Von: Chantal Stauber

Dossier: 5/19

Pferdehaltung | Mehr Freiheit auch auf engem Platz

Der Trend zu Offenställen wie bei Stinah in Trasadingen brachte den Pferden mehr Sozialkontakt, Beschäftigung und Bewegung. Foto: Thomas Flück

Der Verhaltensbiologe Andreas Kurtz vermittelt neues Wissen über bessere Haltungsbedingungen seit über 40 Jahren.

Kommt eine Gruppenhaltung nicht infrage, ermöglicht die Sozialbox den Pferden mehr Stallqualität.

Nicht immer herrscht Friede und Freude unter seinesgleichen – Ausweichmöglichkeiten sind auf beschränkter Fläche besonders wichtig.

Mehr Freiheit für Pferde oder Ponys vereinfacht die Haltung nicht – Offenställe sind für die Betriebsleiter anspruchsvoller zu führen als die Boxenhaltung.

Blicke in die Natur sorgten für die Neuorientierung im Stallbau: Im bis zu 16 Stunden dauernden Fressschritt bewegen und ernähren sich die Pferde.

Die praktische Umsetzung der neuen Ideen über die Pferdehaltung entsprach dem Zeitgeist. Damit artgerechtere Haltungsformen auch in den hintersten Ställen eingeführt wurden, brauchte es letztlich dennoch die Gesetzgebung. Mehr Freiheit für die Pferde fordert von den Stallbetreibern allerdings auch mehr Wissen und Sachverstand.

Sozialkontakt, Fortbewegung, Beschäftigung – die Vorteile der Gruppenauslaufhaltung haben sich in den letzten 40 Jahren immer deutlicher hervorgehoben. Erst nur als eine Möglichkeit für Robustpferde angesehen, etabliert sie sich auch bei der Sportpferdehaltung zunehmend als die gesündere Variante. Doch der Offenstall bringt auch viele neue Herausforderungen mit sich. -Management, Integration und Verletzungsgefahr machen die Umsetzung der Gruppenhaltung wesentlich anspruchsvoller als ein konventionelles Boxensystem. Im Stallbau wie auch im Fütterungsprozess sind für die erfolgreiche Umsetzung neue Ansätze nötig.
Häufig wird unterschieden zwischen einem Laufstall und der Gruppenauslaufhaltung. Der Laufstall eignet sich für gleichbleibende Bestände wie Stutengruppen in Zuchtbetrieben, da Änderungen in der Herdenzusammensetzung sowohl Unruhe als auch Verletzungsgefahr mit sich bringen würden. In der Gruppenauslaufhaltung hingegen werden vorwiegend vier bis acht Tiere gemeinsam gehalten, was häufigere Wechsel und Integrationen überschaubarer macht. Bei der Gestaltung des Gruppenauslaufs wird der Grundsatz verfolgt, dass verschiedene Aktivitätsbereiche voneinander getrennt werden sollen. Durch die räumliche Trennung von Fress-, Tränke- und Ruheplätzen soll verhindert werden, dass sich die ganze Gruppe auf einen bevorzugten Bereich konzentriert. Zudem müssen beim Bau des Stalls Sackgassen und tote Winkel vermieden werden, damit rangniederen Pferden eine Fluchtmöglichkeit offensteht. Auch für die Fütterung bieten sich verschiedene Ansätze, um die Bedürfnisse der Tiere abzudecken und dabei das Verletzungsrisiko zu minimieren. Verteilte Futterplätze, von verschiedenen Seiten zugängliche Raufen sowie Fressstände gehören zu den häufigsten Empfehlungen.
Von Anfang an mit dabei bei der Entwicklung der Offenstallhaltung in der Schweiz ist Verhaltensbiologe Andreas Kurtz. Der Leiter der Ethologieschule begann bereits 1975, die Gruppenhaltung von Pferden zu erforschen. Seine Beobachtungen und Versuche halfen ihm dabei, die Herausforderungen im Offenstall zu verstehen und sie mithilfe eines durchdachten Stallbaukonzepts und angemessenen Management-Massnahmen so gut wie möglich zu meistern. Zudem entwickelte er für Pferde, bei denen eine Gruppenhaltung nicht infrage kommt, die Sozialbox. Diese macht durch senkrechte Gitterstäbe anstelle der Boxenwand mehr Sozialkontakt zwischen benachbarten Tieren möglich.

Herr Kurtz, als Sie sich mit der Gruppenhaltung zu befassen begannen, war dieses Thema noch Neuland in der Schweizer Pferdewelt. Wie sind Sie darauf gekommen, Ihre Pferde in Gruppen zu halten?
1975 war ich mit dem Studium der Zoologie beschäftigt. Mein damaliges Pferd litt darunter, denn mir fehlte die Zeit, es ausreichend zu beschäftigen. Eines Tages ergab sich die Möglichkeit, das Pferd tagsüber auf eine Weide zu bringen. Mit dem Weidegang stellte ich fest, dass sich das Tier sowohl in seinem Verhalten wie auch in seinem Charakter deutlich veränderte. Diese Veränderungen haben mich derart beeindruckt, dass ich beschloss, der Sache mehr Beachtung zu schenken. Ich fand die Unterstützung einiger Professoren an meiner Universität, pachtete einen Betrieb im Zürcher Oberland und errichtete ein erstes Gehege zur Gruppenhaltung von Pferden. Ausgeschrieben als Ferien- und Rekonvaleszenzzentrum wurde es bald zum vorübergehenden Zuhause von mehr als 40 Pferden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer ersten Gruppenhaltung gemacht?
Meine Anlage bot ideale Möglichkeiten, das Sozialverhalten der Pferde zu beobachten. Es zeigte sich, dass auch 40 Reit- und Sportpferde problemlos miteinander auf einer Weide sein konnten. Dabei fiel mir auf, dass sich die Tiere nicht zufällig verteilten, sondern stabile kleinere Gruppen bildeten. Im Stall habe ich mich nach diesen Beobachtungen gerichtet und die Pferde in ihren gewählten -Gruppen belassen. Diese Methode brachte sehr viel Ruhe in die Haltung.
1977 habe ich schliesslich einen Stall gebaut, welcher auf jene Management-Methode ausgerichtet war. So entstand eines der ersten Gruppenhaltungssysteme für Sport- und Freizeitpferde.

Wie haben sich Ihre Ideen zur Gruppenhaltung in der Pferdewelt verbreitet?
Normal war damals eine Haltung in Ständen oder Boxen. Pferde, die in meinem Zentrum die Gruppenhaltung kennenlernten, wirkten bei ihrer Rückkehr in den gewohnten Stall wie umgekehrte Handschuhe: Sie waren zufrieden, ausgeglichen und arbeitswillig. Diese Veränderungen waren so deutlich zu sehen, dass andere Pferdebesitzer aus den Ställen darauf aufmerksam wurden und ihre Tiere ebenfalls zu mir brachten. Zu einer Zeit, in der die Sensibilisierung für artgerechte Tierhaltung noch kaum ausgeprägt war, entstand so eine eindrückliche Bewegung. Später bekundeten auch Experten und Dozenten verschiedener Universitäten Interesse an meiner Arbeit und ich hatte die Möglichkeit, mein Projekt unter anderem an den Universitäten Freiburg im Breisgau und Zürich sowie der ETH Zürich vorzustellen, Forschungsarbeiten zu begleiten und so das Wissen und die Bekanntheit des Themas zu erweitern.

1985 hatten Sie die Möglichkeit, den aus Ihrer Sicht idealen Gruppenstall zu bauen.
Nach zehn Jahren Praxisarbeit und diversen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema hatte ich einiges dazugelernt. So kann mein Stall beispielsweise flexibel an verschiedene Gruppengrössen angepasst werden. Dazu ist er in verschiedene Abteile unterteilt, die nach Bedarf abgetrennt werden können. Jedes dieser Abteile hat Zugang zu einem Auslauf mit Wasser. Futter wird nicht in denselben Bereichen verabreicht, um das Konfliktpotenzial von bevorzugten Ressourceplätzen zu verringern. Da Pferde natürlicherweise bis zu 16 Stunden täglich mit Fressen verbringen, haben sie zudem rund um die Uhr Zugang zu Stroh, welches verteilt angeboten wird und während der Fortbewegung aufgenommen werden kann. Dieses System hat sich bis heute sehr bewährt.

In welche Richtung wird sich die Pferdehaltung nun weiterentwickeln?
Im Moment sehe ich einen regelrechten Hype um technische Management-Systeme. Die Verlockung, den Arbeitsaufwand der Pferdehaltung immer weiter zu reduzieren, ist gross. Deshalb erwarte ich weitere Entwicklungen in diesem Gebiet. Welche Konsequenzen diese Tendenz auf die Gesundheit, das Verhalten und die Beziehung des Pferdes zum Menschen hat, wird sich zeigen. Die Herausforderungen der Gruppenhaltung, die Integration neuer Pferde und die damit verbundenen Risiken in Bezug auf Stress, Koliken und Verletzungen lassen sich jedoch noch bis auf Weiteres nicht technisch lösen, hier sind Verständnis, Erfahrung und Zeit gefragt.

Auch wenn mein Pferd nicht im Gruppenstall steht, hätte ich gerne die Möglichkeit, ihm gelegentlich ohne schlechtes Gewissen einen Stehtag zu geben. Gibt es in dieser Hinsicht Alternativen zum Gruppenauslauf, die ein Pferd angemessen beschäftigt halten?
Seine ursprünglichen Bedürfnisse lassen sich nur mit einer optimalen Bewegung und Beschäftigung befriedigen. So sollte es bis zu 16 Stunden täglich in langsamem Tempo, dem sogenannten Fressschritt, vorwärtsgehen und dabei kontinuierlich Nahrung zu sich nehmen. Kopfarbeit macht das Pferd hingegen primär durch die Interaktion mit Artgenossen. Das Hirn des überaus sozialen Tieres ist genau auf die Aufgabe ausgerichtet, um in einer Herde zu funktionieren. Eine Haltung, die diese beiden Grundbedürfnisse erfüllt, sorgt für artgerechte Bewegung und Beschäftigung. Zu beachten ist, dass wir mit der Domestikation möglicherweise so weit in die Natur des Pferdes eingegriffen haben, dass selbst Grundbedürfnisse leicht verändert wurden.

Wie wichtig ist es, das Pferd im Offenstall zu möglichst viel Bewegung anzuregen?
In einem durchdachten Haltungssystem ist es nicht nötig, Pferde mit spezifischen Massnahmen zur Bewegung anzuregen. Durch die Sozialstruktur einer stabilen Pferdegruppe sind die Pferde stets in Bewegung, sie müssen weichen oder vertreiben, Beziehungen durch gegenseitige Fellpflege stärken und miteinander spielen. Dadurch sind sie ständig in Bewegung. Eine grosse örtliche Trennung von Futter- und Wasserquellen finde ich aus verhaltensbiologischer Sicht bedenklich, sie stört die Herdenstruktur, sorgt für unnatürliche Verteilung der Gruppe und lenkt den Fokus der Tiere ab von sozialen Interaktionen.

Wie beurteilen Sie das aktuell sehr beliebte System des Aktivstalls?
Für mich gibt es einige Punkte an diesem Konzept, die es zu beobachten gilt. Zu kurz kommt für mich der so wichtige Fressschritt. Die Pferde können sich während des Fressens nicht fortbewegen, da das Raufutter meist in Raufen angeboten wird. Die Tiere stehen häufig herum, wenn sie auf den Zutritt an Raufen warten müssen. Rangniedere Tiere können teilweise ihr Gewicht nicht halten, da ihr Zugang zu Futterraufen begrenzt ist. Für mich ist ein Aktivstall kein angemessener Ersatz für die Weide und das Reiten. Ein Aktivstall bietet dem Pferd die freie Bewegung und Futteraufnahme, die körperliche und geistige Auslastung wird damit aber nicht erfüllt.

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