Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Tierarzt: 05/16

Muskelkater – wie erkennt man ihn beim Pferd?

Auch beim Pferd lässt sich medikamentös über Massage mit Franzbranntwein oder einem ähnlichen Liniment ein Muskelkater behandeln.

Eine Kollegin erzählte mir von einem anstrengenden Training, das bei ihrer 5-jährigen Stute Muskelkater verursacht habe. Wie erkennt man, dass ein Pferd Muskelkater hat, und wie habe ich mich dann zu verhalten? G. I. in A. 

Wie beim Menschen können Muskelkater oder «Muskelkater-ähnliche» Symptome auch bei Pferden auftreten. Die Anzeichen bzw. Abweichungen vom gesunden Zustand sind ebenfalls vergleichbar. Da wir unsere Equiden zwar fragen können, wie und wo es ihnen wehtut, aber nur in den seltensten Fällen eine mündliche Antwort erhalten, sind wir auf unsere Beobachtungen angewiesen. Unsere Möglichkeiten beschränken sich wie immer in erster Linie auf Fühlen, Sehen, Spüren und Tasten. Wenn man sich nun dazu noch genügend Zeit nimmt, ist man bereits auf sehr gutem Weg zu einer schlüssigen Diagnose. Erst bei Unklarheit oder als quantitativen Beweis können oder müssen wir Hilfsmittel wie zum Beispiel Laborwerte oder Muskelbiopsien benützen. Das heisst, ab diesem Moment ist es absolut notwendig, eine tierärztliche Fachperson beizuziehen. Nachstehend als Übersicht die Schilderung der Symptome, welche es Ihnen selbst gestatten, die Diagnose oder zumindest die Verdachtsdiagnose «Muskelkater» zu stellen, sowie die Beantwortung zum weiteren Vorgehen.

Betroffene Pferde gehen am nächsten Tag bereits an der Hand oder im Paddock etwas klamm, treten beim Reiten in allen Gangarten etwas kürzer und werden sich zu Beginn der Arbeit oder des Ausritts sogenannt stetig zeigen. Das heisst, sie widersetzen sich zwar unseren treibenden Hilfen nicht völlig; sie tun sich aber sehr schwer damit, die aktive Unterstützung wie üblich anzunehmen. Beim Betasten der grossen Muskelpakete in der Nachhand können sie bei entsprechendem Druck – allenfalls Kneten – auch leichte Schmerzen zeigen. Das Dehnen von Vor- und Hinterhand finden sie zu diesem Zeitpunkt auch nicht lustig. Es fällt ihnen viel schwerer oder sie weigern sich sogar, entsprechende Übungen auszuführen.

Falls sich nun Ihr Pferd am Tag nach einer grösseren Anstrengung in oben genannter Weise präsentiert, empfiehlt es sich, ab sofort die Bewegung stark zu reduzieren. Das heisst, Sie werden einen «Schrittausritt» durchführen. Bevor Sie starten, wird Ihre Stute sich über eine Massage der «gespannten» Muskulatur freuen und sie wird es Ihnen danken, wenn sie die ersten Schritte bzw. die ersten 20 Minuten Ihre 5-Jährige nur an der Hand führen. Verbessert sich die Beweglichkeit nach 20 bis 30 Minuten, sitzen Sie auf und reiten gemütlich im Schritt weiter. Steiles Gelände sollten Sie in jedem Fall vermeiden. Am nächsten Tag sollte Ihr Pferd dann signifikant besser laufen, sodass Sie die Arbeit minimal steigern können. Am Ende dieser Arbeit (sie darf ohne Weiteres bei gutem Befinden 90 Minuten dauern) dürfen Sie eine kurze Trabreprise von 200 bis 300 Metern einbauen. Sobald Sie nach zwei bis drei Tagen wieder das Ihnen vertraute gute Gefühl von Beginn an haben, dürfen Sie die Arbeit täglich steigern, sodass nach zehn Tagen wieder im gewohnten Modus und Intensität geritten werden kann. Medikamentös können Sie durch Massagen mit Franzbranntwein oder anderen zur Verfügung stehenden Linimenten die Heilung beschleunigen. Peroral zur Verfügung stehende Medikamente wie Vitamin E und/oder Selen dürfen Sie einsetzen, sie sollten aber erst nach genauer Berechnung der Dosis angewandt werden (Gefahr der Überdosierung mit Selen).

Abschliessend muss noch angefügt werden, dass gerade beim sogenannten Muskelkater die Gefahr einer Verwechslung mit Kreuzschlag oder Tying up besteht. Natürlich äussern sich diese beiden Krankheiten nicht in genau gleicher Weise. Da sie sich je nach Schweregrad anders präsentieren können und es gleitende Übergänge gibt, muss die Diagnose vor der eingeleiteten Therapie gesichert sein. Vor allem ein zu frühes Bewegen kann bei nicht angebrachten Therapien zu äusserst gravierenden Komplikationen führen. Da dieser Komplex den Rahmen der Beantwortung Ihrer Frage sprengt, werden wir in einem nächsten Artikel auf diese Problematik der muskulären Erkrankungen etwas tiefer eingehen.

 

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