Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Ratgeber: 10/15

Kommt beim Haarwechsel Stress auf?

Während des Haarwechsels ist eine intensivere Beobachtung des Allgemeinzustandes beim Pferd angezeigt.

Meine Boxennachbarin hat mir kürzlich gesagt, dass der Haarwechsel für das Pferd einen grossen Stress darstelle. Bei meinem Pferd hatte ich in den vergangenen Jahren kaum Probleme erkennen können. Wenn ja, wie kann ich vorbeugen? Mit einem Spezialfutter? R.F. in T.

In veterinärmedizinischen Unterlagen ist über das Gebiet «Stress beim Haarwechsel» nicht viel Relevantes zu finden. Die Aussage Ihrer Boxennachbarin, welche sich bestimmt aus den Beobachtungen an ihren eigenen Pferden ergeben hat, kann ich aber sowohl als Pferdetierarzt wie auch als Betreuer meiner eigenen Equiden bestätigen.

Genaues Beobachten angezeigt
In der Praxis hat sich gezeigt, dass sich vor allem bei älteren Pferden nicht nur der Allgemeinzustand (Aussehen, Glanz, Erscheinungsbild, Leistungsbereitschaft) im Frühjahr und Herbst ändert. Es ist eine deutlich gesteigerte Anfälligkeit für kleinere und grössere Probleme aller Art während diesen Tagen bzw. Wochen festzustellen. Diese äussert sich neben dem zum Teil unansehnlichen Haarkleid und dem damit verbundenen grösseren Aufwand beim Putzen der Tiere auch in Lustlosigkeit, reduziertem Appetit und häufig im Wiederkehren von früher bekannten Schwächen oder gar krankhaften Symptomen. 

Von Husten bis dicken Beinen
Pferde, welche bekannt sind als chronische Hustenpatienten aufgrund der in der Schweiz nach wie vor sehr häufig auftretenden COPD (chronische Bronchitis mit Nasenausfluss und periodisch auftretendem Husten) zeigen nach Monaten der Ruhe wieder plötzliche Hustenanfälle beim Antraben oder sogar im Stall und auf dem Paddock. Pferde, bei denen der Husten als «normale» Begleiterscheinung übers ganze Jahr nie ganz verschwindet, steigern beim Haarwechsel die Frequenz und Intensität ihrer Symptome zum Teil dramatisch. Ähnliches lässt sich auch bei andern Befunden wie gestauten Gliedmassen feststellen. Sie bilden sich zwar im Sinne eines Ödems unter der Bewegung wieder zurück oder können mittels Kaltwasserduschen der Endphalangen eingedämmt werden. Sie treten aber bis zum Abschluss der Umstellung auf Winter- oder Sommerkleid immer wieder auf. Das wird als Zeichen der Natur gewertet, welches uns Rösselern zeigt, dass der Organismus durch den Umstellungsstress stark belastet oder sogar überbelastet ist.

Deshalb ist in dieser Zeit, je nach Intensität der Symptome, schonendes Reiten mit tiefer Belastung angezeigt. Dies ist beim Ausreiten durch Vermeiden von langen, kräftezehrenden (Berg-) Galopps, beim Dressur- und Springtraining durch deutliches Herunterschrauben der verlangten Arbeit leicht zu erreichen. Events wie Herbstjagden oder mehrtägige Reitferien mit ansonsten vernünftigen Anforderungen an unsere leistungsbereiten Vierbeiner müssen individuell angepasst werden. Sobald deutlichere Zeichen wie Inappetenz nach grossem Effort oder Stetigkeit unter dem Sattel, Steife im Bewegungsapparat, überlanges Liegenbleiben am Morgen in der Box auftreten, muss halt mal zugunsten der Gesundheit auf ein Vergnügen verzichtet werden.

Der Verdacht auf Überlastung des Organismus mit besonderer Berücksichtigung des dadurch schwächeren Immunsystems kann durch Ihren Tierarzt mittels Blutentnahmen und des Bestimmens von entsprechenden Parametern quantifiziert werden. Daraus ergeben sich letztlich auch medikamentöse oder fütterungstechnische Möglichkeiten, den Tieren gezielt zu helfen beziehungsweise fehlende Stoffe (Mineralstoffe, Spurenelemente, Eisen usw.) zu ergänzen.

Als Fazit möchte ich Ihre Fragen wie folgt beantworten:
1: Es ist sehr wohl möglich, dass Ihre Kollegin und Sie selbst den Haarwechsel Ihrer Pferde anders erleben.

2: Die Erfahrung zeigt, dass Robust-rassen und Pferde ohne grosse Leistungsanforderungen in der Mitte ihrer Lebenserwartung besser mit der Umstellung klarkommen. Sie haben ja auch – abgesehen vom Fellwechsel – keinen oder sehr wenig Stress. Die individuelle Situation ist also ein entscheidender Faktor.

3: Alte und junge Pferde, vorgeschädigte (zum Beispiel verwurmte) oder sogar kränkelnde Tiere, Hochleistungssportler und hochgezüchtete Rassen sowie solche unter suboptimalen («Umwelt»-)Bedingungen wie Unterbringung in Handelsställen, schlecht adaptierter Fütterung, unregelmässiger Bewegung ohne Weidegang haben entsprechend weniger Abwehrstärke zur Verfügung. Sie zeigen deshalb vermehrt Symptome einer momentanen Überlastung des Immunsystems.

4: Ein pferdeärztlicher klinischer Check mit Bestimmung von Blutparametern kann undeutliche oder fragliche Symptome objektivieren und werten helfen. Dadurch ergeben sich je nach Befund auch Massnahmen zur Vorbeugung oder sogar allenfalls Therapie. Dabei muss nicht in jedem Fall eine Medikation ins Auge gefasst werden. Es kann mit den vielen auf dem Markt angebotenen Spezialfuttermitteln oder Futterzusätzen gearbeitet werden oder, auch das ist als Resultat eines genauen Untersuchs möglich, es besteht kein Handlungsbedarf.


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