Von: Cornelia Heimgartner | fotos: horsesinmedia, iStock

Zucht: 04/16

Der Traum vom eigenen Fohlen

Erfahrene Züchter stehen gerne beratend zur Seite, um die Stute punkto Gesundheit und Abstammung zu beurteilen.

Vom selbst gezogenen Fohlen träumen viele. Züchten ist zwar keine exakte Wissenschaft, viele Vorstellungen und Wünsche lassen sich aber bei passender Anpaarung erfüllen.

Dem Tierarzt kommt bei der Betreuung der Stute eine grosse Bedeutung zu.

Die eigene Stute mag als Reitpferd alle -Wünsche erfüllen, ob sie sich als Zuchtstute eignet, ist genau abzuklären.

Der Hengst springt zur Samengewinnung für die künstliche Befruchtung auf das Phantom.

Viele tragen früher oder später einmal den Gedanken mit sich herum, die eigene Stute mit dem Wunschhengst anzupaaren und ein Fohlen heranwachsen zu sehen. Ein spannendes und schönes Vorhaben! Doch bevor der ersehnte Nachwuchs gesund über die heimischen Wiesen galoppiert, gilt es verschiedene Aspekte zu beachten.

Ein Experte in Genetik und Zuchtmanagement muss man nicht sein, um ein gesundes Fohlen aus der eigenen Stute zu erhalten. Dennoch kommt man um manche wichtigen Entscheidungen nicht herum, die man nach bestem Wissen und Gewissen und unter Beizug von Fachleuten fällen sollte. Ganz grundsätzlich und unabhängig davon, ob man das geplante Fohlen behalten oder verkaufen möchte, sollte die Stute über Papiere verfügen und bei einem Zuchtverband eingetragen sein. Ist Letzteres noch nicht der Fall, sollte man mit dem Dachverband der Rasse oder einer regionalen Zuchtgenossenschaft Kontakt aufnehmen und diese Frage klären. Es empfiehlt sich zudem eine Mitgliedschaft in der jeweiligen Züchtervereinigung, um vom vorhandenen Know-how zu profitieren und mit anderen Züchtern Erfahrungen auszutauschen.

Gerade auch bei der Beurteilung des Exterieurs kann es hilfreich sein, auf den neutralen, fachkundigen Blick eines langjährigen Züchters aus dem Verband zu vertrauen. Denn – Hand aufs Herz – die emotionale Bindung zur eigenen Stute kann es schwierig machen, die vorhandenen Schwächen in deren Körperbau zu eruieren. Doch ohne Fehlergucker sein zu wollen, ist es äusserst wichtig, diese zu kennen, damit der Hengst eine Verbesserung erwarten lässt und zumindest keine weitere Verschlechterung herbeiführt.

Keine Abstriche bei der Gesundheit 
Die Stute sollte für eine Trächtigkeit in einem guten Allgemeinzustand sein. Liegen gesundheitliche Beeinträchtigungen vor, gilt es immer zu bedenken, dass eine genetische Veranlagung vorhanden sein könnte, die allenfalls an das Fohlen vererbt wird. Dies gilt nicht nur für Erkrankungen wie Sommerekzem, Pferdeasthma oder Sar-koid. Gerade bei Stuten, die wegen frühzeitigen Verschleisses aus dem Sport ausgeschieden sind, ist die genetische Disposition für Probleme wie beispielsweise Hufrollenschäden oder Gelenkchips nicht zu unterschätzen.

Grundsätzlich können Stuten auch im fortgeschrittenen Alter noch Fohlen austragen. Jede Stute sollte jedoch individuell betrachtet und eine geplante Trächtigkeit mit dem Tierarzt abgeklärt werden. Ausserdem sollte die Stute zum Zeitpunkt der Befruchtung in optimalem Fütterungszustand sein. Damit erhöht sich die Chance, dass sie trächtig wird – ist sie jedoch allzu gut genährt, beeinträchtitg dies wiederum die Fruchtbarkeit.

Den passenden Hengst auswählen
Wer kein erfahrener Züchter ist, sollte sich nicht zu irgendwelchen Zucht-experimenten hinreissen lassen. Bei einem Hengst, der derselben Rasse angehört wie die Stute, spricht man von Reinzucht und geht das kleinste Risiko ein. Auch wenn kein späterer Verkauf des Nachwuchses geplant ist und man keine sportlichen Ambitionen mit dem selbst gezogenen Pferd hat, darf man nicht unterschätzen, dass Produkte aus Kreuzungszuchten bezüglich Exterieur und Charakter oftmals nicht ganz einfach sind. Hinter der Kreuzungszucht steht die Absicht, im abgekürzten Verfahren gute Eigenschaften zweier Rassen zu vereinen, was – weil eine konsolidierte Basis fehlt – leicht schiefgehen kann. Jeder Zuchtverband verfolgt ein spezifisches Zucht-ziel und selektiert darauf ausgerichtet seine Hengste. Übergeht man diese festgelegten Zuchtziele, kann das daraus hervorgegangene Kreuzungsprodukt bereits als einfaches Reitpferd schwierig werden.

Der Hengst sollte nebst der gewünschten Veranlagung ebenso Gesundheit mitbringen und die mit dem Zuchtexperten eruierten Schwächen der Stute ausgleichen. Doch auch ihre Stärken sollen nach Möglichkeit weitergegeben werden. Hier kann der Zuchtexperte helfen, die gewünschte Stärke der Stute auf die Zuchtlinie in ihrer Abstammung zurückzuführen, sodass sich ein Hengst aus derselben Linie finden lässt, um die Wahrscheinlichkeit einer Vererbung dieser Stärke zu erhöhen – man spricht in diesem Fall von Linienzucht. Der Verwandtschaftsgrad der Eltern sollte jedoch nicht zu hoch sein, da die Gefahr bezüglich Erbfehlern bei Inzucht natürlich grösser ist. Auch die Linienzucht gehört deshalb in erfahrene Hände! Wer sich ein vielseitiges, gesundes Fohlen aus der eigenen Stute wünscht, fährt am sichersten, wenn er innerhalb der Reinzucht auf genetische Vielfalt setzt, beim Hengst also eine andere Zuchtlinie wählt als jene der Stute.

Zuchtfortschritt oder Altbewährtes?
Es gibt auf der einen Seite die Modehengste, die in aller Munde sind und einen richtigen Hype auslösen. Diese umjubelten Junghengste verkörpern das aktuelle Zuchtziel und sind mit Sicherheit ein Verkaufsargument: Allein ihr Name in der Abstammung des Fohlens lässt dessen Verkaufspreis ansteigen. Diese Hengste können oft jedoch noch kaum Eigenleistung, geschweige denn Nachkommen vorweisen; man weiss also nicht, wie sie sich vererben.

Auf der anderen Seite gibt es die Althengste, die sich über Jahre im Zuchteinsatz bewährt haben und deren Nachkommen die Vererblichkeit des Vaters dokumentieren. Sie entsprechen vielleicht nicht mehr ganz dem modernen Typ, bringen dafür aber eine weit höhere Sicherheit ihres Zuchtwerts mit. Gerade wer nicht viel Erfahrung im Zuchtbusiness hat, geht mit solchen Hengsten deutlich weniger Risiken ein.

Zuchtwerte lesen und verstehen
Wenn im Hengstkatalog der Zuchtwert des Tieres schwarz auf weiss gedruckt steht, wird oft vergessen, dass es sich hierbei nicht um eine feste, garantierte Grösse handelt, sondern um eine Schätzung. Diese gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, dass der Hengst gewisse Leistungsmerkmale weitervererbt. Ausserdem ist dieser eine abgedruckte Zuchtwert nur das Mittel aus einem ganzen Merkmalkatalog, der beurteilt wird. Daraus ist nicht ersichtlich, ob der Hengst im Schritt vielleicht unterdurchschnittlich abgeschnitten hat, beim Freispringen dafür trumpfte. Die detaillierten Zuchtwertschätzungen sind meist beim jeweiligen Zuchtverband erhältlich und sollten mit der detaillierten Zuchtwertschätzung der Stute abgeglichen werden, um Schwächen von Hengst und Stute entsprechend auszugleichen.

Bei der integrierten Zuchtwertschätzung wird dieser Wert unter Berücksichtigung von Leistungsdaten aus Turniersport und Zuchtprüfungen des Hengstes, seiner Nachkommen, Verwandten und Eltern jährlich neu beurteilt. Es lohnt sich, sich ganz genau zu informieren, auf welcher Datengrundlage die Zuchtwertschätzung beruht. Oftmals werden nämlich nur Leistungen im Spring- oder Dressursport im Land des jeweiligen Zuchtverbands berücksichtigt.

Wenn man bedenkt, dass 85 Prozent der Sportpferde im Besitz von Amateurreitern stehen, die den Reitsport – ob mit oder ohne Turnierambitionen – in ihrer Freizeit betreiben, kommt neben der Leistungsfähigkeit insbesondere dem Charakter des künftigen Fohlens grosse Bedeutung zu. Diesen kann man jedoch auf keinem Hengstvideo und an keiner Hengstschau beurteilen. Deshalb sollte man wenn immer möglich dem Wunschhengst einen Besuch im heimischen Stall oder beim täglichen Training abstatten und ihn ganz persönlich kennenlernen.

Bei allem Analysieren und Rechnen darf man nicht vergessen, dass Züchten keine exakte Wissenschaft ist. Am Ende entscheidet Mutter Natur, welche Eigenschaften an das Fohlen weitergegeben werden, es gibt keine Sicherheiten und Garantien. Oder um es mit den Worten von Ruedi von Niederhäusern, Forschungsgruppenleiter am Schweizerischen Nationalgestüt in Avenches, zu sagen: «Bei der Auswahl des Hengstes zählt am Schluss auch das Bauchgefühl.»

Vom Fachtierarzt optimal betreut
Damit Besamung, Trächtigkeit und Geburt möglichst reibungslos verlaufen, sollte man sich einen auf Gynäkologie spezialisierten Tierarzt ins Boot holen. Anhand eines individuell abgestimmten Stutenmanagements können der beste Zeitpunkt und die geeignete Technik für die Besamung (siehe Kasten 2) sowie eine optimale Gesundheitsvorsorge und Fütterung gewährleistet werden (siehe Kasten 1). Normalerweise kann, ja soll die trächtige Stute bis zum siebten Trächtigkeitsmonat wie gewohnt gearbeitet werden, ohne sie allzu grossem Stress in jeder Form auszusetzen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen, die der Tierarzt individuell beurteilen muss. Wer sich in den Händen eines erfahrenen Tierarztes gut aufgehoben weiss, kann die rund elf Monate Trächtigkeit der eigenen Stute gespannt mitverfolgen und der Geburt des Wunschfohlens mit ungetrübter Vorfreude entgegenfiebern.

Stutenmanagement
Ganzes Jahr: Haltungsbedingungen
• Täglich ausreichend Bewegung und Weidegang
• Sicht- und Riechkontakt zu Artgenossen (Hengste und Wallache erhöhen die Bereitschaft zur Rosse)
• Vermeidung von Stresssituationen
• Ausgewogenes, der Leistung angepasstes Futterangebot
• Moderne Futter- und Stallhygiene
• Hygienisch einwandfreies Trinkwasserangebot

Vor der Besamung; evtl. nach Abfohlen: Klinisch-gynäkologische Untersuchung
Nebst äusseren Aspekten der Genitalien, die einem Pferdespezialisten bereits wertvolle Hinweise geben können, liefert eine manuelle innere Untersuchung genauere Angaben über den Zustand des Geschlechts­organs der Stute. Bei dieser Untersuchung wird gleichzeitig eine Tupferprobe entnommen und im Labor auf den Bakterien-/Keimgehalt in der Gebärmutter untersucht.

Vor der Besamung: Tupferprobe CEM und Bakteriologie
• Stuten mit aktuellem oder ehemaligem Scheidenausfluss (wässrig bis eitrig)
• Leer gebliebene Stuten
• Stuten nach Abort oder Resorption
• Importstuten
• Im Ausland vorher gedeckte Stuten
• Stuten mit Geburtsproblemen

Zytologie/Biopsie
• Leer gebliebenen Stuten
• Stuten nach Abort oder Resorption
• Stuten mit Geburtsproblemen

Gebärmutter-Endoskopie
Der Einsatz der Gebärmutter-Endoskopie ermöglicht das Betrachten der Gebärmutter von innen. So können allfällige Veränderungen der Schleimhaut, Zysten, Verklebungen oder Entzündungs­herde diagnostiziert und vor der Besamung behandelt werden. Empfohlen: bei Stuten, die nach Besamung/en nicht tragend sind, abortierten oder resorbiert haben.

Besamung: Endoskopische Besamung
Für Züchter, die den relativ teuren Gefriersamen einsetzen möchten, bietet die Besamung mittels Endoskop die besten Erfolgschancen, um die Aussichten auf eine Trächtigkeit der Stute zu erhöhen. Im Gegensatz zur herkömmlichen künstlichen Befruchtung, bei welcher der Samen in die Nähe des Muttermunds eingebracht wird, geschieht die endoskopische Besamung unter visueller Kontrolle und der Samen kann dadurch gezielt am Eileitereingang abgesetzt werden. Bei der endoskopischen Besamung wird ein weiches, flexibles Endoskop in die Scheide der Stute eingeführt und gleitet bis zum Muttermund. Durch den Arbeitskanal des Endoskops wird der Samen­katheter eingeführt und unter Sichtkontrolle können die Spermien direkt am Eileitereingang platziert werden. Durch diese Technik entfällt der Weg vom Muttermund bis zum Eileiter und erhöht die Chance einer Befruchtung um ein Vielfaches.

Impfungen: Influenza (Pferdegrippe)
• Nach der Grundimmunisierung jeweils 1 x jährlich
• Vor dem Besamen
• 1 Monat vor dem Abfohlen

Tetanus
• Nach Grundimmunisierung jeweils alle 2 Jahre
• 10.–11. Trächtigkeitsmonat

Virusabort (Herpesvirus Typ I)
• Grundimmunisierung: 2 Impfungen im Abstand von 4 bis 6 Wochen
• 5. Trächtigkeitsmonat
• 7.  Trächtigkeitsmonat
• 9. Trächtigkeitsmonat

Entwurmung
• Keine Entwurmung in den ersten 4 Trächtigkeitsmonaten!
• 2–4 Entwurmungen pro Jahr,  je nach Ergebnis der Kotuntersuchungen und Weidehygiene

Ultraschall
• 16.–18. Tag nach Besamung (Kontrolle, ob Zwillingsträchtigkeit)
• 2.–3. Monat nach Besamung

 

Besamungsmethoden

Natursprung
• Bedeckung durch Weidehengst
Bei dieser natürlichsten Art der Besamung wird eine Stutenherde zusammengestellt, in die dann der Hengst integriert wird. Die Herde bleibt im Idealfall so lange zusammen, bis alle Stuten zwei Rossen durchlaufen haben.
• Bedeckung an der Hand
Hengst und Stute werden meist mehrmals kontrolliert und von Hilfspersonen geführt zum Deckakt zusammengebracht.

Künstliche Besamung
• Nativ- bzw. Frischsamen
Der Samen ist unbehandelt, die Halt­barkeit beträgt maximal 1 Stunde. Hengst und Stute müssen sich am selben Ort befinden.
• Kühlsamen
Der Samen wird mit einer Nährflüssigkeit («Verdünner») gestreckt, in Pailletten zu 0,5 ml abgefüllt und bei 4 °C gekühlt aufbewahrt, die Haltbarkeit beträgt 2–3 Tage. Die Pailletten können in einer speziellen Kühlbox transportiert werden.
• Tiefgefriersamen
Der Samen wird speziell aufbereitet und verdünnt, in Pailletten zu 0,5 ml abgefüllt und bei –196 °C in flüssigem Stickstoff gefroren aufbewahrt, die Haltbarkeit ist nahezu unbeschränkt. Die Pailletten können in einer speziellen Gefrierbox transportiert werden.

 

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