Von: Dr. med. vet. Annina Laim*

Dossier: 8/15

Punktgenaue Heilung

Es gibt verschiedene Techniken zur Stimulation von Akupunkturpunkten, die häufigste Methode ist das Stechen mit Nadeln.

Meridianleitsystem gezeigt am Pferd. Die Meridiane verlaufen auf der Hautober­fläche, ziehen aber auch in die Tiefe zu den Organen.

Abtasten der Wirbelsäule auf sensible und schmerzhafte Akupunkturpunkte auf dem Meridian «Gouverneursgefäss».

Bei der Moxibustion lässt sich eine zusätzliche Stimulation durch Erwärmung mit der Pflanze Beifuss (lat. Artemisia) bewirken.

Die verwendeten Nadeln sind steril und unterscheiden sich von der Grösse her je nach Verwendung, Zweck und Körperregion.

In der japanischen Akupunktur werden Ionenkabel eingesetzt, ...

... um das Meridiansystem in Balance zu bringen. Dieser Vorgang ist schmerzfrei.

Beim Abtasten des Tieres entlang des Meridiansystems werden an Akupunktur- sowie Triggerpunkten mögliche Verspannungen und Schmerzen lokalisiert.

Die Anwendung der Akupunktur beim Pferd ist vielfältig. Oft sind es Probleme mit dem Bewegungsapparat,  aber auch innere Organe lassen sich gut behandeln. Dieses Teilgebiet der Traditionellen Chinesischen Medizin ist über 4000 Jahre alt. Die Akupunktur stimuliert die auf Leitbahnen liegenden Akupunkturpunkte und bringt den Energiefluss bei akuten wie chronischen Fällen in Balance.

Die Akupunktur ist ein Teilgebiet der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie ist eine nebenwirkungsfreie und effektive Therapiemethode. Die Kraft der Akupunktur liegt unter anderem in der Stimulation der Regenerierungsfähigkeit des Körpers. Die körpereigenen Heilungskräfte werden angeregt, Schmerzen gelindert, Verspannungen gelöst, der Bewegungs­apparat stabilisiert, das Immunsystem gestärkt und die inneren Organe zur optimalen Funktion aktiviert. Der Körper wird allmählich, ganzheitlich und sanft wieder zurück in seine Balance gebracht, Wohlbefinden und ­Gesund­heit stellen sich ein. Das Ziel der Behandlung ist die langfristige und bleibende Gesundheit des Individuums.
Die Wirkungsweise der Akupunktur geht von einem Netz von Leit­bahnen aus, die unseren Körper durchströmen. Diese Leitbahnen bilden das Meridiansystem, in welchem die Energie fliesst. Im Idealfall ist der Energie­fluss in Balance und das Individuum somit gesund.
Die Akupunkturpunkte liegen auf den Meridianen. Bei der Behandlung werden die Akupunkturpunkte stimuliert. Die Vorstellung in der TCM ist, dass die Energie im Meridiansystem z.B. durch ­ungeeignete Ernährung, emotionale Veränderung, Umwelteinflüsse, Traumata, Unfälle, Parasiten, Viren oder Bakterien blockiert wird. Durch länger andauernde Blockaden kann sich eine chronische Krankheit im Körper manifestieren. Sind diese Blockaden funktioneller Natur, können sie durch die Akupunkturbehandlungen wieder gelöst werden.

Wissenschaftliche Studien
Die TCM ist eine empirische Wissenschaft (Erfahrungswissenschaft). Das heisst, die Erfahrung beruht auf systematischem Sammeln und Erheben repräsentativer Daten von durchgeführten Behandlungen. Diese Erfahrungen in der TCM gehen auf rund 4000 Jahre zurück.
Immer mehr wissenschaftliche Studien – auch im Veterinärbereich – bestätigen die Wirksamkeit der Akupunktur, wobei im Bereich Schmerz am meisten geforscht wird. So konnte beim Menschen gezeigt werden, dass durch Akupunktur diejenigen Hirn­areale aktiviert werden, die für die körpereigene Schmerzhemmung zuständig sind. Ebenso liess sich nachweisen, dass nach der Akupunktur eine erhöhte Menge an körpereigenem Cortisol im Blut sowie Endorphine in Blut und Hirnflüssigkeit gemessen werden konnte.
Es ist nicht einfach, Studien im Bereich der klinischen Akupunktur nach westlich standardisiertem, doppelblindem Modell durchzuführen. Die Standardisierung der Akupunkturbehandlung ist sehr schwierig, da jeder Patient eine individuelle und somit unterschiedliche Behandlung erhält. Trotzdem ist weitere Forschung im Bereich der Akupunktur erforderlich. Aber der Wissens- und Erfahrungswert einer jahrtausendealten Therapiemethode, welcher sich bis heute stets verbessert, etabliert und bewährt hat, ist und bleibt von grosser Bedeutung.

Grundsätzliches zur Anwendung
Das Anwendungsgebiet der Akupunktur ist sehr breit und vielfältig. Sie kann in chronischen und auch akuten Fällen eingesetzt werden. Akupunktur ist indiziert bei funktionellen Problemen, das heisst, es konnte (noch) keine eindeutige Ursache des Problems gefunden werden. Sie ist angezeigt, wenn eine Operation nicht möglich ist oder nicht in Frage kommt, ebenso bei Medikamentenunverträglichkeiten oder wenn Nebenwirkungen vermieden werden sollen. Chronische oder wiederkehrende Probleme werden mit der Akupunktur aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und angegangen.
Als Ergänzung ist Akupunktur immer richtig und oft können Medikamente reduziert oder abgesetzt werden. Grundsätzlich lohnt es sich, das Tier zur Akupunktur vorzustellen, bevor sich eine Krankheit chronisch manifestiert.
Anaika, eine 11-jährige Vollblut­stute aus Usbekistan, wird wegen Schmerzen zur Akupunktur vorgestellt. Anaika ist sehr motiviert und will sich bewegen. Sie leidet unter der Hufrollenerkrankung (Strahlbein) sowie Spondylose der Wirbelsäule. Sie zeigt Steifheit und Lahmheit in beiden Vordergliedmas­sen. Sie verträgt die Medikamente nicht und reagiert mit Magenproblemen darauf. Nach fünf Akupunktursitzungen kann Anaika lahmheitsfrei für eine halbe Stunde lang ausgeritten werden. Sie wird eine regelmässige Betreuung durch Akupunktur brauchen. Die Intervalle werden nach ihrem Wohlbefinden bestimmt.

Indikationen beim Pferd
Der häufigste Grund für Akupunktur beim Pferd sind Probleme im Bewegungsapparat. Meist sind dies Gelenk- und Rückenschmerzen infolge entzündlicher und degenerativer Veränderungen, Gelenkinstabilitäten und Muskelverspannungen.
Oft sind es Fehl- oder Überbelas­tungen, die zu kompensatorischen Problemen in anderen Gelenken oder im Rücken führen. So kann zum Beispiel ein Problem des Kniegelenkes hinten links zu einer Fehl- oder Überbelastung in der Schulter vorne rechts führen. Probleme der Hinterhand werden oft mit einer Überbelastung in der Vorhand kompensiert. Mögliche Symptome für Rückenprobleme können von Lahmheit über Gurtenzwang bis zu einer verminderten Durchlässigkeit oder Widersetzlichkeit bei Versammlung reichen.
Bei Stella, einer 12-jährigen CH-Stute, wurden Kissing Spines diagnostiziert. Sie hat eine Infiltrationsthe­rapie und eine Weidepause hinter sich. Nun wird sie zur Akupunktur vorgestellt wegen Rückenschmerzen (Druckempfindlichkeit), verminderter Leistungsbereitschaft und wegen Verweigerung, rückwärts zu gehen. Nach drei Akupunkturbehandlungen zeigt sie sich deutlich entspannter, läuft beim Reiten motiviert vorwärts und kann auch wieder rückwärts gerichtet werden.

Lahmheit bis Sommerekzem
Die Besitzerin eines 9-jährigen iberischen Hengstes berichtet: «Mein Pferd zeigte eine intermittierende, nicht lokalisierbare, überspringende Lahmheit in der Hinterhand mit stark verkürzten Schrittlängen. Eine Arbeit der höheren Lektionen war nicht möglich. Eine Blockade im Ileosakralgelenk und eine komplett verhärtete Beckenmuskulatur waren das Hauptproblem. Mein Tierarzt empfahl mir, die Muskulatur mit Hilfe der Akupunktur zu lösen. Die Muskulatur wurde immer weicher und sogar die tiefliegenden, knotenhaften Muskelverhärtungen konnten gelöst werden. Mein Pferd wurde beweglicher und übertritt heute wieder bis zu drei Hufe. Zum Glück gab es auch trotz reiterlicher Belastungen kein Rezidiv und ich kann das Pferd heute wieder in den höheren Lektionen arbeiten.»
Rachida, eine 4-jährige CH-Stute, wird wegen einer Instabilität der Kniescheiben auf beiden Seiten vorgestellt. Sie kann schlecht bergab laufen, stolpert in der Vorhand und ist instabil in der Hinterhand. Zum Teil zeigt sie Kopfschlagen und Nachschleifen der Hinterhand. Ihre Hinterbeine können beim Hufschmied nur bedingt und für kurze Dauer in Biegung gebracht werden. Ebenfalls ist ihre Leistungsbereitschaft vermindert und sie nimmt nicht an Gewicht zu. Nach zwei Akupunkturbehandlungen, berichtet die Besitzerin, hätten sich alle Symptome deutlich verbessert. Rachida hat an Stabilität gewonnen, ihre Leistungsbereitschaft ist deutlich gestiegen, sodass sie nun kontrolliert für den Muskelaufbau trainiert werden kann.
Auch Probleme bei inneren Organen  können mit Akupunktur unterstützend oder alternativ behandelt werden. Wallach Herkules, 36 Jahre alt, ist bis auf seine Altersgebrechen ein sehr gesundes und robustes Pferd. Eines Morgens hatte er starke Bauchkrämpfe. Die Tierärzte stellten eine starke Kolik fest und versorgten ihn vier Tage lang mit Infusionen und Öl. Herkules frass gar nichts mehr und wirkte apathisch. Auch die Bewegung half nicht, die Verstopfung zu lösen. Nach vier Tagen beschloss die Besitzerin, ihn zu erlösen, falls sich bis am Abend keine Besserung einstellte. Ihre Tierärztin meinte, Akupunktur könnte helfen. Drei Stunden nach der Akupunkturbehandlung löste sich die Verstopfung und Herkules war nicht wiederzuerkennen. Sofort begann er zu fressen und war wieder der Alte.
Goldi, ein 22-jähriger Wallach in sehr gutem Allgemeinzustand, hat chronischen Husten. Es gibt ebenfalls eine allergische Komponente auf Milben, Schimmel, Pollen und Gräser als Auslöser für den Husten. Er steht in einer Aussenbox auf Sägemehl. Kortison bringt eine deutliche Besserung, ohne Kortison kommt der Husten zurück. Goldi entwickelt zudem eine Hufrehe als Nebenwirkung des Kortisons. Die Besitzerin entschliesst sich zur Akupunktur; Anfang März beginnt die Behandlung. Den ganzen Frühling über zeigt Goldi keinen Husten – ohne Kortison. Die Einschätzung der Besitzerin: Goldi geht es bedeutend besser als im Vorjahr. Nach vier Behandlungen werden die Intervalle auf sechs Wochen ausgedehnt.

 

Häufige Indikationen für Akupunktur beim Pferd 

Stütz- und Bewegungsapparat

Schmerzen

Arthrose, Osteoarthritis

Hufrollenerkrankung (Strahlbein)

Huflederhautentzündung (akute oder chronische Hufrehe)

Entzündung, Verletzung oder Instabilität von Sehnen und Bändern
(z.B. Tendinitis, Instabilität Kniescheibe = Patella)

Kompensatorische Schmerzen, muskuläre Verspannungen

Verminderte Durchlässigkeit oder Leistungsbereitschaft beim Reiten 

Trauma, Unfall oder Sturz

Nervensystem

Rückenschmerzen, Nervenwurzelkompression, Spondylose (Arthrose der Wirbel­körper, Wirbelgelenke oder Facettengelenke)

Kissing Spines (Dornfortsätze, die sich bei Bewegung berühren)

Cauda-Equina-Syndrom (degenerative Erkrankung des lumbosakralen Rücken­abschnittes)

Headshaking (Kopfschlagen)

 • Muskelverspannungen, Muskelverhärtungen, ­Blockaden, Trauma, Unfall oder Sturz

Magen-Darm-Trakt

Schmerzen der Eingeweide, Magenschleimhautentzündung (Gastritis)

Defekt der Magenschleimhaut (Magenulzera)

Chronische rezidivierende Kolik, akute oder chronische Verstopfung (Obstipation)

Chronischer Durchfall, Kotwasser 

Darmlähmung (Funktioneller Ileus), Motilitätsstörungen (z.B. nach Kolikoperation), Blähungen

Nase, Rachen, Lunge

Kiefer-/Stirnhöhlenentzündung (Sinusitis)

Chronischer Husten

Chronisch obstruktive Bronchitis (COPD)

Allergische Reaktionen 

Regulierung und Unterstützung des Immunsystems

Haut

Wundheilungsstörung 

Chronischer Juckreiz 

Sommerekzem

 

Wie wird diagnostiziert?
Für die Diagnose in der TCM ist neben der Befragung des Tierbesitzers die Beurteilung am Tier zentral. Mit dem Abtasten des Tieres entlang des Meridiansystems und an Akupunktur- sowie Triggerpunkten werden Verspannungen und Schmerzen lokalisiert sowie Veränderungen in der Gewebestruktur gesucht. Die Beurteilung der Zunge und das Fühlen des Pulscharakters liefern ebenfalls wichtige Anhaltspunkte.

In der Regel braucht es 3 bis 6 Behandlungen, anfänglich alle 3 Wochen. Dann je nach Verlauf oder Bedarf alle 6 bis 8 Wochen und später in längeren Intervallen. 

Schulmedizin oder Akupunktur?
Eine schulmedizinische Vorabklärung oder eine diagnostische Massnahme zum Ausschluss gewisser Erkrankungen kann erforderlich oder unabdingbar sein. Es muss abgeklärt werden, ob die Akupunktur als alleinige Therapie eingesetzt werden kann oder komplementär (ergänzend) zur Schulmedizin angewendet werden soll. Die Zusammenarbeit der Schul- und Komplementärmediziner kommt dem Patienten zugute und ist sehr erwünscht.

Gibt es Kontraindikationen?
Kontraindikationen gibt es sehr wenige. Bei älteren, schwachen oder ganz jungen Patienten ist etwas Vorsicht geboten, damit der Körper durch die Stimulation nicht überfordert wird. Dies gilt auch bei trächtigen Tieren, vor allem in den ersten Monaten. Nebenwirkungen der Akupunktur sind sehr selten. 

Welche Techniken und Methoden?
Es gibt verschiedene Techniken zur Stimulation von Akupunkturpunkten. Die häufigste Methode ist das Stechen mit Nadeln. Die verwendeten Nadeln sind steril und unterscheiden sich je Verwendung, Zweck und Körperregion.

 

Weitere Techniken beim Tier sind 

– Moxibustion, Stimulation durch Erwärmung mit der Pflanze Beifuss (Artemisia) 

– Elektroakupunktur (EAP), Stimulation mit minimalem elektrischem Stromfluss (schmerzfrei) bei Schmerzzuständen 

– Laserakupunktur, Stimulation mittels Laser 

– Goldakupunktur, bei welcher 1 mm grosse 24-Karat Goldstücke in die Muskulatur gebracht werden. 

* Dr. med. vet. Annina Laim beschäftigt sich heute ausschliesslich mit der japanischen Technik der Akupunktur und bietet in den Kantonen Bern und Solothurn Akupunkturbehandlungen für Pferde an. www.tierakupunktur-laim.ch

Weitere Informationen
Auf der Webseite der Schweizerischen Tierärztlichen Vereinigung für Komplementär- und Alternativmedizin (Camvet) (www.camvet.ch) sind alle Tierärzte in der Schweiz aufgeführt, die über eine anerkannte Fachausbildung in Akupunktur verfügen.

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