Von: Hans Geyer/Michael Weishaupt unter Mitarbeit von Jeanne Peter, Michelle Oesch

Dossier: 9/15

Wenn Zaum und Sattel nerven

Fahrzaum und Freedom-Zaum. Die Gegend hinter dem Ohr ist sehr sensibel. Viel freien Platz bietet der Freedom-Zaum, der hier abgebildete Fahrzaum hingegen beengt diese Partie sehr stark.

Abb. 1: Wichtige Nerven des Aussenteils vom Kopf sowie von Halsnerven des Pferdes. Die Nerven sind auf dem Skelett von Kopf und Hals sowie auf den Umrissen des Gebietes eingezeichnet. Ansicht von links. - Die meisten Nerven liegen nur unter der Haut, sodass sie von Halftern und hartem Zaumzeug auch gedrückt werden können. - Die Nervenfasern, welche die Muskulatur bedienen (motorische Fasern), sind ausser der für Nerven üblichen Farbe Gelb mit roter Farbe umrandet. Die für die Empfindungen (Gefühl, Schmerz) verantwortlichen sensiblen Nerven sind mit grüner Farbe markiert. Zeichnung: Jeanne Peter. - H Halswirbel 1–7; B1 1. Brustwirbel. - a Oberkiefer; b Unterkiefer; c Gebissstück vor Backenzähnen; d Augenhöhle; e knöcherner äusserer Gehörgang; f Hinterhaupt. - g–l Gesichtsnerv, (Nervus facialis = N. facialis), vorwiegend motorisch, versorgt die gesamte mimische Muskulatur, er ist stellenweise von sensiblen Fasern begleitet: g Austrittsstelle des Nerv hinter dem Ohr; h hinterer Nervenast für seitliche und hintere Ohrmuskeln; i vorderer Nervenast für vordere Ohr- und Augengegend; k oberer und l unterer Hauptast des Gesichtsnervs für mimische Muskulatur an Backe, Nase bis zu den Lippen. - n sensibler Nervenast aus dem Trigeminusnerv, der einen Teil des N. facialis begleitet und für die Empfindlichkeit im oberen Augen-Ohr-Bereich und seitlich an der Backe bis zum Mundwinkel verantwortlich ist; n–p Anteile des sensiblen, dreiteiligen Kopfnervs (N. trigeminus): n sensible Äste des Augennervs (N. ophthalmicus) für die Augengegend; o sensible Äste des N. infraorbitalis vom Oberkiefernerv (N. maxillaris), für Nase und Oberlippe; p Kinnnerv (N. mentalis), sensibel für Kinnpolster und Unterlippe, er geht aus dem im Unterkieferkanal verlaufenden Anteil des Unterkiefernervs (N. mandibularis) hervor. - q–t 2. Halsnerv: q–r unterer Ast: q sein Austritt aus Wirbelloch, r starker Zweig in die hintere Ohrgegend, s Zweig in die untere Hals- und Kehlgangsgegend; t oberer Ast. Da in der Halsgegend die Muskulatur von verschiedenen Nerven versorgt wird, sind hier nur die sensiblen Fasern eingezeichnet. - u–u’ 4. Halsnerv schematisch, stellvertretend für die übrigen Halsnerven und die anderen Nerven entlang der Wirbelsäule. Die Nervenäste sind alle gemischt, sensibel und motorisch und enthalten auch vegetative Fasern zur Regulation der Gefässweite: u oberer Nervenast für das Gebiet über der Wirbelsäule; u’ unterer Ast für das Gebiet unter der Wirbelsäule. - v Wirbelkörper; w Wirbelbogen, w’ Zwischenwirbellöcher zum Nervenaustritt; x Querfortsätze; y Gelenkfortsätze; z Dornfortsätze der Wirbel.

Abb. 4: Kopf-Hals-Brust-Bereich eines neugeborenen Württemberger-Warmblutfohlens (Abb. 4). Übersicht mit wichtigen Nerven des Kopfes bis zum 14. - Brustwirbel. Plastiniertes Originalpräparat. Linke Seitenansicht. - Präparation: Urs Müller; Foto: Michelle Oesch. - H Halswirbel, B Brustwirbel, hier Dornfortsätze; R Rippen. - a Oberkiefer; b Backenzähne; c Unterkiefer; d Grosshirn; e Kleinhirn; f Hinterhaupt, g–h Nackenband; g Nackenstrang; h Nackenplatte; i Rückenband. - k Rest der oberen Hals- und Rückenmuskulatur; l Zwischenrippenmuskulatur; m Rest der unteren Halsmuskulatur ; n äussere Kaumuskulatur; o Schilddrüse; p vorderer Halslymphknoten; - q Kehlgangslymphknoten. - r Teil des Oberkiefernervs (N. infraorbitalis), sensibel; s Facialisnerv = Gesichtsnerv, vorwiegend motorisch für mimische Muskulatur; t 2. Halsnerv; u 6. Halsnerv, beachte jeweils die Auf­teilung in untere und obere Äste; v Armgeflecht, unter der Schulter gelegen, aus unteren Nervenästen für Schultergliedmasse; w 5. Brustnerv, auch hier mit Aufteilung in unteren und oberen Ast wie bei übrigen Nerven aus dem Rückenmark. - x Halsschlagader, Arteria carotis communis.

Abb. 5: Kopf und vorderer Halsbereich des neugeborenen Warmblutfohlens in Ansicht von links. Ausschnitt aus Abb. 4 zur Darstellung wichtiger Nerven. - H Halswirbel. - a Oberkiefer; b Backenzähne; c Zunge; d Unterkiefer; e Kiefergelenk; f Hinterhaupt; g–h Nackenband: g Nackenstrang; h Nackenplatte; i Schilddrüse; j vorderer Halslymphknoten; k Kehlgangslymphknoten; l äusserer Kaumuskel. - m Grosshirn mit sensibler Zone; n Kleinhirn; o Gesichtsnerv mit Ästen (= Nervus facialis) für mimische Muskeln und Sensibilität im äusseren Backenbereich; p sensibler Nervenast aus dem Nervus (= N.) trigeminus zum N. facialis; q austretender Nervenast des Oberkiefernervs (N. infraorbitalis), sensibel zu Oberlippe und Nase; r austretender Nervenast des Unterkiefernervs, sensibel zu Unterlippe. - s Äste des 1. Halsnervs; t 2. Halsnerv mit oberem und unterem Ast; u Nervenäste vom 1. und 2. Halsnerv sowie vom Vagusnerv in die Kehlkopf- und vordere Halsgegend; v 3. Halsnerv; w 4. Halsnerv, beachte jeweils die Nähe zu den Zwischen­wirbelgelenken: ­x Gelenkfortsatz des 4. Halswirbels, bildet mit dem Gelenkfortsatz (y) des 3. Halswirbels ein Zwischenwirbelgelenk; z Halsschlagader, begleitet vom Vagusnerv.

Pferde lieben es genauso wenig wie wir, wenn man ihnen auf den Nerv drückt. Nerven können durch krankhafte Veränderungen vermehrt belastet oder gereizt werden, sehr wohl aber auch durch schlecht sitzende Ausrüstung wie Zaum, Sattel oder Gurte. 

Nachdem vor einigen Jahren (Geyer und Weishaupt, 2006) über den Einfluss von Zügel und Gebiss auf die Bewegungen des Pferdes berichtet wurde, soll in diesem Beitrag vor allem auf die wichtigsten Nerven des Kopf-Hals-Gebietes und des Rückens eingegangen werden. Neben der Darstellung der Kopfnerven sollen der allgemeine Aufbau der Wirbel­säule und das Rückenmark sowie das Prinzip der vom Rückenmark ausgehenden Nerven besprochen werden. Dabei wird besonders auf empfindliche Stellen hingewiesen, die durch krankhafte Veränderungen oder durch das Zaumzeug, den Sattel oder bei der Nutzung der Pferde in den verschiedenen Disziplinen vermehrt belastet oder gereizt werden.

Oberflächliche Kopfnerven
Die in Abb. 1 dargestellten Kopfnerven liegen meist oberflächlich. Da ist zunächst der Gesichtsnerv, der Nervus facialis (Abkürzung für den Nerv = N.), der hinter dem Ohr austritt und zunächst einen Ast für die hintere Ohrmuskulatur abgibt. Die beiden Hauptäste des Facialisnervs liegen direkt unter der Haut und sind bei dünnhäutigen Pferden auch im seitlichen Backenbereich zu sehen und zu fühlen. Er versorgt allgemein die mimische Muskulatur inklusive aller Ohrmuskeln, er ist somit ein vorwiegend motorischer Nerv. Unter dem Begriff  motorische Nervenfasern versteht man Nerven, welche die Muskulatur versorgen.

Sensible Nervenfasern sind Fasern, die Berührungsreize, Spannungen im Gewebe, Wärmeempfindungen und vor allem auch Schmerzen aufnehmen. Der für die Sensibilität des Kopfes hauptverantwortliche Nerv ist der dreiteilige Nerv, der N. trigeminus. Er besteht aus drei Anteilen: 

 

  1. dem N. opthalmicus für die Augengegend, 
  2. dem Oberkiefernerv (N. maxillaris), 
  3. dem Unterkiefernerv, dem N. mandibularis. 

 

Die beiden erstgenannten Anteile haben je drei Äste und der Unterkiefernerv sogar sechs Äste, dabei einen, der auch den Grossteil der Kaumuskulatur versorgt.

Hinter dem Kiefergelenk werden dem N. facialis noch sensible Nervenfasern aus dem Unterkiefernerven zugegeben. Diese begleiten den motorischen Gesichtsnervs in die seitliche Backengegend bis zum Mundwinkel und sorgen so für die Empfindlichkeit der seitlichen Backengegend, wo die Trense zu liegen kommt, sowie für die Empfindlichkeit im oberen Bereich des Auges. Die obere Augengegend bis zum Ohr wird ausserdem von Fasern des sensiblen Augennervs versorgt, der durch einen zu engen Stirnriemen gereizt werden kann. Ein Ast des sensiblen Oberkiefernervs verläuft zunächst als N. infraorbitalis (der Nerv unter dem Auge) im Oberkieferkanal und innerviert hier die Zähne des Oberkiefers. Ein grosser Ast dieses Nervs tritt dann an einer vor und oberhalb der Gesichtsleiste liegenden Öffnung an die Oberfläche und versorgt sensibel den Aussenteil der Nase und die Oberlippe. Im Unterkiefer verläuft im Kanal ein grosser Nervenast, der die Zähne versorgt. Ein Ast dieses Nervs (N. mentalis) tritt dann an einer Öffnung hinter den Schneidezähnen aus und innerviert die Unterlippe und das Kinnpolster. Beide oberflächlichen Nervenäste (der vom N. infraorbitalis und der N. mentalis) können durch falsch angebrachte Nasen- oder Sperrriemen verletzt werden. 

Die hintere Gegend von Ohr und ­Genick werden sensibel vor allem durch einen grossen Zweig vom unteren Ast des zweiten Halsnervs innerviert. Ein 2. Zweig vom unteren Ast des ­2. Halsnervs zieht dann in die untere vordere Halspartie und in den Kehlgang. Da die motorischen Fasern zur Muskulatur im vorderen Halsbereich von verschiedenen Halsnerven oder Kopfnerven stammen, sind beim 2. Halsnerv in Abb. 1 keine motorischen Fasern eingezeichnet.

Betrachtet man nochmals eingehend die Abb. 1, so wird einem schnell klar, dass das Zaumzeug, ob Halfter oder Reithalfter, fast an jeder Stelle des Kopfes und der vorderen Halsgegend in die Nähe von Nerven kommen kann, die empfindlich reagieren. Gute Polsterung oder weiches Zaumzeug, vor allem an Nase, Backe, Stirn und im Genick hinter dem Ohr, sind daher wichtig. Zu eng verschnallte Halfter oder Reithalfter können durch den Druck auch schmerzhaft sein. Das ­eingezeichnete Gebissstück in Abb. 1 soll auch zeigen, dass die innen am Kopf liegenden Teile natürlich auch schmerzhaft sind und dass Kräfte der Hand des Reiters auch nach hinten weitergeleitet werden und diese bei einer harten Hand besonders heftig wirken. 

Die Abb. 4 und 5 von der Innervation des Kopfes von einem neugeborenen, präparierten Warmblutfohlen sollen belegen, welche grosse Nerven in die jeweiligen Gebiete gehen und wie intensiv die Innervation all dieser Gebiete ist. In Abb. 5 sind auf der rechten Seite die tief liegenden Nerven, vor ­allem des N. trigeminus mit seinen  drei Hauptteilen, dargestellt, damit auch die hohe Empfindlichkeit der ­inneren Partien des Kopfes veranschaulicht ist. Schmerzen oder sensible Reize werden allgemein aber nur bewusst, wenn sie bis zur Grosshirnrinde weitergeleitet werden. Es ist auch daran zu denken, dass durch den Druck harter Backenriemen, z.B. bei Seitenlage nach einem Unfall, eine ­Facialislähmung entstehen kann. Bei dieser Lähmung der Hauptäste des ­Gesichtsnervs kommt es auf der betroffenen Seite wegen der unterbrochenen Nervenleitung zur Lähmung der mimischen Muskulatur. Dadurch entsteht ein «Kamelgesicht», die Nüstern können nicht mehr erweitert werden und auch die Beweglichkeit der Lippe zur Futteraufnahme kann ausfallen.

Im zweiten Teil unseres Dossiers über den Einfluss von Ausrüstungsgegenständen auf die Nerven beim Pferd werden wir unter anderem auf mögliche Druckstellen beim Sattel eingehen.

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