Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Tierarzt: 1-2/17

Aortariss nicht voraussehbar

Ein Aortariss mit Todesfolge innert weniger Minuten kann ganz plötzlich erfolgen, wie das kürzlich Anabel Balkenhol bei Diamond Star in Ankum erleben musste. Foto: Schreiner

Ein Aortariss kann jedes Pferd treffen. Bekannt werden diese Todesfälle vor allem bei berühmten Sportpferden während eines Einsatzes, weil sie im Nachhinein obduziert werden. Beachtung ist nicht nur dem Trainingszustand zu schenken, sondern auch einem möglichen Parasitenbefall.  

Immer wieder und zum Glück doch recht selten werden plötzliche Todesfälle von Pferden während oder sehr kurz nach der Bewegung beschrieben. Handelt es sich dabei um bekannte Leistungspferde, beginnt sofort auch das Rätselraten über mögliche Diagnosen. So geschehen kürzlich in Ankum, als der 13-jährige Oldenburger-Dressurhengst Diamond Star beim Abreiten unter Anabel Balkenhol etwas wackelig ging und kurz darauf zu Boden stürzte und verstarb. Der pathologische Untersuch bestätigte die Verdachtsdiagnose Aortariss.  Als weitere prominente Beispiele erschütterten einige Todesfälle die Pferdewelt: darunter das Springpferd Hickstead (ein 15-jähriger Hengst, WM- und Olympiamedaillengewinner von Eric Lamaze am Concours in Verona 2011) und das Militarypferd Liberal (16-jährig, von Tom Crisp in Luhmühlen 2014). Sehr schnell werden dann Vermutungen geäussert und Spekulationen publiziert, die als Ursachen in Frage kommen könnten. Dabei werden als Gründe hauptsächlich Aortariss, Herzversagen (z.B. Herzrhythmusstörungen), Dopingmissbrauch,  Trainingsdefizite, reiterliche Gewalt und anderes mehr aufgeführt, bevor eine seriöse Obduktion das Rätsel löst. Diese beweist dann häufig, dass es sich um einen Aortariss handelt. Die betroffenen Pferde zeigen vorher selten verdächtige Symptome, sie bringen häufig durchaus die erwartete Leistung, dann «stimmt plötzlich etwas nicht», sie beginnen zu taumeln, stürzen zu Boden und sterben in wenigen Minuten mit oder ohne tierärztliche Hilfe.

Bei Mensch und Tier bekannt
Aortarisse sind auch bei weiteren Tierarten und beim Menschen bekannt. Bei Pferden trifft es zumeist aktive Hochleistungspferde der Sparten Rennpferde, Military (Cross) und Springpferde, seltener Dressurpferde. Hie und da beenden auch häufig eingesetzte ältere Zuchthengste ihr Leben durch einen Aortenriss während oder kurz nach dem Deckakt. Bezüglich statistischer Häufigkeit darf nicht vergessen werden, dass eine Ruptur der Hauptschlagader bei allen Pferden auftreten kann. Weniger berühmte Pferde werden längst nicht in allen Fällen obduziert, sodass bei plötzlichem  tödlichem Niederstürzen häufig die landläufige Verdachtsdiagnose «Herzversagen» gestellt wird.

Als Ursache wird ein Aneurisma, also eine Ausbuchtung der Aorta (häufig) nahe beim Austritt aus dem Herzen angenommen. An dieser Stelle existiert offenbar ein Schwachpunkt in der Reissfestigkeit des Gefässes. Des Weiteren wird die Belastungsfähigkeit der Arterien und somit auch der Aorta ganz allgemein durch Alterung und möglicherweise durch Parasitenschäden gemindert. Steigt nun zusätzlich der Blutdruck sehr schnell signifikant an, kann es zur Ruptur kommen. Solche Risse können in fast allen Arterien des Kreislaufs auftreten, nur haben sie nicht an allen Orten die gleich verheerende Wirkung. Therapeutisch ist bei der Ruptur der Aorta nichts zu machen, die Pferde sterben innert 3 bis 4 Minuten. Um vorbeugend diesem dramatischen Ereignis entgegenzuwirken, ist es sinnvoll, die Pferde gut zu trainieren, die verlangte Leistung dem momentanen physischen Zustand anzupassen und dem Parasitenproblem Aufmerksamkeit zu schenken.

Wie viele Pferde trifft es nun statistisch gesehen? Publiziert wird lediglich die Zahl von 1 auf 1000 Rennpferde pro Saison. Weitere verlässliche Angaben sind nicht zu finden. Aus langjähriger Erfahrung ist aber bei gut gemanagten Freizeit- und Sportpferden, die nicht permanent höchsten Anforderungen ausgesetzt sind, nicht mit hohen Zahlen zu rechnen. Relativiert wird diese Aussage natürlich durch die Tatsache, dass längst nicht jeder Equide, der perakut mit der beschriebenen Symptomatik zu Tode kommt, im Sektionsraum untersucht wird.

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