Von: Daniel Mayer

REPORTAGE: 11/16

3000 Kilometer im Sattel (5) | «Ein Gaucho ­beschwert sich nicht!»

Bilder für die Postkarte mit den spektakulären Abend­stimmungen und den friedlich grasenden Pferden.

Wasserentnahme erlaubt dank einer von der Polizei ausgestellten Bewilligung.

Der Rio Negro ist erreicht und auf der anderen Seite des Flusses Patagonien und damit der erwachende Frühling.

Menschenleere Gebiete ohne Wasser – die Pferde mussten viel Durchhalte-­vermögen zeigen.

So entsteht ein Artikel: Während sich die Pferde bereits ausruhen und unweit vom improvisierten Schreibtisch entfernt fressen, wartet auf Daniel Mayer noch Arbeit – der nächste Artikel muss geschrieben werden. Und festzuhalten gibt es viel. Denn was der 28-jährige gelernte Pferdewirt auf dem 3000-km-Ritt durch Argentinien sucht, findet er auch – Menschen, die traditionell mit Pferden leben und arbeiten.

Nach 800 Kilometern sind in Santa Rosa ein neuer Hufbeschlag und von Amtes wegen eine Blutuntersuchung fällig. Der Test fällt zum Glück negativ aus, denn bis zum Rio Negro erwarten mich Sandstürme in verlassenen und äusserst trockenen Gebieten. 

Nach zwei sehr eintönigen Wochen entlang der Landstrasse wird Santa Rosa erreicht. Herzlich empfangen mich einige Señores und bestehen darauf, die Pferde zu verladen und sie ans andere Ende der Stadt zu fahren. Ich widerspreche erst, gebe dann aber nach und bin froh, dass mir das Verkehrschaos Santa Rosas erspart bleibt. Ich bleibe ein paar Tage in der Stadt, die Pferde können sich derweil auf einer nahen Estancia erholen. Sie werden nach  800 km neu beschlagen, zudem ist auch eine Blutuntersuchung fällig. In Argentinien muss jeder Pferdehalter seine Tiere alle zwei Monate auf Anämie testen lassen. Nach einigen Tagen liegen die Ergebnisse vor – die Pferde sind gesund. Es wird noch alles ordnungsgemäss im Pferdepass eingetragen und es kann weitergehen. 

Staub und Sand im Gesicht
Ich verlasse die Landstrasse und reite auf sandigen Wegen durch Buschland. Immer wieder gibt es Tage mit starkem Wind, der eisig in stürmischen Böen direkt von vorne kommt. Staub und Sand werden aufgewirbelt und verkleben Augen und Nasen von Ross und Reiter. An solchen Tagen erinnere ich mich immer wieder an die Worte eines Freundes in Salta, der zu mir nur sagte «Ein Gaucho beschwert sich nicht!», als ich völlig durchnässt am Abend eines langen Tages bei ihm ankam und mich beklagen wollte. Das nehme ich mir zu Herzen und ertrage Wind und Sand in der Hoffnung, dass der nächste Tag weniger stürmisch wird. Mein Weg führt mich nun Richtung Westen durch eines der trockensten Gebiete der Pampa. Mit viel Wasser ist nicht zu rechnen und auch die Estancias liegen kilometerweit ab der Strasse. Auf einer Strecke von 300 km gibt es zwei Dörfer, die je 100 km auseinander liegen. Doch auch in dieser Gegend habe ich wieder Glück und bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach acht Jahren Trockenheit hat es dieses Jahr wieder geregnet und es wächst stellenweise etwas Gras. Ansonsten ist alles von gut meterhohen struppigen Büschen bedeckt.

Die Pferde haben sich mittlerweile an das Reisen gewöhnt und Kondition aufgebaut So schaffen wir täglich 35 bis 40 km, was nötig ist, um die grossen Entfernungen zu bewältigen. Anfänglich stehen immer wieder Viehtränken nahe der Strasse, aus denen die Pferde trinken können. Es geht vorbei an riesigen Salaren und Salzseen, wo Flamingos nach Algen fischen. 

Erlaubnis für Wasserentnahme
Nach drei Tagen erreiche ich das erste Dorf und gönne mir einen Tag Pause. Ich erfahre, dass auf den kommenden 100 km ein Aquädukt neben der Stras-se verlegt ist und es alle 5 km eine Wasserentnahme gibt. Die zuständigen Behörden stellten auch eine Erlaubnis aus. Die schönste Zeit ist jeweils am Abend, wenn ein guter Lagerplatz gefunden wurde. Ich höre die grasenden Pferde zu und geniesse die spektakulären Sonnenuntergänge.

Nach weiteren drei Tagen komme ich an den Rio Colorado, der beim Dorf Casa de Piedra zu einem riesigen See aufgestaut wird. Das grösste Hindernis ist die 12 km lange Staumauer. Viel befahren ist die Strecke jedoch nicht und die Polizei erweist sich wieder einmal als Freund und Helfer und kontrolliert den Verkehr. Die Pferde meistern die Herausforderung gelassen und lassen sich auch nicht von den riesigen LKWs aus der Ruhe bringen. 

Fernab der Zivilisation
Die nächste Etappe sollte sich als die schwierigste erweisen. Von der Polizei werde ich davor gewarnt, auf der nächsten Estancia zu übernachten, weil mir dort die Pferde gestohlen würden. Also reite ich weiter, bis ich nach rund 40 km einen sogenannten Puesto erreiche. Puestos sind Aussenposten der Estancias, wo es immer Wasser und Futter gibt. Die meisten dieser Puestos sind heute zwar verlassen, Gras und Wasser aber immer noch zu finden. So übernachte ich hier und reite am nächsten Morgen durch das menschenleere Gebiet weiter. Nach einem Tag und einer Nacht ohne Wasser schreiten die Pferde noch immer tapfer vorwärts. Doch lange, denke ich, halten sie sicher nicht mehr durch. Am Mittag hält ein Lkw an, der freundliche Fahrer leert seine Wassertanks in einen grossen Plastiksack und die Durststrecke ist überwunden. 

Schon nach wenigen Kilometern ist der nächste Puesto errreicht, wo es wieder Wasser und Kraftfutter gibt. In nur vier Tagen haben wir die 120 km vom Stausee bis ins Tal des Rio Negro hinter uns gebracht und Patagonien erreicht. Schlagartig wechselt die Vegetation und alles ist wieder grün – es wird Frühling. Die Obstbäume beginnen zu blühen und der Duft von frischem Gras ist für mich mindestens genauso belebend wie für die Pferde. Ich bin stolz auf die beiden, sie haben auf der Strecke einiges an Durchhaltevermögen gezeigt und nach all den Strapazen nicht ein Kilo abgenommen. Ein paar Tage Pause haben sie verdient, bevor es dem Fluss entlang zu den Anden geht, wo landschaftlich der schönste Teil der Strecke bevorsteht.

3000 Kilometer im Sattel (4)

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