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Wie gefährlich ist der Wolf?

Der Wolf ist da; wie mit ihm umzugehen ist, wird man nach über 100-jähriger Abwesenheit erst wieder lernen müssen.

Dramatische Bilder von angreifenden Wölfen waren beliebte Sujets, um die Pferdeschlitten zu verzieren.

Ob man es wahrhaben will oder nicht – der im 19. Jahrhundert in der Schweiz ausgerottete Wolf ist vor 20 Jahren wieder zurückgekehrt. Bei aller Freude an einer grossen Artenvielfalt: Sind Pferde, Ponys und Esel einer neuen Gefahr ausgesetzt?

Die immer knapper werdenden Landreserven in der Schweiz haben den Wolf nicht davon abgehalten, sich nach über 100-jähriger Abwesenheit wieder anzusiedeln. Der Wolf ist zurück, ist Tatsache, bei uns wie in den Nachbarländern auch. Offenbar zur Freude vieler Schweizerinnen und Schweizer, wie Umfragen ergeben haben: Gut 70 Prozent der Befragten zeigten sich gegenüber dem Wolf positiv eingestellt. In den Berggebieten allerdings, wo die Wölfe leben, ihre Beute reissen und dem Menschen auch begegnen, zeigt sich ein anderes Bild.

Von einer Gefahr für Pferde und Menschen durch den Wolf will der Vorsteher der Bündner Jagdverwaltung, Georg Brosi, indessen nichts wissen: «Bären haben in Graubu?nden vier Esel gerissen, von Wölfen allerdings ist nichts bekannt.» Ein grosses Problem sieht Brosi auch im Zusammenhang mit dem Calanda-Rudel nicht, das oberhalb Felsberg auf Beute aus ist. Er räumt zwar ein, dass ein Wolf schon einmal am Rande einer Pferdeweide zu beobachten sei, Wölfe seien sich aber sehr wohl bewusst, dass bei einem Angriff die Verletzungsgefahr grösser sei als die Aussicht auf Erfolg.

Wenig erfreut über das Auftauchen der Wölfe ist dagegen Landwirt Roland Nold aus Felsberg, der auf seinem Betrieb auch Ponys hält und seiner Schwester empfahl, ihr Pferd von seinem Betrieb wegzunehmen und in einem Pensionsstall mit Reithalle einzustellen: «Ein Pferd ist ein Fluchttier, das beim Auftauchen von Wölfen sehr leicht erschrecken und davonrennen kann.» Denn Wölfe werden bei seinem Hof oft gesehen. Als problematisch erachtet Nold das Verhalten von drei Jungwölfen, die oft in der Nähe auftauchten und nur noch wenig Scheu vor dem Menschen zeigen. Als Vorsichtsmassnahme schliesst er deshalb seine Ponys über Nacht im Stall ein, nachdem einmal an einem Morgen die Panels verschoben waren.

Lobbying Pro Wolf
Besorgt über die Rückkehr der Wölfe in die Schweiz zeigt man sich vor allem in Jägerkreisen. Vor allem stört man sich daran, dass sich die offiziellen Stellen unisono auf die Seite des Wolfs stellen und zusammen mit den Umweltverbänden Lobbying für den Wolf betreiben. An Beispielen aus dem Ausland, wo Wölfe für verletzte oder tote Fohlen sorgten, fehlt es nicht, vor allem sollen die Behörden Massnahmen gegen die unkontrollierte Vermehrung treffen. Bekannt ist ein Fall beim niedersächsischen Islandpferdezüchter Götz George, wo offenbar Wölfe ein neugeborenes Fohlen rissen: «Die Wölfe haben ihre Scheu vor dem Menschen verloren. Warum sollte er im Wald einem Hirsch nachjagen, wenn hier das neugeborene Fohlen auf der Weide wartet? Man muss sie wieder die Scheu vor den Menschen lehren, damit sie in den Wäldern bleiben.»

Für das Bundesamt für Umwelt zählen dagegen nur Fakten; es schreibt: «In der Schweiz mit einem Wolfsbestand von einem Rudel und rund 20 Einzeltieren sind seit der Rückkehr der Wölfe vor rund 20 Jahren keine gesicherten Angriffe von Wölfen auf Tiere der Pferdegattung bekannt. Grundsätzlich sind jedoch Angriffe von Wölfen auf Pferde möglich, in Frankreich sind solche Fälle dokumentiert. Auch bei uns bekannt sind Angriffe von Hunden auf Pferde. Beispiel: Im Wallis hat im vergangenen März ein Raubtier Pferde auf einer Koppel verletzt, in Frage kamen dabei sowohl Hunde wie auch der Wolf.» Als Schutz gegen Wölfe schlägt das Bundesamt den gefährdeten Betrieben vor, sich als Erstes bei landwirtschaftlichen Beratungsstellen über Präventionsmassnahmen zu informieren.

Wolfschutz bei Pferdeweiden
Mit Wölfen wird man sich in den kommenden Jahren auch in Mitteleuropa vermehrt auseinanderzusetzen haben, was die Elektrozäune herstellende Firma Horizont aus Korbach (Deutschland) veranlasste, ein Expertenforum zu organisieren. Die Firma horizont group gmbh produziert seit 70 Jahren Produkte zum Schutz von Mensch und Tier und gehört damit zu den führenden internationalen Anbietern im Bereich Weidezaun, Tierzucht und Reitsport. Über 110 Personen aus vier Nationen setzten sich mit dem Entscheid der Regierungen, den Wolf wieder in die Natur und den uns umgebenden Lebensraum zu integrieren, auseinander. In erster Linie ging es an dieser Tagung um den Schutz von Ziegen und Schafen, für deren Sicherheit die Firma Horizont ein spezielles Wolfsabwehrnetz entwickelt hatte. Für Pferdeweiden, erfuhr der Kavallo auf Anfrage, existiert vorläufig kein ähnliches Produkt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Maschennetze bei Pferden sehr problematisch sind. Wenn Gefahr durch Wölfe für Pferde oder Ponys vorhanden ist, kann wohl ein Netz am Zaun befestigt werden, wobei allerdings auf der Innenseite des Zauns mit Langstielisolatoren oder einem zweiten Zaun für genügend Abstand zu sorgen ist. Weitere Schutzmassnahmen sieht man in zusätzlichen Bändern sowie einer Leistungserhöhung des Elektrozauns.

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