Von: Dr. Friederike Stahmann

Haltung: 10/16

Bedürfnisse erfordern den Spagat

Was angeboren ist, hat auch die Domestikation nicht weggebracht: Für Pferde ist es leicht, sich in freier Natur wieder zurechtzufinden, und im Herdenverband findet das als Beutetier geborene Pferd den nötigen Schutz und Sicherheit.

Wer das Verhalten der Pferde untereinander verstehen lernt, kann mit ihnen zu kommunizieren beginnen.

Pferde benötigen genügend Schlaf. In der Gruppenhaltung ist dies nicht immer der Fall, wie eine Studie der HAFL in Zollikofen aufzeigt.

Die Haltung von Pferden ist im Umbruch. Aus gutem Grund, wie bei der Netzwerktagung Pferdewissen in Göttingen zu erfahren war. Wissenschaftler stellten neue Studien zum Thema vor. Doch es zeigte sich, dass es nicht nur Vorteile gibt.  

Schmiedeeiserne Boxenfenster, Weidezäune aus Robinienholz, effektive Mikroorganismen im Trog zur Unterstützung des Immunsystems, Spezialgummiböden für den Paddock, Pferdeshampoos für ein glänzendes Fell und Fliegendecken im Zebralook: Pferdeherz, was willst du mehr? Sehr viel sogar, sagen Verhaltensforscher. Pferdehaltung ist immer ein Kompromiss, so die Wissenschaft. Warum? Die Antwort ist einfach: Kein Stall kann so luxuriös, so angenehm und komfortabel, keine Weide so gross und ausgedehnt, keine Futtermischung so vielfältig und artenreich sein, dass ein Pferd es mit der Wildnis tauschen würde. Als Menschen nehmen wir das Pferd in Obhut, schützen es vor Gefahren wie Hunger, Wettereinflüssen und Raubtieren. Gleichzeitig berauben wir es aber seiner Freiheit. Wir Pferdehalter wünschen uns einen ausgeglichenen vierbeinigen Freund und Sportkameraden, der möglichst wenig Zeit, Platz und Arbeit braucht. Pferdehaltung ist daher ein Spagat zwischen den Anforderungen von Mensch und Tier. 

Wer Pferde artgerecht halten will, hat daher als Grundlage das arteigene Verhalten der Vierbeiner im Blick. So gilt es, angeborene biologische Bedürfnisse im Auge zu behalten,  individuelle Veranlagung und Kondition zu berücksichtigen und unseren Vierbeinern nur so viel Lernvorgänge und Leistung abzuverlangen, wie ihnen im Rahmen ihrer tierspezifischen Grenzen möglich ist. Gleichzeitig sollten Pferde in unseren Haltungssystemen ihre arteigenen Verhaltensweisen zeigen und ausleben können. In einer Haltung nach Wildpferdeart.

Verstehen, nicht vermenschlichen
Wer das versteht, macht das Zusammenleben und vor allem auch die tägliche Arbeit mit dem Pferd einfacher und für beide Seiten erfolgversprechender und stressfreier. Dabei geht es nicht darum, das Pferd zu vermenschlichen. Doch wer weiss, wie ein Pferd tickt, kann mit ihm kommunizieren. Man versteht einander. Und dann kommt auch die Botschaft an. Sportkamerad Pferd dankt es mit ausgeglichenem Temperament, Gesundheit und Leistungsbereitschaft.

In einer Studie der Universität Göttingen wurde untersucht, ob sich das Verhalten von Pferde in einem Bewegungsstall mit der Witterung und der Tageszeit verändert. In der Natur hängt das Verhalten ja ganz stark von diesen beiden Faktoren ab. Es zeigte sich, dass die 14 Pferde im Versuch es nicht anders handhaben als ihre wild lebenden Artgenossen: Bei Regen suchen sie auch im Bewegungsstall geschützte Bereiche auf und ruhen dann mehr. Genauso verhält es sich bei Unternehmungen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Spaziergang bei trockenem Wetter war höher als bei Regen. Wen wunderts. Gleiches gilt für Aktivitäten bei Wärme. Ein Schläfchen bei Mittagshitze oder eine ausgedehnte Körperpflege gehören bei höheren Temperaturen zu den beliebteren Tätigkeiten. Dabei wurde das Ruhen im Stehen bevorzugt. Angeborenes Verhalten wird demnach auch in der Obhut des Menschen so gezeigt wie in der Wildnis.

Pferde brauchen Schlaf
Gruppenhaltung, die zu einer beliebten Haltungsform avanciert, hat neben vielen Vorteilen auch Nachteile, wie sich in einer Studie der HAFL Zollikofen zeigt. Um Leistung erbringen zu können, brauchen auch Pferde aus-reichend Schlaf. Unbedingt auch den -sogenannten Rapid-Eye-Movement-Schlaf. Er hilft sowohl Menschen als auch Tieren, komplexe und neue Herausforderungen am Tag zu bewältigen. Und diesen Schlaf bekommen Pferde nur, wenn sie sich in Bauch- und Seitenlage über längere Zeit entspannen können. In Gruppenhaltungen wird jedoch immer wieder beobachtet, dass es bei rangniederen Tieren nur zu kurzen Liegedauern kommt. Zu kurz, um ausreichend REM-Schlaf abzubekommen. 

Daher unterteilten Wissenschaftler eine Herde in zwei Gruppen. In einer Gruppe gab es im Liegebereich keine weiteren Unterteilungen. In der zweiten Gruppe wurde der Liegebereich mit Strukturelementen versehen, die sowohl als Sicht- als auch als Laufbarrieren dienten. Die Aktivitäten im Liegebereich überwachten und dokumentieren Videokameras. Die Gruppenhaltung, und zwar sowohl mit den gut gemeinten Strukturelementen als auch ohne, führte nicht zur Verlängerung der Liegedauer von rangniederen Pferden. Ein tierschutzrelevantes Problem. Eine Gruppenhaltung kann daher nur als tiergerecht gelten, wenn alle Pferde ihr Liegebedürfnis ausreichend befriedigen können, mahnten die Wissenschaftler. Liegebereiche müssen -daher ausreichend gross sein, um die Sozialdistanz aller Tiere zu gewährleisten. 

Dass Pferde ihr angeborenes Bewegungs- und Fluchtverhalten ausleben müssen, um gesund zu sein, verdeutlichte ein weiterer Vortrag in Göttingen. Für die Studie griff man auf Daten  von Versicherungen zurück, die Operationsrisiken finanziell abdecken. 5158 dort aufgelistete  Pferdebesitzer wurden von den Wissenschaftlern online zu Haltung, Management, Nutzung und Verhaltensproblemen ihrer Pferde befragt. Knapp 10 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Tiere mindestens eine Verhaltensstörung aufweisen. Am meisten wurden Koppen, Schreckhaftigkeit, Futterneid, Zähnewetzen, erhöhte Aggressivität und Boxenlaufen genannt.  Bei Pferden, die nur ein- bis zweimal pro -Woche Auslauf erhielten, zeigte sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Schreckhaftigkeit, was aber nicht zu mehr OP-behandelten Erkrankungen führte. Pferde in Einzelhaltung hatten ein höheres Risiko einer Verhaltensstörung als Pferde in Gruppenhaltung. 

Eine Haltung nach Wildtierart sollten Pferdehalter im Blick haben, die ihre Tiere artgerecht unterbringen wollen. Voraussetzung dafür ist, sich klarzumachen, welche angeborenen Verhaltensweisen Pferde von Natur aus als Bewegungstiere, Fluchttiere und Herdentiere haben. Wer diese -berücksichtigt, bekommt einen gesunden und ausgeglichenen – weil verhaltensgerecht lebenden – Sportkameraden zum Dank.

Was Pferde von ihrer Natur her wollen

Was ein Pferd will, hat sich in den Tausenden von Jahren an unserer Seite nicht verändert. Der vierbeinige Partner ist immer noch der freiheitsliebende Steppenbewohner mit ganz bestimmten Verhaltensmustern:

Pferde wollen laufen. Der Zweck dieser Wanderungen ist banal, aber lebensnotwendig: Futtersuche und Futteraufnahme. Das wiederum ist ihrem kleinen Magen und ihrem Verdauungssystem geschuldet. Pferde bewegen sich dabei meist im Schritt. Getrabt und galoppiert wird nur während der Flucht oder bei Laufspielen.

Pferde wollen in der Herde leben. Die Herde als Sozialverband bietet dem Einzeltier Schutz und Sicherheit vor Angreifern. Pferde kommunizieren hauptsächlich körpersprachlich.

Pferde wollen ihre Umgebung mit Ohren und Augen erkunden. Dabei geht es darum, neue Futter- und Wasserplätze zu entdecken. Gleichzeitig beobachten Pferde ihre Umgebung. Wichtige von unwichtigen Reizen werden unterschieden, um unnötiges Fluchtverhalten zu vermeiden. Pferde sind Beutetiere und deshalb immer wachsam und von Natur aus auf Flucht programmiert.

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