Von: Daniel Mayer

REPORTAGE: 09/16

3000 Kilometer im Sattel (4) | Lange Ritte bis Sonnenuntergang

Unterwegs mit den neuen Pferden – das gegenseitige Aneinanderangewöhnen dauerte seine Zeit.

3000 km lang führt der Ritt durch Argentinien. Ganz vom Norden von Salta aus praktisch immer südwärts bis nach Santa Rosa und später in südwestlicher Richtung den Anden entlang nach Esquel.

Im meterhohen Gras in den Hügeln Cordobas fanden die Pferde immer genügend Futter.

Die kühlen Morgen machten den Pferden wenig aus, sie suchten bald wieder nach jungem Gras.

Was bringt der neue Tag? Die Hälfte der Strecke ist ohne grössere Schwierigkeiten zurückgelegt.

Die Gastfreundschaft war beeindruckend – immer wieder wurde auf einer Estancia den Pferden und mir Unterkunft geboten.

Juli ist in Argentinien Ferienzeit. In der Nähe von Cordoba wird es immer schwieriger, eine Unterkunft zu finden. Öfters dauern die Ritte bis zum Sonnenuntergang. Campiert wird ausserhalb der Dörfer, um Futter und Wasser für die Pferde zu finden. 

Drei Wochen habe ich in Jesus Maria verbracht. Comandante und Capitan, meine beiden neuen Pferde, sind noch geimpft und beschlagen worden. Am Morgen des 11. Juli geht es endlich wieder los. Anfänglich werde ich noch ein Stück von einigen Freunden begleitet, dann setze ich meinen Weg wieder alleine fort. Mit den Pferden muss ich nun einen neuen Rhythmus finden und vor allem müssen wir einander kennenlernen. Die beiden zeigen sich noch etwas nervös und verausgaben sich schon auf den ersten Kilometern. Ich will sie nicht überfordern und reite zunächst in kleineren Etappen.

Die folgenden 700 km werde ich mehr oder weniger direkt nach Süden reiten, um dann südlich von Santa Rosa de la Pampa nach Westen an den Fuss der Anden zu gelangen. Der letzte Rest der Strecke wird den Bergen entlang nach Süden führen bis nach Esquel. Ich hoffe, auf dieser Strecke immer genügend Wasser und Futter für die Pferde zu finden. Im Zentrum Argentiniens wird es aber erneut rund 300 km durch Wüste und Halbwüste gehen, doch um die Anden zu erreichen, gibt es keinen anderen Weg.

Achte Tage ohne Pause
Kurz nach Jesus ist eine kleine Gebirgskette zu überqueren. So kann ich die Stadt Cordoba umreiten, gelange in eine vom Tourismus geprägte Zone. Im Juli ist Ferienzeit in Argentinien, sodass es für mich und die Pferde immer schwieriger wird, einen Platz für die Nacht zu finden. Eins ums andere Mal werde ich zum nächsten Nachbarn weiter geschickt mit dem Hinweis, dort könne ich sicher bleiben. Schöne Worte, denn mehrmals muss ich bis Sonnenuntergang reiten, um einen halbwegs sicheren Platz zu finden. Für die Pferde werden es anstrengende Tage, sie zeigen sich auch immer unwilliger. Ich campiere meistens ausserhalb der Dörfer, um wenigstens ein bisschen Gras für sie zu finden. Nachts gibt es oft Frost und ich muss mich morgens überwinden, aus dem Zelt zu kriechen. Beim Packen und Satteln wird mir schnell warm und auch die Sonne lässt meist nicht lange auf sich warten. Nach acht Tagen ohne Pause bin ich froh, auf einer Estancia eine zweitägige Pause einlegen zu können.

Gut erholt wird der Weg fortgesetzt. Erst durch leicht hügeliges Gelände, dann folgen wieder endlose Felder mit Soja und Mais. Für Abwechslung zwischendurch sorgen hie und da ein paar Rinder. Für Comandante, der immer noch etwas schreckhaft ist, mehr als einmal Anlass genug, um einen kleinen Galopp einzulegen. Die Menschen im Süden sind wieder sehr freundlich und hilfsbereit. Ich kann wieder auf Estancias übernachten, wo die Pferde Heu und Kraftfutter bekommen und für mich ein Bett hergerichtet wird. Nach all den Schwierigkeiten zuvor ?bin ich nun erneut überrascht von ?der Gastfreundschaft. Mein Aufenthalt wird meist als guten Grund genutzt, um ein Asado, das typische argentinische Grillieren, zuzubereiten. Traditionell hat jeder Gaucho sein Messer am Gürtel und legt es vor dem Essen stolz auf den Tisch. Auch ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mein Messer mitzubringen.

In einem Dorf, südlich von Cordoba, werden mir drei Gauchos vorgestellt, welche die kommenden 1000 km gut kennen und die Strecke im April geritten sind. Über ihre Tipps, wie ich die Wüste im Zentrum bewältigen kann, bin ich froh. Sie wünschen mir nicht nur viel Glück, sie geben mir ausserdem eine Liste mit Kontakten. Von Wüste und Trockenheit ist noch keine Spur zu sehen. Entlang der Landstrasse reite ich auf dem breiten Grünstreifen. Streckenweise wächst dort Luzerne und ich kann die Pferde Grasen lassen.

Druckstelle bei Capitan
Nach einem langen Tag muss ich beim Absatteln feststellen, dass Capitan eine Druckstelle am Widerrist hat. Eine Satteldecke war offenbar verrutscht und hat eine geschwollene Stelle hinterlassen. Um das nächste Dorf zu erreichen, reite ich am nächsten Tag trotzdem weiter. Dort angekommen, bleibe ich einige Tage, um Capitan zu kurieren. Dringend nötig ist für mich auch ein Besuch beim Coiffeur. Von den Gauchos werde ich noch zu einem Rodeo eingeladen. Hier präsentieren sich die Männer in den traditionellen Trachten und die Jungs beweisen ihren Mut auf den bockenden Pferden. Im Dorf lasse ich mir ausserdem neue Packtaschen anfertigen. Sie sind aus LKW-Plane und etwas grösser. Meine alten Taschen mussten immer wieder geflickt werden, nach 1500 km beginnen sich langsam die Nähte zu lösen. Nach vier Tagen ist Capitan wieder einsatzfähig und ich setze meinen Weg fort. Bis Santa Rosa reite ich entlang der Landstrasse auf dem breiten Grünstreifen. Sehr spannend gestaltet sich der Weg nicht, schnurgerade 250 km vorbei an Mais und Soja. Die Hälfte der 3000 km sind nun geschafft und bin froh, dass bisher alles ohne grössere Zwischenfälle verlaufen ist.

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