Von: Karin Haug-Bleuler und Elisabeth Gebistorf Käch

Kavallino: 6/19

Freiberger als Therapeuten

Zum ersten Mal auf dem Pferd – Reittherapeut Reinhart Hummel bringt Leona in die richtige Position. Fotos: zvg

Sooo gross ist das Glück auf dem Rücken von Cora für Leona.

Alt-Bundesrat Johann Schneider-Ammann übergibt den siebenjährigen Voltéro an Pius Bernet, Direktor Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL, und Natascha Mächler, Leiterin Reitstall Rathausen. Taufpate ist FDP-Ständerat und SVPS-Vorstandsmitglied Damian Müller. Foto: Doris Kuert

Voltéro ist menschenbezogen, aufmerksam, lernwillig und erfüllt damit wichtige Voraussetzungen für seine neuen Aufgaben. Foto: Jutta Vogel

Unsere Freiberger sind weit mehr als verlässliche Freizeitpartner. Denn beste Dienste wissen sie auch als Therapiepferde zu leisten – auf dem Ekkarthof am Bodensee genauso wie im luzernischen Rathausen. 

Die kleine Leona kann nicht sprechen, sie lebt mit Autismus und Epilepsie. Wenn ihr etwas besonders gefällt, fängt sie an zu singen. Einen dieser seltenen Glücksmomente konnten Leonas Eltern jüngst erleben, als ihre kleine Tochter zum ersten Mal auf dem Rücken eines Pferdes sass und sich offensichtlich über die Massen wohlfühlte. Zu diesem Glück hatten dem Mädchen die Stiftung Wunderlampe und Reittherapeut Reinhart Hummel auf dem Gutsbetrieb des Ekkart­hofes am Bodensee verholfen. Bereits nach der Geburt stellten die Eltern von Leona fest, dass sich ihr Neugeborenes in seinem Verhalten von seiner älteren Schwester unterschied. Das kleine Mädchen reagiert wenig auf seine Umgebung und lebt ganz in sich zurückgezogen. Noch heute spricht Leona nicht und beschäftigt sich am liebsten mit Spielsachen, mit denen man Töne erzeugen oder Musik machen kann. Auch zu Tieren hat sie einen besonderen Zugang. Sehr gerne mag sie die Kühe auf dem elterlichen Hof, aber noch mehr faszinieren sie Pferde. Leider darf sie ihrem Vater im Stall nicht helfen, da dies aufgrund ihrer Beeinträchtigungen zu gefährlich wäre.

Ruhig und gelassen
Die Freiberger Stute Cora ist den Umgang mit Menschen mit einer Beeinträchtigung gewohnt. Auch ungestüme Bewegungen bringen das gutmütige, ruhige Pferd nicht aus der Fassung. Gespannt verfolgten Leonas Eltern den ersten näheren Kontakt ihrer Tochter mit einem Pferd. Die 6-Jährige ging ganz ohne Scheu auf das grosse Pferd zu und befühlte und streichelte es ausgiebig. Sofort half sie der Tierpflegerin auch eifrig beim Putzen des Tieres. Als Cora fertig gesattelt und gezäumt war, durfte Leona aufsitzen. Obwohl sie sich sonst am Kopf nicht gerne berühren lässt, wehrte sie sich nicht beim Aufsetzen des Reithelms. Ihre Eltern konnten es kaum glauben, wie locker sie sich im Sattel hielt und Runde um Runde auf dem Rücken des Pferdes absolvierte, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. Reinhart Hummel hatte für Leona auf dem Sandplatz extra einen Parcours mit verschiedenen Musikinstrumente-Posten aufgestellt. Damit hatte er genau ins Schwarze getroffen. Leona schien dies sehr zu gefallen und sie fühlte sich mit Cora so wohl, dass sie laut zu singen begann. Sie fühlte sich zudem so sicher, dass sie mit hocherhobenen Armen ritt oder sich mit dem Oberkörper flach auf den Pferderücken legte. Wäre ihr die Anstrengung nach über einer Stunde nicht deutlich anzumerken gewesen, hätte Leona ihr Reiterlebnis noch lange fortsetzen wollen. Sie konnte sich kaum von ihrer neuen Freundin auf vier Beinen trennen und tätschelte die Stute immer wieder vertrauensvoll oder hielt ihr auf der flachen Hand, wie sie es eben gelernt hatte, Pferdeleckerli hin.

Voltéros neue Aufgabe
Hohen Besuch erlebte auch der Reitstall Rathausen auf dem Gelände der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL. Am 8. Mai schenkte Alt-Bundesrat Johann Schneider-Ammann dem Betrieb den siebenjährigen Freibergerwallach Voltéro. Taufpate des Pferdes ist Ständerat und SVPS-Vorstandsmitglied Damian Müller, der seit über 20 Jahren stark mit dem Pferdesport verbunden ist. Voltéro wird künftig in der pferdegestützten Therapie für Menschen mit Behinderung eingesetzt werden.
Johann Schneider-Ammann wurde anlässlich seiner Wahl in den Bundesrat 2012 am Marché-Concours in Saigne­légier vom Freibergerzuchtverband und der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Jura ein Fohlen geschenkt. Inzwischen hat sich dieses zu einem kräftigen, ausdrucksstarken Pferd entwickelt. Da Freibergerpferde in der Therapie­arbeit mit Menschen mit Behinderungen geschätzt sind, wurde Voltéro im Hinblick auf eine solche Lebensaufgabe getestet. Dabei zeigte sich, dass er sehr menschenbezogen, aufmerksam und lernwillig ist – wichtige Qualitäten eines Therapiepferdes. Johann Schneider-Ammann entschloss sich, sein im Nationalen Pferdezentrum Bern ausgebildetes Pferd dem Reitstall Rathausen zu schenken. Dieser Reitstall ist mit der «Qualitätsplakette für Therapieställe» von der Vereinigung Pferdegestützte Therapie Schweiz (PT-CH) ausgezeichnet. Der Wallach wird nun weiter gezielt ausgebildet, damit künftig Menschen mit Behinderungen, insbesondere die vielen Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL, von einer Therapie mit dem Pferd profitieren können.

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