Von: Prof. Dr. med. vet. Ewald Isenbügel

Praxis: 4/17

Esel-Boom in der Tierarztpraxis

Die Schweiz ist auf den Esel gekommen – in den vergangenen zwei Jahren stieg die Zahl um über 50 Prozent auf fast 10000 Esel aller Gattungen an. Foto: Esel Müller

«Ein Leben ohne Esel ist wie zu leben mit einem gebrochenen Bein», heisst es noch heute in Afrika.

Den Zähnen wird bei Eseln oft zu wenig Beachtung geschenkt, umso gravierender die Folgen, wenn Schmerzen auftreten. Foto: The Donkey Sanctuary

Schätzungen zufolge gibt es fünfmal mehr Esel – im Bild Somali-Wildesel – als Pferde. Foto: The Donkey Sanctuary

Futterbedarf des Esels. Foto: The Donkey Sanctuary

Esel sind immer häufiger Patienten beim Tierarzt. Nicht weil sie krankheitsanfälliger wären, sondern weil ihre Zahl stark im Steigen ist: Gut 7000 Esel, Maultiere und Maulesel waren bei uns Anfang 2015 registriert, zwei Jahre später waren es über 10000. Vetsuisse Zürich veranstaltete eine Weiterbildung zum Thema «Der Esel als Patient». 

Wenig Tierarten sind vom Menschen seit so langer Zeit und in so vielfältiger Weise genutzt und zugleich so verkannt und mit schlechtem Image bedacht worden wie die Esel. In zahlreichen Rassen und Landschlägen sind Esel vor allem im afrikanisch-asiatischen Raum als Nachfahren ihrer ausgerotteten wilden Vorfahren wie dem Atlas- und dem Nubischen Wildesel beheimatet. Als Reit- und Zugtiere, bei der Wasserförderung oder beim Dreschen, als Milch-, Fleisch- und Lederlieferanten stehen sie oft in einem erbarmungslos harten Dienst für den Menschen im Einsatz.

Von 90 bis 165 cm
Wenige Nutztierarten weisen zudem derartige Grössenunterschiede auf, die vom 165?cm Widerristhöhe aufweisenden und aus Frankreich stammenden Poitou-Esel bis zum Sardinischen Zwergesel mit 90cm Höhe reichen. Nicht weniger beeindruckend ist die reiche Farbenvielfalt. Entwickelt haben sich Weisslinge und Scheckung, dazu kommen die Farbspielarten der Wild- und Halbesel.
Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO gibt es auf der Welt fünfmal mehr Esel als Pferde. In China allein fristen elf Millionen ein hartes Dasein als Lasttiere, Fleisch- und Lederlieferanten und als Rohstoffquellen für Gelatine und medizinische Produkte. 2016 wurden allein aus Niger und Burkina Faso 80000 Esel nach China importiert und der Preis für einen Esel in Afrika stieg – so war im Geo 1/17 zu lesen – von 35 auf 135 Euro.

Esel sind in den Grabkammern der Pharaonen in ihrem Einsatz dargestellt, und 3500 v.Chr. spannten die Sumerer die Halbesel Onager bereits vor ihre Streitwagen. Das war tausend Jahre vor der Domestikation des Pferdes. Esel sind zudem so genügsame Futterverwerter, dass die ägyptischen Lastenesel in den Dörfern fast von Papier und Abfällen überleben.

Von Tierheilkunde vernachlässigt
In der Veterinärmedizin wurden Esel lange stiefmütterlich behandelt. Während in der alten asiatischen Tierheilkunde vergangener Jahrhunderte noch spezielles Wissen über Esel überliefert war, galten sie im 20. Jahrhundert als kleine Pferde. Mit zum Teil fatalen Folgen: Die Pferdemedikation wurde einfach auf ihr Gewicht angepasst. Die im Rahmen der «Zürcher Fortbildungsabende» von der Vet-suisse-Fakultät von Prof. Anton Fürst und Dr. Michelle Jackson veranstaltete Weiterbildung mit dem Thema «Der Esel als Patient in der Pferdepraxis» fand reges Interesse der praktizierenden Tierärzte und -ärztinnen und Studierenden – der grosse Hörsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.
In England wird dem Esel weitaus mehr Beachtung geschenkt und daher informierte Dr. Alexandra Thiemann vom The Donkey Sanctuary in Devon als Hauptreferentin über die Routinegesundheitsbetreuung von Eseln mit Schwerpunkt Fütterung, Entwurmung und Impfungen, Narkose und Kastration. In einem zweiten Vortrag legte sie den Schwerpunkt auf Koliken und Zahnbehandlungen.

Zahnstellung beachten
Das Thema Zähne führte Dr. Christoph Jäcklin weiter aus und betonte die oft gravierenden Zahnveränderungen, die meist zu spät bemerkt werden, da Esel oft als Beistelltiere mitlaufen. Steile Winkelung der Backenzahnkauflächen, markante Anisognathie mit scharfen Kanten und ein durch ausgeprägte Muskelansätze starker Kaudruck verschärfen die Zahnveränderungen. Da ein Hautmuskel die Halsvene im mittleren Halsbereich überdeckt, ist die Venenpunktion für eine Sedation nicht einfach.
Dr. Daniel Demuth vom Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie Zürich stellte die Speziesunterschiede zwischen Pferd und Esel klar heraus und gab wichtige Informationen über die Pharmakotherapie bei Eseln. Für die Pharmaindustrie spielt der Esel bei uns im Gegensatz zu Entwicklungsländern eine uninteressante Rolle. Die Wirkungsweise vieler beim Pferd eingesetzter Medikamente ist bei Eseln kaum untersucht. Viele Pferdemedikamente werden schneller ausgeschieden und wirken unterschiedlich – und dies selbst zwischen verschiedenen Eselrassen. Dr. Daniel Demuth gab klare Dosierungs- und Wirkungsangaben für Antiparasitika, Antibiotika und Entzündungshemmer.
Angaben über den Stand der pharmakologischen Forschung bei Eseln beschlossen diesen wichtigen praxisnahen Vortrag.
Zum Abschluss folgte ein Referat von mir über die Verbreitung der Hausesel und ihre wilden Verwandten wie Kiang, Kulan, Onager, Dschiggetai, Khur, Somali-Wildesel und Maultiere, ihre Verbreitung, Lebensweise, Bedrohung und menschliche Nutzung.
In einem informativen Script standen die Referate und Vorschläge zur Behandlung von Eseln sowie Dosierungsangaben geeigneter Medikamente den interessierten Zuhörern zur Verfügung. Esel werden die tierärztliche Praxis in Zukunft zunehmend beschäftigen. So trägt die jetzt erscheinende Neuauflage des Standardwerkes «Angewandte Anatomie beim Pferd» von Horst Wissdorf et al. dieser Entwicklung zunehmender Eselhaltung durch ein Esel/Maultierkapitel Rechnung.

Futterbedarf des Esels

Esel sind extrem gute Futterverwerter. So ist darauf zu achten, dass sie nicht überfüttert werden und das Futter in erster Linie aus Raufutter (Heu und Stroh) besteht, Karotten und Äpfel können zugefüttert werden. Werden Esel nicht als Arbeitstiere eingesetzt, ist von Kraftfutter abzusehen. Vorsicht geboten ist bei ganztägigem Weidegang auf unseren mastigen Wiesen.  

Raufutter (nach Dr. Alexandra Thiemann)
Der Bedarf an Raufutter ist beim Esel im Sommer um 36% und im Winter um 31% kleiner als für ein Pony oder für ein Pferd von gleichem Körpergewicht empfohlen wird.

Verdaubare Energie
Der Bedarf an verdaubarer Energie ist beim Esel im Sommer um 54% und im Winter um 26% kleiner als für ein Pony oder für ein Pferd von gleichem Körpergewicht empfohlen wird.

Esel sind hervorragende Futterver­werter, umso grösser ist die Gefahr von Überfütterung. 

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