Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. FVH Equidoc GmbH

Ratgeber: 8/15

Können sich Pferde an Insekten gewöhnen?

Pferde mit Zebrastreifen sind weniger von Insekten geplagt als reinfarbige. www.bremsenfrei-dank-zebrastreifen.de bietet in Deutschland Malfarbe für Pferde an.

Wie Pferde weniger unter Insekten leiden müssen, ist seit Generationen ein Thema. Ratschläge erteilte auch «Der Pferdepfleger» bereits vor 100 Jahren, ein von der Schweizerischen Pferdeschutz-Vereinigung «Roter Stern» herausgegebenes Büchlein. Der Verkaufserlös war bestimmt für die «Organisation und Förderung der nationalen Pferdepflege».

Eine Kollegin sagte mir kürzlich, dass sich Pferde nicht an Bremsen und Mücken gewöhnen können, sondern immer empfindlicher auf Insekten reagieren. Ich versuchte mein Pferd jedoch daran zu gewöhnen, weil ich auch im Sommer an Turnieren teilnehme. Und ist es so, dass Kriebelmücken gar ein Sommerekzem auslösen können? 
U. V. in W. 

Liebe(r) U. V. in W.
Petrus hat offenbar Ihre Fragen mitgelesen und deshalb einen bis anhin sehr heissen und auch anhaltenden Sommer ins Land geschickt. Damit betreffen Ihre Fragen, bei welchen es sich einerseits um die jeden Tag zahlreicher auftretenden Bremsen und Mücken handelt, andererseits um den Komplex Sommerekzem, viele Besitzerinnen beziehungsweise fast alle in der Schweiz gehaltenen Pferde.

Über die Annahme Ihrer Kollegin, welche der Meinung ist, dass sich Pferde nicht an Mücken und/oder Bremsen gewöhnen können, sind mir keine Unterlagen bekannt, welche die Anforderung einer wissenschaftlich anerkannten Arbeit erfüllen. Aus meinen Erfahrungen mit Pferden, welche ich als Besitzer, Betreuer oder als zuständiger Tierarzt über viele Jahre erworben habe, kann ich die Aussage Ihrer Kollegin nicht unterschreiben. So wie es bei Menschen unter sich ändernden Bedingungen zu Adaptionen an die neuen Bedingungen kommen kann, können auch Pferde im Verlauf ihrer Lebenszeit ihre Reaktion auf den Bremsen- oder Mückenbefall ändern. Diese Adaptionen können bekanntlich nicht nur in eine Richtung gehen. So gibt es Pferde, welche mit zunehmendem Alter und gleichbleibender Exposition durch die Plagegeister immer sensibler reagieren. Es gibt aber auch Individuen, welche unter den gleichen Vorgaben immer toleranter und inerter werden! 

So zahlt es sich in vielen Fällen aus, die Bedingungen versuchsweise zu ändern, vor allem wenn man die prophezeite Klimaerwärmung miteinbezieht. Dabei denke ich an Änderungen in der Haltung, Zeitpunkt des Weidegangs, Decken mit Kopf- und/oder Ganzkörpernetzen, Medikation von schulmedizinischen und/oder alternativen Produkten. Es darf auch nicht vergessen werden, dass die Alterung der Pferde solche Veränderungen in positiver oder negativer Hinsicht hervorrufen oder zumindest begleiten kann. Auch hier sind wieder beide Richtungen zu sehen: Ältere Pferde reagieren immer sensibler (häufiger zu sehen), andere ältere Pferde immer weniger empfindlich. Schliesslich möchte ich noch darauf hinweisen,  dass Pferde, die durch die Netz- oder Stoffabdeckung eine signifikante Verbesserung während der Mückenzeit zeigen, bei späteren Versuchen, ohne Decken über den Sommer zu kommen, meist sehr stark negativ reagieren und teilweise happige Nesselfieberschübe zeigen.

Zum Thema Sommerekzem und Kriebelmücken gelten heute folgende Tatsachen als gesichert: Es handelt sich um eine Allergie, welche sich durch Veränderungen in der Haut zeigt. Sie kommt bei gewissen Rassen besonders häufig vor, beispielsweise bei Islandpferden. Daraus kann man schliessen, dass es sich um eine genetische Veranlagung handeln muss. Die wichtigste Rolle spielen aber die Insekten (Mücken, vor allem Kriebelmücken). Diese bringen durch einen Stich die im Speichel enthaltenen allergenen Substanzen in das Pferd.

Die Futtermittel spielen eine untergeordnete Rolle; ein Eiweissüberschuss kann die Symptome zwar verstärken, aber nur in den seltensten Fällen alleine ein Sommerekzem auslösen. 

Klinisch zeigen die Pferde  stark veränderte Mähne und Schweifansatz, weiter aber auch Veränderungen durch Scheuern am Unterbauch und/oder Beis­sen in die Unterbrust. Starker Juckreiz führt zu ständigem Scheuern und damit zu starkem Haarausfall, Blutungen, Krustenbildung und Hautverdickungen. Durch Laboruntersuchungen können heute Pferde auch im Winter auf Anfälligkeit für Sommerekzem geprüft werden, was immer häufiger bei Kaufuntersuchungen in den symptomlosen Wintermonaten verlangt wird.

Möglichkeiten zur Therapie sind sehr viele beschrieben: Die in früheren Jahren häufig angebotene Kortisongabe über kürzere oder längere Zeit ist mehrheitlich abgelöst durch Adaption im Weidegang (nur nachts), durch den Gebrauch von speziellen Ekzemerdecken, durch Eigenbluttherapie, durch verschiedenste Linimente und Salben, durch Höhenaufenthalte und eine breite Palette alternativer Möglichkeiten. Die Wertung der Wirkung der aufgezählten und nicht aufgezählten Möglichkeiten ist schwierig und zeigt sich als sehr individuell!

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