Editorial: 8/19

Bauchgefühl oder Kopf oder beides?

Einen passenden Stall zu finden, lässt Besitzerinnen und Besitzer nicht selten tagelang herumkurven. Die Unterkunft muss ja nicht nur auf den Vierbeiner zugeschnitten sein, für sie spielen Distanz, Infrastruktur oder Haltungsform sowie Stallbelegschaft eine nicht weniger wichtige Rolle. Nicht selten werden unsere Bedürfnisse gar über diejenigen der Pferde gestellt. Für das Pferd wäre der Stall mit seinem Serviceangebot exakt der richtige Platz, lobte eine Besitzerin kürzlich einen Stall, wechselte mit ihrem Headshaker und Heuallergiker aber doch nicht auf diesen Betrieb – das Bauchgefühl hatte ihr davon eben abgeraten.

Gefühl spielt im Umgang mit Pferden eine wichtige Rolle, wie auch in dieser Ausgabe verschiedentlich zu lesen ist. Beim Anreiten etwa, wo das Wie vorangestellt wird. Auch der junge Berufsreiter Alain Hefti zeigt sich dankbar dafür, dass ihm die «ganze Gefühlsbasis ums Pferd» während der Ausbildung vermittelt worden sei. Und der ehemalige Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule Arthur Kottas-Heldenberg sagte stets: «Für mich gibt es gefühlvolle und gefühllose Reiter!» Womit auch alles zu den Reitstilen gesagt war.

«Bauchgefühl oder Kopf oder beides?» lautet im Titel die Frage. Sein Bauchgefühl über klare Fakten zu stellen, ist wohl genauso riskant, wie auf youtube nach Heilung zu suchen, wie letzthin die Sendung «10 vor 10» aufzeigte. Nicht weniger als ein Drittel der aufgeschalteten Tipps zur Heilung von Hautekzemen war gar schädlich. Das Bauchgefühl ist eben nicht die Wahrheit, vielmehr basiert es auf subjektiven Erfahrungswerten. Positiver hingegen ist, dass die Wissenschaft heute viel bestätigen kann, was früher dem Gefühl nach gemacht worden ist. Etwa das Zeitlassen beim Arbeitsbeginn: Die Akklimatisation der Jungpferde dauerte bei der Schweizer Armee früher im günstigsten Fall zwei Monate. 

Thomas Frei
Chefredaktor

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