Von: von H. Geyer/M. Weishaupt unter Mitarbeit von J. Peter, M. Oesch und U. Müller

Dossier: 10/15

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Abb. 2: Schematischer Aufbau der Wirbel, dargestellt am Übergang der Brust- in die Lendenwirbelsäule des Pferdes. Ansicht von der linken Seite. - Zeichnung: Jeanne Peter. - a–c Wirbelkörper: a 17. Brustwirbel, b 18. Brustwirbel, c 1. Lendenwirbel; d Bandscheiben; e Wirbelkanal für das Rückenmark; f Zwischenwirbellöcher = Austrittsstellen der Nerven; g Dornfortsätze der Wirbel; h zu geringer Abstand der Dornfortsätze = «kissing spines» – die Küsse können schmerzhaft sein. - i–j Gelenkfortsätze vorn (i) und hinten (j) am Wirbel. Die Gelenkflächen sind hier senkrecht angeschliffen, sodass vorwiegend Auf- und Abwärtsbewegungen möglich sind. Oft kommt es an diesen Gelenken zu Veränderungen, die sehr schmerzhaft sein können und vor allem im hinteren Brust- und im Lendenbereich auftreten. - k–l zweitletzte Rippe: k Rippenkopf, l Rippenkörper; m Gelenkfläche für die letzte Rippe; n Querfortsatz des 1. Lendenwirbels. – Pfeile = Belastungskräfte.

Abb. 3: Skelett des Pferdes mit Sattellage in Ansicht von oben mit einigen ausgewählten Nerven als Beispiel für die an jedem Zwischenwirbelloch austretenden Spinalnerven. Die im Bild eingezeichneten Punkte bezeichnen Stellen, an welchen durch den Sattel oder den Reiter vermehrt erhöhte Druckbelastungen entstehen können. - Zeichnung: Jeanne Peter. - H Halswirbel; B Brustwirbel, hier Dornfortsätze markiert; R Rippen; L Lendenwirbel; K Kreuzbein; S Schwanzwirbel. - a Schulterblatt, Knochen; b Schulterblattknorpel, oben an Schulterblatt; c Querfortsatz des 3. Lendenwirbels; d–f Becken: d Darmbein; e Sitzbeinhöcker, f Beckenboden; g Hüftgelenk. - h–i 6. Brustnerv: h oberer Ast für Gebiet über der Wirbelsäule; i unterer Ast für Gebiet unter der Wirbelsäule; gilt auch für die übrigen Nerven; k–l 12. Brustnerv mit oberem Ast (k) und unterem Ast (l); m–n 18. Brustnerv mit oberem (m) und unterem (n) Ast; o–p 3. Lendennerv mit oberem (o) und unterem (p) Ast. - q–r mögliche Druckstellen bei enger Sattelkammer; s–t mögliche Stellen, welche die Schulterfreiheit einschränken; u–v mögliche Druckstellen vorn und seitlich am Sattel; w–x mögliche Druckstellen hinten und seitlich am Sattel. - Die häufig veränderten Zwischenwirbelgelenke im hinteren Brust- und im Lendenbereich sowie starker Druck durch Sattel und Reiter können die im betreffenden Gebiet abgehenden Nerven reizen, was auch zu reflektorischer Verspannung der Muskulatur des betroffenen Gebietes führen kann.

Abb. 6: Kopf und vorderer Halsbereich des neugeborenen Warmblutfohlens mit Darstellung der tiefliegenden Nerven des Kopfes sowie des Rückenmarks und der vorderen Halsnerven. Ansicht von rechts. - Präparation: Urs Müller; Foto: Michelle Oesch. - H Halswirbel; Hn 2 – Hn 4 Halsnerven 2, 3 und 4 mit nach oben und nach unten abgehenden Ästen. - a Oberkiefer; b Backenzähne; c Zunge; d Unterkiefer mit eröff­netem Nervenkanal; e Auge; f Querschnitt durch den äusseren Gehörgang am Übergang zum Mittelohr mit Ansatz des Zungenbeins (f’); g Hinterhauptsknochen; h–i Nackenband: h Nackenstrang; i Nackenplatte; j Reste der oberen Halsmuskulatur; k Reste der unteren Halsmuskulatur; l Muskulatur der Kehlgangsgegend.; m Luftsack, innere Bucht, äussere Bucht (m’). - n–o Gehirn, bedeckt von Hirnhäuten: n Grosshirn mit sensibler Zone, o Kleinhirn; p Austritt des abgetrennten Gesichtsnervs (N. facialis) hinter dem Ohr; q–u Nerven des dreiteiligen Trigeminusnervs (N. trigeminus), des sensiblen Kopfnervs; q Ast für die ­Augengegend (N. opthalmicus); r Ast für den Oberkieferbereich (N. maxillaris), r’ austretende Äste des N. infraorbitalis für Nase und Oberlippe; s–u Unterkiefernerv (N. mandibularis) mit Ästen: s sein Ast für Innenseite der Backe; t sensibler Zungennerv; u Nerv des Unterkieferkanals mit austretenden Ästen (u’) zur Unterlippe; v Nerven für Zungenbewegungen und Zungengrund; v’ Vagusnerv mit sensiblem Ast (v’’) zum Kehlkopf). - w Rückenmark, umgeben von Hüllen; x Gelenkfläche des hinteren Gelenkfortsatzes vom 3. Halswirbel nach Entfernung des 4. Halswirbels, beachte die Nähe des Zwischenwirbelgelenks zum Rückenmark und zum austretenden 4. Halsnerv; y Halsschlagader (A. carotis communis); z Drosselvene mit Aufteilung.

Wer von den hochempfindlichen Bereichen Kenntnis hat, wird im Umgang und bei der Wahl des Sattel- und Zaumzeugs umso vorsichtiger. Um diese Bereiche möglichst zu schonen, wird man sich bei der Wahl der Ausrüstung und bei der richtigen Anpassung stets entsprechende Gedanken machen und wissen, dass gutes Reiten und richtiger, tierfreundlicher Umgang mit dem Pferd grosse Fertigkeiten sind. 

Wie wir im ersten Teil unseres Beitrags mitbekommen haben, lieben es Pferde ebenso wenig wie wir, wenn man ihnen auf den Nerv drückt. Dabei wurde besonders auf empfindliche Stellen hingewiesen, die durch krankhafte Veränderungen wie auch schlecht sitzendes Zaumzeug oder einen nicht passenden Sattel gereizt werden können. Alle Vorgänge im Rückenmark sowie in den unteren und hinteren Anteilen des Gehirns laufen unbewusst ab. Bewusst registriert oder gesteuert werden die Vorgänge nur in bestimmten Bereichen der Grosshirnrinde (Abb. 4–5, Ausg. Nr. 9). Wie bereits erwähnt, reichen die Gelenkkapseln der Zwischenwirbelgelenke sehr häufig bis in die Nähe der Nervenaustrittsstellen der jeweiligen Rückenmarksnerven (Abb. 2). Wenn an den Gelenken oder an den Nervenaustrittsstellen beispielsweise durch Schmerz sensible Nervenfasern gereizt werden, kann sich reflektorisch die Muskulatur in den betroffenen und allenfalls benachbarten Segmenten verspannen und verhärten. Durch die Häufung von sensiblen Reizen in der entsprechenden Gegend ist das Gebiet auch bei Berührung oft übermässig empfindlich. Man denke hier auch an die Sattelgurten, die bei sehr straff angezogenen, harten Gurten und ungenügender Ellbogenfreiheit die Ventraläste der Segmentalnerven inklusive der hinteren Anteile des Armgeflechtes reizen können. Gut gepolsterte Sattelgurten und genügend Ellbogenfreiheit sind daher auch sehr wichtig.

Ursache der Schäden oft unbekannt
Warum findet man so viele Schäden im Bereich der Gelenke der hintern Halswirbelsäule, des Übergangs der Brust- in die Lendenwirbelsäule und an der Lendenwirbelsäule sowie im Bereich des Sattels? Darüber kann bei entstandenen Schäden oft nur spekuliert werden. Eine harte Hand, ein schwerer, nach hinten gerichteter Sitz des Reiters und insbesondere auch Problemstellen am Sattel sowie auch eine Fehlhaltung des Pferderückens, das heisst mangelnde Rumpfstabilität und somit Absenken des Pferderückens, sind mitverantwortlich für auftretende Schäden, die oftmals zu Schmerz und daher auch zu Widersetzlichkeit der Tiere führen. Abb. 3 versucht in einer Ansicht von oben mit eingezeichnetem Skelett und einem Sattel sowie einigen ausgewählten Nerven (anstelle der vielen) die wichtigsten Stellen von Druckpunkten oder Bewegungseinschränkungen durch den Sattel aufzuzeigen.

Da sind einerseits mögliche Druckstellen durch ein falsch angepasstes Kopfeisen, einen zu eng taillierten Sattelbaum oder eine zu enge Sattelkammer. Weiter denke man auch daran, dass bei einem in der Mittellinie weit nach vorne reichenden Sattel der unter der Haut befindliche Schleimbeutel, der über dem Nackenstrang und über den Dornfortsätzen des 5. bis 7. Brustwirbels liegt, gedrückt oder gereizt werden kann. Als Stellen, welche die Schulterfreiheit einschränken können, gelten die vorderen und seitlichen Sattelteile, wenn sie zu nahe an die Schulter kommen, insbesondere auch die Ortspitzen des Kopfeisens. 

Sattel muss breit aufliegen
Häufige Druckstellen, bei denen auch in Satteldruckmessungen hohe Werte gefunden wurden, befinden sich jeweils seitlich und an der Basis des Widerristes sowie hinten im hinteren Bereich der Sattellage (Abb. 3, u–x). Um solche Druckwerte zu vermeiden, sollte der Sattel möglichst breitflächig aufliegen. Die Druckempfindlichkeit im hinteren Sattelbereich wirkt sich natürlich auch negativ aus, wenn der Reiter sehr stark hinten sitzt oder wenn in der hinteren Brust- und in der Lendengegend schmerzhafte Veränderungen an den Zwischenwirbelgelenken vorhanden sind. Man kann gut verstehen, dass sich ein Pferd mit Schmerzen in diesem Gebiet, vor allem gegen den hinten sitzenden Reiter, wehrt.

Es ist geplant, ausführliche Darstellungen zur Problematik des Rückens und des Sattels in einem elektronischen Lehrmittel (M. Weishaupt, K. Geeser-von Peinen et al.) in Bildern, Schemata, Filmen und Zeitlupenaufnahmen für alle am Wohl des Pferdes interessierten Beteiligten aufzuarbeiten. Die Verwirklichung des Projekts braucht aber noch etwas Zeit und eine Finanzierung.

Die mit ausführlichen Legenden versehenen Abb. 4 bis 6 von einem neugeborenen Fohlen sollen am Originalpräparat und den hier nur dargestellten und zum Teil zeichnerisch hervorgehobenen grossen Nerven zeigen, mit welchen hochempfindlichen Bereichen man es in der täglichen Pferdehaltung und bei der Arbeit mit dem Pferd zu tun hat. Um diese Bereiche möglichst zu schonen, sollte man bei der Wahl des Zaumzeuges und der richtigen Anpassung des Sattels sich stets auch Gedanken machen und wissen, dass gutes Reiten und richtiger, tierfreundlicher Umgang mit dem Pferd grosse Fertigkeiten sind, bei denen man nie auslernt. Solche Fähigkeiten zu erlernen und das daraus resultierende Können könnte man als wahre Kunst bezeichnen.

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Westernsattel ist schwierig zu verpassen

von Salome Wägeli

Ein Forschungsteam der Abteilung für Sportmedizin des Tierspitals in Zürich unter der Leitung von Dr. Katja Geser-von Peinen untersuchte die Eignung von Westernsätteln. Laut Dr. Geser werden Westernsättel immer noch relativ selten verwendet – so werden nur rund 12 Prozent der behandelten Pferde in der Pferdeklinik Zürich mit Westernsätteln geritten. Aufgrund der zwar wachsenden, aber vergleichsweise kleinen Anzahl an westerngerittenen Pferden existieren bisher nur wenige Satteldruckstudien zu Westernsätteln.  

Dr. Katja Geser-von Peinen und ihr Team massen bei zehn Pferden, die mit einem Westernsattel geritten wurden, mittels eines Satteldruckmesssystems den Satteldruck. Relevant bei der Messung waren der durchschnittliche Druck auf den Pferderücken und der sogenannte Spitzendruck, der höchste Druckwert der gesamten Messung. Der Druck wurde in allen Gangarten gemessen und dabei bestätigte sich, dass sich der Druck mit jeder schnelleren Gangart erhöht. 

Hoher Druck vorne
Die Satteldruckmessung ergab, dass 50 Prozent des Satteldrucks auf dem Widerrist liegen. Durch die Winkelung des Westernsattels wird beim Nachgurten der vordere Teil des Sattels nach unten gezogen, womit sich gleichzeitig der hintere Teil des Sattels leicht anhebt – dies wird durch den Muskeltonus in der Bewegung noch verstärkt. Diese ungleiche Druckverteilung erklärt auch, wieso Dr. Geser-von Peinen die am meisten auftretenden Probleme bei Pferden, die mit einem Westernsattel geritten werden, im Widerrist-/Schulterbereich findet.

Bei einem Westernsattel ist somit keine bessere Gewichtsverteilung als bei anderen Sätteln zu erwarten. Das Gegenteil ist sogar der Fall, so zeigen passende englische Sättel ausgewogenere Gewichtsverteilungen. Der kritische Punkt befindet sich dabei oftmals beim Widerrist. Ebenfalls spielen die richtige Verwendung von Sattelgurten und Sattelpads eine bedeutende Rolle beim Einsatz von Westernsätteln, betont Dr. Geser-von Peinen. Eine korrekte Anpassung des Sattels an das individuelle Pferd ist deshalb sehr wichtig – in vielen Fällen  jedoch meistens gar nicht so einfach.

 

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