Von: Bettina Keller

Pferdeleben: 1-2/16

Zweite Chance haben alle verdient

Ethik im Rennsport soll nicht schönes Gefasel sein, sondern die richtige Behandlung der Rennpferde nach Karrierenende angehen.

Für Champions gibt es im Irischen Nationalgestüt die Möglichkeit, in die Gruppe der «living legends» aufgenommen zu werden.

Wie weiter mit den Rennpferden, wenn für sie die sportliche Karriere abgeschlossen ist? Immer intensiver beginnt man sich Gedanken zu machen über das Leben nach dem Sport.

100 000 Vollblutfohlen werden jedes Jahr rund um die Welt geboren, begleitet von der Hoffnung ihrer Züchter, später auf der Rennbahn zu brillieren. Doch was geschieht mit einem Rennpferd nach dessen Laufbahn? Eine zweite Chance in der Zucht, als Sport- oder Freizeitpferd oder auf der Weide erhält nur eine ausgewählte Anzahl. Und was ist mit den anderen? Dieser wichtigen Frage nimmt man sich vermehrt an Symposien und Kongressen an. 

Die meist bestens umsorgten Rennpferde sind sich als Hochleistungssportler an viel Aufmerksamkeit und an ein Tagesprogramm gewöhnt. Ist ihre Karriere einmal zu Ende, können sie nicht einfach in einen Paddock gestellt werden. Die meisten Ex-Rennpferde zeigen über kurz oder lang seelische und körper-liche Schäden. Diverse Institutionen beginnen sich der ehemaligen Rennpferde anzunehmen und schaffen die Voraussetzungen, dass ihr Leben mit einer Aufgabe weitergeführt werden kann, dass sie beschäftigt werden und Zuwendung erhalten. Vorerst sind diese Unternehmen auf Gönner angewiesen, sofern wohlhabende Besitzer ihre Ex-Rennpferde nicht auf den eigenen Anlagen behalten.

Die International Federation of Horseracing Authorities (IFHA) bezeichnet «eine angemessene Versorgung von Ex-Rennpferden» als eines der «alarmierendsten Themen» der gesamten Rennsportindustrie. Wie der Berner Tierarzt Hanspeter Meier im August 2015 am Kongress über -«Geschäft und Ethik im Rennsport» in Baden-Baden betonte, ist es eine enorme Herausforderung, diesem Problem gerecht zu werden, denn jährlich verlassen international gesehen Tausende Vollblüter die Rennbahn. Die Betreuung und das Management von pensionierten Rennpferden würden Kosten verursachen, die viele Besitzer nicht übernehmen wollten oder könnten. 

Unerwünschte Pferde
Hanspeter Meier führte aus, dass zahlreiche Besitzer sich bloss um ihre eigenen Interessen kümmern und keine Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Tiere übernehmen würden. Rennpferde verbringen nur eine relativ kurze Zeit im Sport, und wenn ihre Zukunft danach nicht gesichert ist, werden sie zu «unwanted horses», also zu unerwünschten Pferden, eine Bezeichnung, die in den USA eingeführt wurde. Im internationalen Rennsport ist alleine im Wettmarkt viel Geld im Umlauf. Die IFHA möchte nun, dass Gelder aus dem Wettgeschäft für die Unterbringung und Betreuung von «unwanted horses» freigemacht werden.

Eine 2010 in den USA und Kanada gemachte Untersuchung, die sich auf fünf Jahre bezog, führt 68235 Pferde auf, die in dieser Zeit mindestens ein Rennen bestritten. Insgesamt waren aber von 2004 bis 2008 186913 Fohlen zur Welt gekommen. In Amerika erwuchs genau aus diesem Grund starke Opposition gegen den Rennsport. Diverse Organisationen, die schon seit Jahren für die Rechte der Rennpferde eintreten, haben sich nun zu einer Allianz zusammengeschlossen und arbeiten an passenden Lösungen.

In Australien ist man bereits einen Schritt weiter, denn dort müssen Rennpferdebesitzer laut Gesetz innerhalb von 30 Tagen angeben, was mit ihren Vollblütern nach der Karriere geschieht. Da liest man dann Beschreibungen wie: Springpferd, Filmstar, Polo, Begleitpferd auf dem Gestüt, Kinderreitpferd, Familienpferd, Therapiepferd, Weidepferd, Sportpferdezucht und mehr. Eine dort kürzlich durchgeführte Untersuchung mit 1470 Pferden nach deren Rennkarriere ergab, dass die meisten eine gesicherte Zukunft in der Zucht (664), als Freizeitpferd (450) oder beim Besitzer selber (205) haben. 109 sind gestorben oder euthanasiert worden, sechs wurden geschlachtet und von 19 Pferden weiss man es nicht. 17 kehrten wieder auf die Rennbahn zurück.

Datenbank von pensionierten Rennpferden
Eine zuverlässige Datenbank von Ex-Rennpferden wäre laut Hanspeter Meier die einzig richtige Kontrollmöglichkeit von deren Wohlergehen. Mit den heutigen technischen Mitteln wäre dies möglich und werde international diskutiert. Damit könnte man zudem den oft von extremen Tierschutzgruppen verbreiteten irreführenden Zahlen entgegenwirken. Hanspeter Meier, unter anderem Berater der European Federation of Thoroughbred Breeder’s Associations (EFTBA), zeigt sich zuversichtlich: «Der Fortschritt betreffend die weitere Betreuung unserer alten Freunde ist erfreulich und ermutigend. Auch wenn nicht sämtliche Ex-Rennpferde – wenn sie nicht bei ihren Besitzern bleiben können – in ein solches Programm integriert werden können, heisst das nicht, dass man sich nicht darum bemühen soll. Sie haben alle eine zweite Chance verdient.» 

Für die Integrität und Ethik im Rennsport sind Regeln und Gesetze von grösster Wichtigkeit. Das Wohlergehen des Pferdes vor, während und nach der Karriere als Spitzenathlet auf der Rennbahn muss gesorgt sein. Treffend äusserte sich die deutsche Professorin und Bioethikerin Dr. Dagmar Borchers am Kongress in Baden-Baden dazu: «Ethik im Rennsport soll nicht nur schönes Gefasel sein, sondern sie dreht sich unmissverständlich um die richtige Behandlung von Rennpferden. Doping und Hochleistungsmedizin sind da nur ein Aspekt, genauso wichtig ist es, wie die Pferde trainiert werden, wie man mit ihnen umgeht, wenn sie schlechte Leistungen gebracht haben. Pferderennen sind ein Geschäft, aber das heisst nicht, dass ethische Überlegungen davon ausgeschlossen werden.»

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