Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Tierarzt: 08/16

Botulismus – was tun?

Die Gefahr von Botulismus steckt nicht nur in Siloballen, das Gift kann generell durch verunreinigtes Futter übertragen werden.

Meine Stute steht in einem bäuerlichen Pensionsstall, wo regelmässig auch Silage aus Grossballen zugefüttert wird. Ungefährlich ist das offenbar nicht, wie die tödlichen Vergiftungen von Rindern und Schafen zeigen. Ich denke schon, dass unser Bauer sorgfältig arbeitet, ein Tierkadaver kann aber offenbar leicht ins Futter gelangen. Wie kann ich präventiv vorgehen und wie sieht die rechtliche Seite aus? A. V. in F. 

Die Tagespresse veröffentlichte vor einigen Wochen zwei bedeutende Fälle von Botulismus-Vergiftungen. Es handelte sich dabei jeweils um einen Kuh- und Schafbestand in der Ostschweiz. Aufgeschreckt durch die enorme Zahl der verendeten Tiere fragen sich nun viele Rösseler, ob, wie häufig und mit welchen Folgen bei Pferden mit dieser Erkrankung über das Futter gerechnet werden muss und durch welche Vorbeugemassnahmen diese tödliche  Gefahr gebannt oder zumindest minimiert werden kann.

Schwierige Prävention
Bei dieser tödlichen Erkrankung handelt es sich um eine Vergiftung  mit dem Toxin des Bakteriums clostridium botulinum, welches einerseits ubiquitär  (überall vorkommend) ist und andererseits in vielen verschiedenen Typen auftreten kann. Wie wir später sehen werden, erschweren diese beiden Eigenschaften ein Erfolg versprechendes präventives Vorgehen.
Aufgenommen werden diese hochpotenten, grossteils letalen Giftstoffe von den Pferden durch verunreinigtes (kontaminiertes) Futter, Silage, Haylage, nasses Heu, Wasser oder entsprechenden Boden. Weitere Formen sind der infektiöse Botulismus beim Fohlen sowie der sehr seltene Wund-Botulismus. Nach der Aufnahme von bereits  kleinsten  Mengen  dieser durch Verwesung in Tierkörpern anaerob (sauerstofffrei) gebildeten Toxine zeigen sich nach 3 bis 17 Tagen erste Symptome. Durch die Lähmung der quergestreiften Muskulatur fallen vitale Funktionen aus. Die Pferde zeigen Schluckbeschwerden, werden schläfrig, die Zunge hängt häufig aus dem Maul und reagiert nicht mehr mit Zurückziehen auf entsprechende Reize. Die betroffenen Tiere beginnen zu zittern, werden schwach, legen sich hin oder fallen um und verenden letztlich an der Atemlähmung oder einem Herzstillstand. Therapeutisch werden, leider mit wenig Erfolg, entsprechende Seren eingesetzt. Daneben können symptomatische Behandlungen eine allfällige Heilung unterstützen. Zum Glück treten  zweifelsfrei nachgewiesene Fälle in der Schweiz bei unseren Equiden nicht allzu häufig auf. Aber der Nachweis des Erregers gelingt längst nicht in jedem Fall. Trotzdem darf die Gefahr keinesfalls unterschätzt werden. Die Chance, eine Botulimus-Intoxikation zu überleben, ist leider sehr gering. Die Verlustrate liegt um die 90 Prozent.

Steigendes Risiko bei nasser Ernte
Nach dieser  Einführung in das Wesen und die Komplexität der Erkrankung nun zur konkreten Beantwortung Ihrer Fragen. Am wichtigsten ist die saubere, hygienische Produktion, Verarbeitung  und Lagerung des Grundmaterials Gras zu Heu, Silage oder Haylage. Es hat sich gezeigt, dass die Zahl der erkrankten Tiere nach einem nassen Erntejahr mit tiefen Böden und demzufolge verschmutztem Futter signifikant ansteigt. Deshalb ist es unerlässlich, beim Mähen der Weide auf allfällige Kadaver zu schauen, und enorm wichtig, bei tiefem Boden das Mähwerk so einzustellen, dass keine Erde mit ins Futter gebracht wird. Da das Bakterium ubiquitär auftritt, gehört die Aufmerksamkeit auch den Unterlagen (Paddock, Schnitzelplatz usw.),  auf welchen sich die Pferde bewegen und wo sie alles Mögliche zu fressen versuchen. Bei der täglichen Fütterung ist es wichtig, permanente Kontrollen durch den Futtermeister durchzuführen. Auge und Geruchssinn sind einzusetzen!
Als weitere Option bietet sich eine Impfung an, welche auch in der Schweiz seit einigen Jahren registriert und kommerziell erhältlich ist. Diese ist durchaus bezahlbar, wird als Grundimmunisierung im Abstand von 4 bis 7 (9) Wochen wiederholt und anschliessend jährlich geboostert. Wie bei jeder Vakzine gilt auch hier: Die absolute Sicherheit, dass man das Problem bereits im Keim erstickt hat, gibt es nicht. So soll der Impfschutz bereits nach 9 bis 12 Monaten nachweislich abnehmen und er wird nicht in einer Form geliefert, welche alle Typen des Toxins enthält. Nebenwirkungen der Vakzinierung sind selten. Möglich ist das Auftreten einer vorübergehenden Schwellung an der Injektionsstelle.
Die rechtliche Seite würde wohl zum Spielball der Juristen. Das heisst, dass man dem Verantwortlichen für die Futtergewinnung und für das Füttern, in Ihrem Fall dem Bauern, ein zumindest grobfahrlässiges Vorgehen bei der Gewinnung des Futters und/oder bei der Fütterung nachweisen müsste. Das würde bedeuten, dass man fragliches Futter (verdorben, grau, übelriechend, mit Erde verschmutzt usw.) nicht eliminiert hätte oder in verdächtigen Fällen vor dem Füttern nicht untersuchen liess.
Das Botulismus-Toxin gilt als eines der stärksten letalen Gifte, welche in kleinsten Mengen als biologische Waffen eingesetzt werden können. Unser ehemaliger leitender Pferdeinternist an der Universität Zürich sprach gar von der Möglichkeit, durch Gabe einer Klein(st)menge Toxin ins Trinkwasser von Zürich könnte die Stadtbevölkerung ausgelöscht werden. Ob diese «spezielle» Anwendung – aus welchen Gründen auch immer – zur Vergiftung von Pferden  eingesetzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis …

Empfehlung bezüglich Botulismus
• Das Füttern von qualitativ hochwertigem Futter ist und bleibt die beste Prävention.
• Falls einmal Botulismus im Stall nachgewiesen werden sollte, d.h. ein erhöhtes Risiko für Botulismus besteht, kann die Vakzine zusätzlich als Prävention empfohlen werden.

 

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