Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Ratgeber: 9/15

Von wehleidig bis steinhart

Nicht jedes Pferd reagiert auf einen Untersuch gleich, denn auch unter ihnen gibt es empfindlichere und steinharte.

Ab auf die Weide und für eine gewisse Zeit vergessen? Beim heutigen Wissensstand keine besonders hilfreiche Therapie.

Abkürzen lässt sich die Aufbauphase nach Lahmheit nicht, wie wir im zweiten Teil unsrer Serie gesehen haben. Im folgenden Beitrag widmen wir uns einigen Spezialitäten sowie Fakten, denen nicht immer die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch über die viel besungenen Vereinfachungen wollen wir einige Worte verlieren.

Wie bei uns Menschen gibt es auch unter den Pferden wehleidige und steinharte Exemplare. Dies wird jede Horsewoman bestätigen, welche das Glück hat, mehrere Pferde über Jahre hinweg zu betreuen und ihre Reaktionen auf Verletzungen oder auch nur Berührungen (beim Putzen zum Beispiel) aufmerksam zu verfolgen. Dies muss beim Untersuch und vor allem auch bei der Beurteilung der fortschreitenden Rekonvaleszenz berücksichtigt werden. Ob das Pferd zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder gerade geht, ob es bereits Verbesserungen im Gangwerk zeigt und welches Ausmass diese erreicht haben, ist nicht immer einfach zu bestimmen und ist mit dem Hintergrund der individuellen Schmerzempfindlichkeit zu bewerten. Auf jeden Fall lohnt es sich, bei periodisch angezeigten Kontrolluntersuchen eine Zweitmeinung aus dem engeren oder besser weiteren Bekanntenkreis zuzuziehen. Ist die Beurteilung dann immer noch nicht klar, sollte die behandelnde Tierärztin für eine entsprechende Bewertung aufgeboten werden. Damit ergibt sich doch in den allermeisten Fällen eine verlässlichere Beurteilung, als wenn die Besitzerin alleine die Kontrolle vornimmt und eine, aus welchen Gründen auch immer, eher ungeeignete Person als Vorführgehilfin zur Hand hat. Die Besitzerin oder die Betreuerin neigt naturgemäss sehr häufig zu einer positiveren Beurteilung als eine objektive und nicht involvierte zugezogene Betrachterin. Dies ist leicht verständlich, schliesslich will die verantwortliche Person eine möglichst optimistische Veränderung ihres lieben Vierbeiners konstatieren. Das würde bedeuten, dass das Pferd auf die Therapie angesprochen hat, keine Schmerzen mehr hat und auf bestem Weg ist, in Kürze die Arbeit wieder aufnehmen zu können.

Fazit: Beurteilung durch unabhängige, kompetente Hilfsperson hilft nicht immer der Besitzerin, häufig aber dem Pferd …

Gerade geradeaus – Vorsicht!
Eine weitere heikle Situation ergibt sich bei Pferden, die prima vista gerade gehen, bei genauerer Betrachtung aber einfach vorne beidseits die gleich grossen Schmerzen haben. Sie zeigen meist einen sehr kurzen Gang vorne beidseits und werden deshalb nicht immer als lahm erkannt. Weitere Ab-klärungen, wie zum Beispiel der Trab auf der kleinen Volte an der Hand auf weichem Boden, ergeben dann aber recht schnell Gewissheit, dass der Patient noch nicht gesund ist. Das Tier wird auf der linken Volte vorne links eine Lahmheit zeigen, auf die rechte Seite folgerichtig vorne rechts. Nun spielt es eine entscheidende Rolle, ob das Pferd schon vor dem Beginn der Rekonvaleszenz beidseitig angeschlagen war oder ob sich das Bild erst während der Therapie und der Ruhephase entwickelt hat. Je nach Befund wird die Tierärztin den Entscheid über das weitere Vorgehen treffen.

Fazit: Nicht jedes Pferd, das auf der geraden Linie und befestigtem Boden nicht lahm geht, hat keine Probleme mit dem Bewegungsapparat.

Einmal richtig fordern – nein
Häufig wird man als involvierter Tierarzt auch mit der Situation konfrontiert, dass der Fortschritt nicht dem erhofften Verlauf entspricht. Die früher im kavalleristischen Umfeld gängige Lösung, der liebe Eidgenoss müsse nun einmal richtig gefordert werden, dann sehe man sehr schnell, in welche Richtung es gehe, ist noch nicht gänzlich ausgerottet. Das Vorgehen ist zwar menschlich irgendwie nachvollziehbar und pragmatische Ansätze sind nicht per se abzulehnen. In dieser Situation sollte aber darauf verzichtet werden, denn das Resultat ist zumeist klar: Die Sehnenzerrung oder was auch immer die Ursache der Lahmheit gewesen war, wird sehr schnell und sehr intensiv aktiviert, das heisst dem Pferd Schaden zugefügt.

Fazit: auch in verzweifelten Situationen keine gut gemeinten und in Festzelten besungene Schnellschüsse auf Kosten der Gesundheit.

«Wegstellen» – kaum hilfreich
Zu guter Letzt ist aber auch noch das früher ebenso besungene «Wegstellen» des Pferdes für einige Wochen (oder Monate) zu erwähnen. Bei fast allen Pferdärzten ist man sich einig, dass diese Art der Therapie beim heutigen Gebrauch und der entsprechenden Haltung der häufig hoch im Blut stehenden Pferde sehr selten, das heisst nur bei ganz wenigen Diagnosen, hilfreich ist. Wie beim Menschen ist dagegen eine genau definierte, kontrollierte Bewegung unerlässlich für Physis und Psyche des rekonvaleszenten Partners.

Fazit: Nicht nur bei Automobilen, auch bei Pferden können «Standschäden» auftreten!

 

Ihre Frage – unsere Antwort
Medizin • Reiten • Fahren • Fütterung • Recht • Haltung • Umgang
Das Kavallo-Ratgeberteam ist jederzeit für Sie da. Schicken Sie uns Ihre Frage, wir leiten sie an unsere Experten weiter.   

Redaktion Kavallo | Hinterdorfstrasse 1 | 8314 Kyburg | redaktion@kavallo.ch

Drucken