Von: Daniela Ebinger

Kavallino: 09/16

Wenn die Kleinen mit den Grossen

Janis Strupler wollte nicht mehr nur Zuschauer sein an Turnieren, stieg in die Brevet-Prüfung ein und bestand.

Sharon Baliarda will so schnell als möglich starten können, und dazu braucht es eben das Brevet.

Bestanden hat auch Steffi Helfenstein. Reitstunden stehen bei ihr mehr im Vordergrund als die Teilnahme an Wettbewerben.

Vivienne Holzer nimmt die Gratulation der Richter entgegen. Wie viel gefragt worden war, wurde ihr erst später bewusst.

Wie fühlt es sich an, als 8- oder 14-Jähriger zusammen mit Erwachsenen in denselben Brevet-Kurs einzusteigen und später zur Prüfung anzutreten? Eigentlich problemlos, einzig die vielen Fragen der Erwachsenen im theoretischen Teil nervten hie und da.

Bereits am Abend zuvor richten die Teilnehmer die Pferde für den grossen Tag der Brevet-Prüfung her. Mähne und Schweif werden eifrig schamponiert, gewaschen und fein säuberlich verlesen. Auch die Sättel und Zäume bringen die 24 Aspiranten auf Hochglanz. Nervenkitzel auf den grossen Moment spüren die Jüngsten von acht Jahren genau so wie die erfahrenen Reiter von über 30 Jahren. So auch der achtjährige Janis, der Sohn des Reitstallbetreiberehepaars Stefan und Petra Strupler. Die Entscheidung, das Brevet in so jungen Jahren zu wagen, kam ganz alleine von ihm selbst. «Ich habe es satt, an den Turnieren nur immer als Zuschauer mit dabei zu sein», sagt der Junge. Auf dem Pferderücken sitzt Janis, seit er knapp gehen kann. Doch Reitstunden nimmt der Junge erst seit einem Jahr.

Erwachsene stellen viele Fragen
Am Brevet-Kurs mit den «Grossen» auf dem Reitplatz mitzuhalten, fand er nicht so schwierig. «Die Figuren und einfachen Hindernisse waren auch nichts Neues für mich», sagt er mit einem Lächeln. Der theoretische Teil machte ihm bedeutend mehr Mühe. «Das war zum Teil langweilig und die Erwachsenen stellten immer wieder Fragen», sagt der Junge. Die Mutter erzählt, wie sie mit ihm in der Freizeit den Stoff jeweils nochmals aufgearbeitet habe. Weil er mit den Pferden aufwächst, sei für ihn einiges im Umgang mit den Pferden selbstverständlich. Sein erstes Turnier hat Janis bereits ins Auge gefasst. Am liebsten würde er schon im September in Berg an den Pferdesporttagen starten. Dabei fangen seine Augen beim Erzählen richtig an zu funkeln. 

Steffi Helfenstein will noch nicht sofort an Turnieren teilnehmen. «Ich nehme zuerst noch mehr Reitstunden, um mein Können zu steigern», sagt das Mädchen aus Güttingen. Reitstunden bereiten ihr grossen Spass. Sie sitzt auf dem Pferd, seit sie zwei Jahre alt ist, und hat ein Pflegepferd. Den Brevet-Kurs fand sie nicht allzu schwer. «Petra hat die Theorie immer so erklärt, dass wir Jüngeren auch folgen konnten», sagt Steffi. Trotzdem ist sie über die Teilnahme am Brevet-Lager anschliessend an den offiziellen Kurs froh. «Das hat mir viel gebracht», sagt sie. Nebst den zwei Reitstunden täglich vertieften die -Jugendlichen intensiv den theoretischen Teil.

Theorie als Herausforderung
Drei Jahre nimmt Sharon Baliarda Reitstunden. «Ich will so schnell als möglich starten können», sagt die 13-Jährige aus Zuben. Sie liebe neue Herausforderungen. Den theoretischen Teil mit Erwachsenen zu absolvieren, ist eine davon. «Die Fragen mussten immer sehr detailliert beantwortet werden, aber ich habe mich jeweils auf die Lektionen gut vorbereitet.» Die Atmosphäre in den Theoriestunden im Brevet-Lager empfand sie als locker und entspannt. Das Lager habe ihr nochmals enorm viel gebracht. «Bei den Reitstunden merke ich den Altersunterschied weniger», sagt der Teenager. Die Prüfung selber fand Vivienne Holzer leichter, als sie gedacht hatte. «Wir lernten im Kurs vieles, das ist wichtig im Umgang mit Pferden», erklärt die 12-Jährige aus Altnau. Die Richter hätten die Prüfungsfragen gut in die Praxis während des Reitens und im Umgang mit dem Pferd eingebaut. Dabei sei ihr erst im Nachhinein aufgefallen, wie viel gefragt wurde. 

Seit den Frühlingsferien erarbeiteten die 24 Teilnehmer gemeinsam das Wissen für die Prüfungen im praktischen sowie theoretischen Teil. Stefan Strupler nahm die Schüler gruppenweise reiterlich unter seine Fittiche. Dafür stehen vom Reitbetrieb jeweils 14 Pferde zur Verfügung. «Es können auch eigene Pferde mitgebracht werden», führt der 45-jährige Reitlehrer an. Seine Ehefrau Petra kümmert sich jeweils um die Einteilung der Reitschüler, das ganze Drumherum und erlernt mit den Brevet-Lernenden den theoretischen Teil. Dafür nutzt sie den obligatorischen Brevet-Ordner des Schweizerischen Verbands für Pferdesport. Zudem berichtet eine Tierärztin über die Anatomie und beantwortet Fragen rund ums Pferd. Durch ein Samariterteam erhielten die Teilnehmer Einblick in den 1.-Hilfe-Kurs. «Bei uns sind die Teilnehmer nach bestandener Brevet-Prüfung meist turnierreif», sagt Petra Strupler. Janis war der jüngste Teilnehmer, die meisten sind in der 6. Klasse oder älter. Für die Teilnahme besteht kein Mindestalter – ausser beim Fahrerbrevet, das erst bei Vollendung des 10. Altersjahrs absolviert werden kann.

Grundkenntnisse erwünscht
Der Reitbetrieb Strupler Pferde in Andwil bietet seit zehn Jahren einmal jährlich einen Intensivkurs für die Brevet-Vorbereitung an. «Voraussetzungen sind nebst selbstständigem Reiten in allen Gangarten Grundkenntnisse in der Theorie», sagt Petra Strupler. Gewisse Vorkenntnisse in Sachen Springen erleichterten den Teilnehmern den Kurs. Bei Struplers beginnt der Kurs jeweils nach den Frühlingsferien. Die Prüfung findet meist Anfang Sommerferien statt. In den zehn Jahren reichte es nur wenig Vereinzelten nicht auf Anhieb für das Brevet. «Das hatte meist einen andern Hintergrund», erklärt Petra Strupler, «die Richter sind meistens sehr geduldig und fair.»

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