Von: von Bettina Kelle | Fotos: Racing Australia

Pferdeleben: 7/19

Winx liebte zu galoppieren und zu siegen

25 Gruppe-1-Erfolge und ungeschlagen als Vier- bis Siebenjährige dank einem Siegeswillen, wie es Jockey Hugh Bowman bei keinem anderen Pferd je erlebt hat.

40 000 Zuschauer kamen auf die Rennbahn Randwick, um Winx als erfolgreichstes Rennpferd aller Zeiten zu verabschieden.

Schon als Fohlen fiel Winx mit den langen Beinen auf.

Legs forever – ...

... zum Karriere­ende modelte Winx ...

... mit Nya Leth für Vogue

Eine neue Rosenzüchtung verkörpert die Eigen­schaften von Winx: Eleganz, Gesundheit und Brillanz.

Während vier Rennsaisons galoppierte sich die Wunderstute Winx in Australien in die Herzen der Menschen und an die Spitze der gewinnreichsten Pferde aller Zeiten. Von der Rennbahn hat sich die siebenjährige Heldin vor 40 000 Zuschauern verabschiedet.

Am 14. September 2011 wurde auf einem australischen Vollblutgestüt ein Stutfohlen geboren, das ungewöhnlich schnell aufgestanden sei und bei seiner Mutter getrunken habe. Ihrer langen Beine wegen wurde die Kleine mit Topmodel und Schauspielerin Elle Macpherson verglichen. Dass die junge Pferdedame eines Tages ebenso berühmt wie die australische Schönheit werden würde, ahnte damals noch niemand. Winx, wie das Pferd später heissen sollte, wurde als Jährling von Coolmore Stud an der renommierten «Magic Million Gold Coast»-Auktion angeboten und für 230 000 australische Dollar verkauft. Das neue Besitzer-Trio vertraute Winx dem australischen Toptrainer Chris Waller in Sidney an. Sie gewann ihre beiden Starts als Zweijährige und vier von zehn Rennen als Dreijährige. In diesem Alter entwickelte sich die Stute ständig, wurde stärker und füllte ihren Rahmen aus.

Aussergewöhnliche Konstanz
Danach startete Winx richtig durch, blieb bei all ihren Starts von vier- bis siebenjährig ungeschlagen und gewann 33 Rennen auf höchster Ebene.  Mit dem 25. Gruppe-1-Erfolg beim letzten Start ihrer Karriere realisierte sie zugleich den 100. Gruppe-1-Sieg für ihren Trainer. Winx  gewann die grossen Rennen ihres Landes gleich mehrmals, liess die Rekorde fallen, brachte Tausende Zuschauer auf die Rennbahnen und wurde zum Darling der Nation. Sie siegte auf Distanzen von 1200 bis 2200 Meter – Beweis genug für ihr unglaubliches Talent und ihre enorme Klasse. Die Renntaktik von Jockey Hugh Bowman, der Winx in 33 ihrer insgesamt 43 Rennen ritt, war fast immer die gleiche. Von hinten überrollte das Paar im Einlauf das Feld auf der Aussenbahn. Dies in bestechender Manier, denn Winx besass eine eindrückliche Beschleunigung, dank der sie ihre Gegner mühelos passierte. Nach ihrem letzten Sieg in den Queen Elizabeth Stakes auf der Rennbahn von Randwick in Sidney hat Winx ins Gestüt gewechselt und sich dort gut eingelebt. Wer ihr erster Partner in der Zucht sein soll, stand noch nicht fest.
Doch was machte Winx so gut, weshalb gewann sie so viele Rennen? Ihr Trainer Chris Waller beschreibt das Phänomen Winx wie folgt: «Sie ist eine sehr spezielle, intelligente Stute und wunderbar zu trainieren. Sie hat sich körperlich immer weiter entwickelt und wurde kräftiger. Sie ist auch mental sehr stark. Sie liebt die Emotionen des Publikums und scheint nie müde zu werden. Was es bedeutet, vier Jahre lang die Beste zu sein, ist nur schwer zu beschreiben. Sie ist eine absolute Ausnahmeathletin mit bester Konstitution. Sie gewann auf festem und auf tiefem Boden, auf allen Bahnen und Distanzen mit unglaublicher Dominanz.» Es gilt natürlich auch die hervorragende Abstammung zu erwähnen, ohne die Winx nie einen derart hohen Kaufpreis erreicht hätte. Sie stammt vom amerikanischen Shuttle-Hengst Street Cry, der unter anderem auch Vater der US-Wunderstute Zenyatta ist.

Zwei Galoppsprünge mehr
Dr. Graeme Putt, der Erfolge von Rennpferden wissenschaftlich untersucht, hat die Länge eines Galoppsprunges von Winx ausgemessen. Mit 6,76 Metern liegt diese unter derjenigen der beiden legendären australischen Rennpferde Black Caviar und Phar Lap, die beinahe 8,5 Meter erreichten. Putt fand heraus, dass Winx eine höhere Kadenz aufweist, nämlich 14 Galoppsprünge pro fünf Sekunden und nicht nur deren zwölf wie ihre Gegner. Das befähigte sie, während eines Rennens vorerst ruhig mitzugaloppieren, um aber sofort beschleunigen zu können. Das Gefühl dieser plötzlichen Akzeleration erlebte Jockey Hugh Bowman eindrücklich: «Wenn ich sie jeweils aufforderte, reagierte sie sofort. Sie liebte es, zu rennen, die Gegner zu überholen und zu gewinnen. Sie aktivierte offensichtlich ihren ‹Motor› in der Hinterhand, wie das nur wenige Pferde können. Und sie zeigte einen Siegeswillen, den ich so noch nie bei einem Pferd gespürt habe. Ich bin sehr stolz auf sie. Als Junge hätte ich nie gedacht, einmal eines der legendärsten Pferde, die es je auf der Welt gegeben hat, reiten zu dürfen.»
Alle, der Trainer und sein Team, der Jockey und seine Familie und natürlich die drei Besitzer mit ihren Angehörigen, erlebten dank Winx eine abenteuerliche und märchenhafte Reise. Winx ist mit 26,4 Mio. australischen Dollar das gewinnreichste Rennpferd aller Zeiten. Dabei spendete das Besitzertrio Peter Tighe, Richard Trewecke und Debbie Kepitis einen grossen Teil des Preisgeldes an wohltätige Organisationen. Winx wurde drei Mal Horse of the Year, erhielt zwei Mal den Longines-Ranking-Titel als weltbestes Pferd auf Gras, wurde zweimal Zweite in diesem Rating, fand Aufnahme in die Hall of Fame und auf einer Briefmarke, gewann den Secretariat Vox Populi Award und war als weltbeste Stute auch mehrmals australischer Champion. Abgeschlossen ist das Palmares noch nicht: 2020 wird das neue Tribünengebäude auf der Rennbahn von Randwick den Namen Winx tragen.

Titelbild der Vogue
Winx hatte ihre Webpage und einen Facebook-Auftritt. Kurz vor Karriereende schaffte es die dunkelbraune Stute zum Covergirl bei der australischen Vogue. Beim von Longines organisierten Shooting habe sich Winx zusammen mit einem dunklen Model laut Chris Waller sehr professionell verhalten. Die Fotos bilden ein weiteres Andenken an die vom Publikum so geliebte Spitzenathletin, die unvergessen bleiben wird. Aber nicht nur die Rekorde zählen, sondern die Freude und die Emotionen, die dieses Pferd so vielen Menschen brachte.

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