Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Tierarzt: 10/16

Wenn der schwierigste Entscheid ansteht

Ist der Zeitpunkt fürs Abschiednehmen gekommen, fällt der letzte Gang leichter.

Was jedes Jahr Hunderte von Pferdebesitzerinnen hinter sich bringen müssen, widerfuhr mir vor kurzer Zeit. Der sich alters- und krankheitshalber zusehends verschlechternde Gesundheitszustand meines treuen Braunen, mit dem ich zwei Jahrzehnte täglich Freud und Leid teilte, zwang mich zum gefürchteten letzten Entscheid.  

Diese Situation erlebt naturgemäss jeder Pferdetierarzt im Verlauf seines Berufslebens unzählige Male mit betreuten Patienten. Jeder dieser Entscheide trifft einen persönlich tief, sei es zuerst als Berater und später möglicherweise als Ausführender. Denn es sind ja häufig Pferde, die man über Jahre betreute und deren emotionaler Wert für die Besitzerfamilie einem nicht fremd ist. Und erst recht beim eigenen Pferd, das man ja nicht nur geritten, sondern täglich auch gewartet und gepflegt hat, realisiert man, wie schwierig es sein kann, den richtigen Zeitpunkt zu terminieren. Es spielen zahlreiche Kriterien mit, die zu Recht erfüllt sein müssen. Es gilt vor allem, die Priorität dieser Kriterien zu gewichten und in jedem Fall Zeitpunkt und Ablauf tierschutz- und pferdegerecht anzugehen und erst in zweiter Linie auf persönliche Kriterien Rücksicht zu nehmen. 

Es ist mir wichtig zu betonen, dass ich mich in diesem Artikel nur mit einer Situation beschäftigen werde: mit Pferden, welche altershalber und/oder gesundheitshalber in absehbarer Zeit, aber nicht sofort aus Tierschutzgründen erlöst werden müssen. Bei akuten Fällen (inoperable Koliken, multiple Frakturen in proximalen Gliedmassenbereichen usw.) tut man sich leichter.

Freuen Sie sich über jeden Tag, an dem Ihr Pferd trotz gewisser kleiner Beeinträchtigungen mit Ihnen sein Leben pferdegerecht teilen kann. Vergessen Sie nicht, die Arbeit immer dem momentanen Zustand anzupassen, stellen Sie den Vierbeiner nicht einfach weg. Damit kreieren Sie traurige Pferde und missmutige Besitzerinnen. Aber beschäftigen Sie sich genug früh mit dem Tag X. Es mögen ja bei altersbedingten oder krankheitsbedingten Ursachen Monate oder Jahre vergehen, aber häufiger als angenommen geht es dann schnell dem Ende zu. Dann müssen Sie Ihre Strategie bereits festgelegt haben, denn unter Zeitdruck ist die Gefahr gross, dass einiges daneben geht. Worst case ist, und auch ein Tierarzt ist davor nicht gefeit, dass man den Zeitpunkt verpasst und der treue Begleiter eines Morgens tot im Stall liegt, mit Spuren des nächtlichen Todeskampfes. Sprechen Sie mit Ihrer Tierärztin und allenfalls weiteren vertrauten Hilfspersonen sowie dem Stallbesitzer und der Pflegerin über den Tag X. Kolleginnen, die in der letzten Stunde dabei sein möchten und für Sie auch unangenehme Telefonate wie das Organisieren des Transports zur Entsorgungsstelle übernehmen könnten, sind segensreich. Schlecht informierte Gehilfinnen, die beim Niederlegen des Pferdes im Schock unter dieses gelangen (und das erlebte ich nicht nur einmal), können – natürlich ungewollt – leicht zum Problem werden. Der Stallbetreiber muss den genauen Ort genehmigen, an dem Ihr Pferd in aller Ruhe die nötigen Injektionen in gewohnter Art über sich ergehen lassen und wo das Tier auch abgeholt werden kann. Räumen Sie auf jeden Fall genügend Zeit ein, das treue Pferd und alle Beteiligten haben es verdient. 

Zur Bestimmung des richtigen Zeitpunkts ist es sehr wichtig, dass nicht nur Sie, sondern auch vertraute Fachpersonen Ihr Pferd periodisch begutachten. Sie selbst kennen Ihren Vierbeiner zwar zweifelsohne am besten, aber Sie sind ihm in gewisser Beziehung auch zu nah. Die Veränderungen zu erkennen und zu werten, ist erfahrungsgemäss nicht nur objektiver, sondern auch einfacher, wenn man das Tier nur alle paar Tage – oder im Anfangsstadium alle paar Wochen – einer kritischen Begutachtung unterzieht.

Und welche Methode?
Ganz zuletzt drängt es mich, zum Thema «Einschläfern oder Schiessen bzw. Schlachten» Stellung zu nehmen. Diese Frage wurde mir zwar in den letzten Jahren immer seltener gestellt, da sie offenbar bereits gesellschaftlich beantwortet ist. Meistens geht es nicht um finanzielle Aspekte – Schlachten gibt Schlachterlös, Euthanasie oder Schiessen und Entsorgen nur Kosten –, sondern darum, ob die Injektion für ein Pferd weniger schlimm («humaner») ist als der kurze, einmalige Bolzenschuss. Hintergrund dieser Fragestellung sind häufig Berichte von Pferdebesitzerinnen, welche Situationen erlebt haben, die sie für einige Zeit nicht mehr schlafen liessen. Es wird von Pferden berichtet, welche x-mal erfolglos gespritzt worden sind, welche sich auch nach den Injektionen nicht hingelegt, nach dem Abliegen wilde Krämpfe gezeigt haben oder nach dem Einschläfern sogar wieder aufgestanden sind. Solche Fälle sind vorgekommen und werden nie ganz zu vermeiden sein. Aber sie sind sehr, sehr selten. Verschleppte Fälle mit stark leidenden, zu spät erlösten Pferden treten indessen viel häufiger auf. Es liegt also nicht zuletzt in Ihren Händen, durch entsprechende Vorbereitungen und Strategien dafür zu sorgen, dass Ihr Pferd in Ruhe, korrekt und schmerzlos die ewigen Jagdgründe in der Prärie erreichen wird. Und die immer wieder erlebte Äusserung «Ich fühle mich befreit und es war richtig so!» von betroffenen Besitzerinnen nach dem begleiteten Hinschied ihres Pferdes bringt wieder Ruhe in die Familie und den Stall zurück.

Zum Schluss und damit zur Einstimmung und allenfalls zur nachträglichen Verarbeitung der hoffentlich möglichst selten, aber für Pferdebesitzer letztlich unumgänglichen Situation möchte ich Ihnen als Lektüre ein kleines Werk empfehlen, welches mir sehr nahe gegangen ist: «Abschied von Gülsary» vom kirgisischen Autor Tschingis Aitmatow. Sie werden sich der Tränen nicht erwehren können, aber Sie werden am nächsten Morgen gelassener in den Stall gehen. Garantiert!

Veränderungen deuten Zeitpunkt an

Pferde geben vielfach kurz vor dem Ende deutliche Zeichen. Sich verändernde Kriterien zeigen, wenn die Zeit zum Handeln gekommen ist. Die Gefahr für einen zu frühen letzten Gang ist klein. Im Voraus definierte Kriterien helfen, Veränderungen zu erkennen:
• Futteraufnahme
• Kotbeschaffenheit
• allgemeines Verhalten (Ich habe häufig erlebt, dass Pferde kurz vor dem rapiden Ende beginnen, Betreuer zu bedrohen und sogar zu beissen.)
• Länge der Liegephasen
• Aufstehen


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