Editorial: 9/15

Dressur – ein falscher Begriff?

Kommt der Dressursport im Kreuzgalopp daher, weil für diese Pferdesportdisziplin ein längst überholter Begriff verwendet wird? Dressur – so stehts im Wörterbuch – ist gleichzusetzen mit Abrichten. Aber Hand aufs Herz: Welcher Dressurreiter würde schon sagen, er richte sein Pferd ab! Abgerichtete Pferde haben wir in diesen Tagen an der Europameisterschaft in Aachen leider zu oft mitansehen müssen. Hin und wieder auch wegblicken, wenn sich einige verzweifelt aus dem Korsett der andressierten Lektionen zu befreien versuchten. Und dabei hat doch der Präsident der Europäischen Pferdesportvereinigung klar gesagt, was unter Reiten zu verstehen sei. Reiten, betonte Hanfried Haring anlässlich der EM-Eröffnung in Aachen, sei eine ständige Kommunikation zwischen zwei Lebewesen, wobei zu guter Letzt immer derjenige die Nase vorn habe, der es erreicht habe, zu perfekter Harmonie mit dem Pferd zu gelangen.    

Wäre Totilas ein Einzelfall, müsste über den Dressursport keine Grundsatzdiskussion ausgelöst werden. Der schwarze Hengst und sein Reiter Mathias Rath sind es leider nicht. Geritten wird im Viereck schliesslich, was von den Richtern hoch benotet wird. An der EM wie an der WM der jungen Dressurpferde, wo ebenfalls Entsetzen aufkam. Entsetzen über die Reiterei selbst und vor allem darüber, dass diese dann auch noch belohnt wurde.    

Auf Abwegen ist die Dressur nicht zum ersten Mal. Die zu ihrer Zeit höchst anerkannten Ausbilder François Baucher und James Fillis brachten den Pferden Ende des 19. Jahrhunderts den Galopp auf drei Beinen oder den Rückwärtsgalopp bei und ernteten für solch artistische Lektionen vielfach grösste Bewunderung. Aber auch damals klatschten nicht alle Beifall und lehnten diese Reiterei als unnatürlich ab.

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