitteln sie ihr Pferd beherrschen, das ist nicht vorgeschrieben.

Regelungen auf anderer Ebene
Damit ist aber nicht gesagt, dass die Art der Ausrüstung des Pferdes zum Führen, mit Zaum oder Halfter, rechtlich bedeutungslos ist; sie kann Auswirkungen haben, bei der Haftung zum Beispiel. Von Tieren, die einen eigenen Willen haben und diesen manchmal auch durchsetzen, geht eine gewisse Gefahr aus. Diese Gefahr für andere wird ausgeglichen durch die spezielle Haftung des Tierhalters, sie ist eine sogenannte Kausalhaftung, also eine Haftung auch ohne Verschulden. Der entsprechende Gesetzesartikel, Artikel 56 Absatz 1 Obligationenrecht, lautet:
«Für den von einem Tier angerichteten Schaden haftet, wer dasselbe hält, wenn er nicht nachweist, dass er alle nach den Umständen gebotene Sorgfalt in der Verwahrung und Beaufsichtigung angewendet habe, oder dass der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt eingetreten wäre.»
Verliert ein Führer die Kontrolle über sein Pferd und entsteht deswegen einem Dritten Schaden, wird er als Tierhalter grundsätzlich haftbar. Kann er beweisen, dass er alle nach den Umständen gebotene Sorgfalt in der Verwahrung und Beaufsichtigung seines Pferdes angewendet hat, wird er von der Haftung für den Schaden befreit, gelingt der Beweis nicht, bleibt die Haftung hängen.
Und da kommt nun die Ausrüstung ins Spiel. Ein Pferd brennt durch und verursacht einen Unfall. War das Pferd ganz normal gezäumt, wird niemand danach fragen, ob man mit dieser Zäumung ein Pferd beherrschen kann. Es werden vielleicht Fragen nach dessen Verkehrstauglichkeit, allenfalls Fragen nach der Erfahrung des Führers gestellt. Trug das Pferd aber nur ein Halfter, so wird sicher die Frage nach der Eignung dieser Ausrüstung für die Beherrschung eines Pferdes im Strassenverkehr gestellt.

Seit Jahrtausenden mit Gebiss
Wir leben und bewegen uns in einem Kulturkreis, in welchem man seit Jahrtausenden den Pferden ein Gebiss ins Maul einlegt, um sie zu beherrschen, beim Reiten, beim Fahren, beim Vortraben an einer Zuchtschau und auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Und in diesem Umfeld muss dann nach einem Unfall, also ausgerechnet dann, wenn die Beherrschung des Pferdes verloren ging, bewiesen werden, dass es nur mit dem Halfter ebenso gut beherrscht werden kann wie mit einem Zaum. Das wird in den meisten Fällen wohl kaum gelingen.
Die Haftung wird bestehen bleiben, eventuell kommen Kürzungen bei den Leistungen der Haftpflichtversicherung wegen grobfahrlässigem Herbeiführen eines Schadens hinzu.
Das Pferd zu zäumen kann sich lohnen!

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