Dossier: 12/15

Weniger Mensch – mehr Automaten?

Die Gruppenhaltung verzeichnet in der Schweiz eine Zunahme, sie stellt aber die höchsten Anforderungen an die Betreiber.

Dem Wunsch nach besserem Sozialkontakt kann selbst bei Hengsten in der Boxenhaltung nachgekommen werden.

Eine funktionierende Computertechnik für einen Futterautomaten zu finden, ist nur ein Teil in der Praxistauglichkeit, der Automat darf auch keine Verletzungen hervorrufen.

Ist mein Pferd gerade richtig, ist es zu mager oder zu dick? Mit dem Body Condition Scoring lässt sich das feststellen.

Wässern oder Dämpfen setzt die Qualität nicht herauf, eine gute Qualität des Raufutters ist Voraussetzung und lässt sich mit der Nase prüfen.

Ausreichende Bewegung wirkt sich auf das Pferd präventiv aus. Ein Laufband kann dienlich sein, wenn auf den Bewegungsrhythmus des Pferdes eingegangen wird.

In drei Kammern ist die drehbare Raufe von futterkarusell.de unterteilt, die ein Volumen zwischen 260 l und 350 l aufweist und sich auch nachträglich in eine Boxenwand mit Schiebetür einbauen lässt.

Auch im Laufstall zeigt das Pferd Interesse am Menschen und bringt es deutlich zum Ausdruck: Der wichtigste Parameter in der Pferdehaltung ist und bleibt der Mensch.

Dem Trend folgend hat am Equiday des Nationalgestüts Avenches die Gruppenhaltung viel Aufmerksamkeit genossen. Auch wenn in der Fütterung innovativ an Automaten getüftelt wird, lautete die Botschaft zum Abschied: Wichtigster Parameter in jeder Haltungsform ist der Mensch. 

Pferde leben in der Schweiz recht komfortabel, dank den bis auf den Zentimeter genau gesetzlich verordneten Mindestmassen und dem ebenso schwarz auf weiss gedruckten Ausgang unter freiem Himmel. Die staatlich definierten Unterkünfte genügen indessen vielen Pferdebesitzerinnen und -besitzern nicht, wie der ganz auf die Pferdehaltung ausgerichtete Equiday im Nationalgestüt Avenches aufzeigte. Im Vorfeld konnten nicht einmal alle Anmeldungen berücksichtigt werden, die Tagung selber entwickelte sich dank den engagierten Kursbesuchern zu einem eigentlichen Pferdewohl-Workshop. Die an den sechs Posten behandelten Themen zeichneten sich durch hohen Praxisbezug aus. Höchst aufmerksam wurde den verschiedenen Referaten gefolgt, nicht weniger interessant war es aber auch, von den praktischen Erfahrungen der Teilnehmer etwas mit nach Hause nehmen zu können. 

Weiterbildungstagungen wie der Equi­day in Avenches vermitteln mehr Wissen, das letztlich allen zugänglich ist und das Leben für die Stallbetreiber nicht einfacher macht. Denn wenn bei den Pensionsnehmern die Kenntnisse in Pferdehaltungsfragen grösser werden als bei den Pensionsgebern, sind in der Stallgemeinschaft Meinungsdifferenzen vorprogrammiert. Ruedi von Niederhäuser, Leiter der Forschungsgruppe Haltung am Nationalgestüt, konnte in seinem Referat wohl von stetig wachsendem Bestand an Pferden in der Schweiz berichten. Soll aber die Pensionspferdehaltung für Landwirte – immerhin stehen 75 Prozent aller Equiden in der Landwirtschaftszone – «rentabel bis sehr rentabel» bleiben, sind wichtige Faktoren zu berücksichtigen:

• Die Kundin ist König und steht im Zentrum.
• Überdurchschnittliches Mass an Sozial- und Fachkompetenz beim Stallbetreiber.
• Kundenbedürfnissen angepasstes Angebot.
• Auf die Nachfrage ausgerichtetes Wachstum.
• Hohe Belegung.

Frau, 39-jährig, sechsmal pro Woche für 21/2 Stunden im Stall, Anreisezeit 10 bis 15 Minuten, gewünschte Haltungsform Box mit Auslauf, gute finanzielle Situation lautet das von Ruedi von Niederhäuser ermittelte Kundenprofil der Pensionär/innen in der Schweiz. Wie einfach wäre es allerdings für die Pensionsgeber, wenn sie sich allein auf diese Werte ausrichten könnten! Denn die Wirklichkeit sieht doch anders aus, sonst würden mehr als nur gut 59 Prozent «ihren» Stall weiterempfehlen. Das Kundenprofil mag wohl einen herlvetischen Mittelwert darstellen, individuelle Kundenpflege lässt sich damit hingegen nicht betreiben, zu individuell sind die Beweggründe, die heute Menschen zum Pferd bringen. Immerhin 10 Prozent der Zeit, rechnete ausserdem eine entsprechende Umfrage in Baden-Württemberg aus, hat durchschnittlich ein Stallbesitzer für unentgeltliche Auskünfte aufzuwenden.

Was ist gutes Pferdefutter?
Mit Nase und Fingern liess sich prüfen, was ein gutes Pferdefutter ist. Raufutter ist für Pferde die wichtigste Nahrung, umso qualitätsvoller muss es sein. Egal ob es nun Heu, Haylage, Stroh oder gar Maissilage ist, der Futterkonservierungsspezialist Ueli Wyss von Agroscope nahm denn auch keine Wertung vor, informierte aber ausführlich darüber, worauf bei der Beurteilung besonders zu achten ist. Pferde sind schliesslich besonders sensibel gegenüber verdorbenen und kontaminierten Futtermitteln. Die hygienische Qualität zählt daher zu den wichtigsten Kriterien von Pferdefuttermitteln. 

Ausreichende Bewegung ist für die Gesunderhaltung der Equiden nicht weniger wichtig als qualitativ hochstehendes Futter und wurde am Equiday vom Institut suisse de médecine équine (ISME) thematisiert. Als ergänzende Bewegungsformen für Pferde im Rahmen der Haltung wurden Führanlage, Laufband und Aquatrainer vorgestellt. Doch es wäre zu einfach, die Pferde per Knopfdruck bloss ein paar Kilometer marschieren zu lassen. Ganz und gar unproblematisch sind alle drei Bewegungsaktivisten nicht, wenn nicht auf den vom Pferd vorgegebenen Bewegungsrhythmus Rücksicht genommen wird. 

Informieren vor Planen
Besitzerinnen eines in einem Pensionsstall eingestellten Pferdes kommen mit der Raumplanung und den Bauvorschriften kaum in Berührung, für das Pferd im Allgemeinen sind diese beiden Faktoren dennoch ein äus­serst wichtiges Thema, wie Iris Bachmann vom Nationalgestüt hervorhob. Wenn in der Schweiz pro Sekunde ein Quadratmeter Kulturland überbaut wird, lässt sich leicht erahnen, dass die immer enger werdenden Platzverhältnisse auf die Pferdehaltung respektive die Ausübung des Pferdesports nicht ohne Auswirkungen bleiben. Zumal die Pferdehaltung für das Bundesamt für Raumentwicklung nicht per se eine landwirtschaftliche Aktivität darstellt. Immerhin konnte Bachmann erwähnen, dass es im neusten Bericht für die Pferdehaltung zu gewissen Lockerungen gekommen ist, und zwar für Landwirtschaftsbetriebe wie auch in der hobbymässigen Pferdehaltung. Doch weil von Kanton zu Kanton Bauvorhaben für Pferdeställe verschieden beurteilt und bewilligt wird, ist es nach den Worten von Iris Bachmann ratsam, sich auf jeden Fall bei den Baubehörden im Voraus genau zu informieren. 

Es ist viel möglich
Unbestritten kommt die Haltung in der Gruppe den angeborenen Bedürfnissen des Pferdes am nächsten. Auch wenn der Trend in diese Richtung zeigt, lebt die überwiegende Mehrheit der Equiden in der Schweiz in Einzelboxen. Wohl deshalb, weil – wie besonders betont wurde – die Gruppenhaltung vom Stallbetreiber am meisten Wissen benötigt, sollen die Pferde zu einem möglichst stressfreien Aufenthalt kommen. Mit Fantasie und Einfühlungsvermögen lässt sich auch im traditionellen Boxenstall die Lebensqualität verbessern. Positive Ergebnisse lieferten speziell angefertigte Boxenwände, die zur Hälfte aus einer geschlossenen Bretterwand und zur anderen Hälfte aus vertikal angeordneten Gitterstäben bestehen. In diesen Kurtz-Boxen (benannt nach dessen Erfinder Andreas Kurtz) eingestallte Pferde können verstärkt Sozialkontakt aufnehmen und beispielsweise die arttypische Fellpflege ausführen. Nicht genug damit: Ausprobiert wird auch ein System mit offener Trennwand nach dem Prinzip «Aus 2 mach 1». Wichtig ist bei dieser Minigruppenhaltung, dass es, wie Christa Wyss ausführte, in der Boxentrennwand mindestens zwei einen Meter breite Durchgänge gibt, damit die Pferde einander auch ausweichen können. Ein erhöhtes Risiko konnte offenbar nicht festgestellt werden, das Problem liegt bei diesen sozialen Systemen – wie zu hören war – oft bei der Wirtschaftlichkeit. Bei der Befriedigung der Bedürfnisse der Pferde und dem zu verantwortenden Arbeitsaufwand lässt sich in der Praxis sehr oft ein Zwiespalt erkennen. 

Gut strukturiert
Soll es den Pferden in der Gruppe gutgehen, ist der Mensch als Lebensraumgestalter am meisten gefordert. Ob man sich nun über den Hit Aktivstall oder den Laufstall informieren liess, hier wird am meisten Wissen verlangt. Nicht nur jede Gruppe ist ein Einzelfall, auch jeder Betrieb ist individuell. Ist genügend Platz vorhanden, lässt sich die dahinter steckende Idee der getrennten Stationen Fressen, Saufen, Liegen, Wälzbereich und Kraftfutterstation zufriedenstellend realisieren. Dank den an den Pferden angebrachten Transpondern lässt sich ein 24-Stunden-Betrieb problemlos aufrechterhalten. Pferde mutieren aber auch in diesen Haltungssystemen nicht zu Maschinen, der Mensch bleibt die wichtigste Komponente und muss offene Augen für neue Situationen behalten.

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Kernpunkte
Was die Kursbesucherinnen und -besucher am Ende des Tages mit nach Hause zu nehmen hatten, fasste Ruedi von Niederhäuser, Leiter Forschungsgruppe Pferdezucht und -haltung am Nationalgestüt, zusammen.

Wirtschaftlichkeit der Pferdehaltung, Marketing und Vermarktung
• rentabel bis sehr rentabel
• Sozialkompetenz 
Innovationen in Boxenhaltungssystemen, Sozialboxen-Modellstall
• Fütterungsorte gut auswählen
• Mensch bleibt wichtigster Parameter
Pferdehaltung und Raumplanung
• geht noch zu wenig auf Pferde­haltung ein
• Raumplanung ist abhängig von Landwirtschaftsgesetz und Landschaftsschutz
• 99% der Bevölkerung haben mit ­Pferden nichts am Hut
Innovationen für die Gruppenhaltung mit Slow-Feeding-Systemen
• Gruppenhaltung auf limitierter Fläche ist eine Herausforderung
• Verhalten der rangniederen Tiere miteinbeziehen
• Liege- und Fresszeiten beobachten 
Veterinärmedizin, Prävention und Bewegungstherapien
• Prävention verhindert Verletzungen
• grosse Unterschiede zwischen freier und kontrollierter Bewegung
Fütterung und Futtermittel­konservierung
• Qualität des Futters ist entscheidend
• schlechtes Ausgangsmaterial lässt sich auch mit Steamer nicht verbessern

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