Editorial: 7/15

Sind 68 Sekunden zu lang?

Forschung rund ums Pferd kam bis vor wenigen Jahren kaum vor. Was sollten sich Hochschulen noch für einen Bereich interessieren, der  vom Motor und von der Elektronik immer mehr an den Rand gedrängt wurde? Forschung rund ums Pferd fand vor gut hundert Jahren ein vorläufiges Ende, als in Berlin die Geschichte mit «Dem klugen Hans» aufflog. Denn Hans konnte selber nicht rechnen, wohl aber feinste Gesten und die Mimik seines Lehrers richtig deuten. Die Fähigkeit zum Umsetzen von feinsten Körpersignalen war für die Berliner Hochschule kein förderungswürdiges Forschungsgebiet, Equiden wurden darauf generell als dumm eingestuft, und selbst der kluge Hans wurde in den Kriegsdienst eingezogen.

Hippo-Forschung erlebt dagegen seit Jahren einen ungeahnten Boom. Pferde sind keine Sache mehr, Pferde sind nach modernen ethischen Grundsätzen Lebewesen mit eigenen Interessen und Zielen geworden. Wir Menschen zeigen uns den Tieren gegenüber empathisch. Das gestiegene Interesse an den Pferden vermittelt viele neue Erkenntnisse  und bestätigt altes Wissen.  

Ins Abseits geraten sind jedoch Forscher an der Universität Göttingen mit einer Studie über das Säubern der Hufe. Die einem Sozialkontakt gleichkommende und im Durchschnitt 68 Sekunden dauernde Pflegemassnahme an den Vierbeinern wird von Zweibeinern als unbeliebt erachtet, weil es zu Rückenweh und Unfällen kommen kann. Als Abhilfe bastelten die Forscher eine Hufreinigungsmaschine, die aber aufgrund der langen Angewöhnungsphase praxisuntauglich war. Wer nach Maschinen forscht, die den Umgang mit Pferden ersetzen sollen, galoppiert immer am Ziel vorbei: Pferde sind sozial ausgprägte Lebewesen,  die das Vertrauen zu uns nur über täglichen und mehrmaligen Kontakt wie Hufesäubern finden.

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