Von: Christoph Wegmann | Dr. med. vet. Senior Consultant Tierklinik Muolen

Ratgeber: 6/15

Stolpersteine beim Aufbau nach Lahmheit

Ist Führen an der Hand nach einer Verletzungsphase angezeigt, lässt sich ein Pferd sehr wohl mit Geschicklichkeits­übungen beschäftigen.

Nur allzu häufig gibt das Thema «Aufbau des Pferdes nach einer Arbeits- bzw. Bewegungspause infolge Lahmheit» zu Fragen Anlass. Als kurativ tätiger Pferdetierarzt oder pferdärztlicher Consultant wird man mit dieser Thematik vor allem dann konfrontiert, wenn der Patient von verschiedenen Personen betreut und vor allem auch von verschiedenen Personen geritten wird. Warum erheischt dieser Komplex eine solch grosse Aufmerksamkeit?

Die Ausgangslage ist in praktisch allen Fällen die gleiche: Jede Besitzerin möchte für ihren Vierbeiner ein optimales, vor allem aber praktikables Konzept von ihrer behandelnden oder beratenden Tierärztin erhalten. Die Reiterin erkennt dann meist schon im persönlichen Gespräch, spätestens aber beim Lesen der abgegebenen schriftlichen Empfehlung, dass gewisse Auflagen für ihr Pferd nicht oder nur mit riesigem Aufwand oder sehr hohem Risiko durchführbar sind. Dabei ist immer zu bedenken, dass das Risiko sowohl das Pferd als auch die Reiterin bzw. die Person, welche das Pferd auftragsgemäss an der Hand führen muss, oder auch Drittpersonen betreffen kann. Ich denke hier aus eigener Erfahrung an Pferde, welche an der Hand unter anderem die Eigenart entwickeln, von hinten kommende Jogger oder Radfahrer zuerst aus Schreckhaftigkeit, dann vielleicht weil diese so «lustig» reagiert haben, mit drehenden Bockrunden auf dem Weg oder in der angrenzenden Wiese zu unterhalten. Wenn dann die Vorführung zusätzlich mit einer gleichzeitig auskeilenden Hinterhand auf Kopfhöhe getoppt wird, muss der Aufbau an der Hand allerspätestens mit der Auftraggeberin überdacht und adaptiert werden.

Viele Missverständnisse

Was funktioniert nun wirklich nicht? Um Rat gefragt wurde ich jüngst von einer Reiterin, deren Pferd gemäss Tierärztin nach einer sechsmonatigen Arbeitspause aufgrund einer Beugesehnenentzündung «langsam wieder angeritten werden sollte». In dieser Kommunikation muss es meines Erachtens zu einem Missverständnis gekommen sein; ein Missverständnis allerdings, dem ich in dieser oder ähnlicher Form leider einige Male in meiner Tätigkeit begegnet bin. Um niemanden zu verletzen, möchte ich aber betonen, dass die Wahrnehmung bei uns allen ja zu einem rechten Teil von eignen Gedanken mitgetragen und gesteuert wird. Als Tierärztin können Sie dies leicht prüfen, indem Sie Besitzerin, Reiterin, Pflegerin und Stallmanager zusammen zur gleichen Zeit über Ihre Strategie informieren. Am nächsten oder übernächsten Tag erhalten Sie zwei bis vier Telefonate, weil die Angesprochenen nicht dasselbe verstanden haben. Es sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, dass dies auch einen Zusammenhang mit der Kommunikationsfähigkeit des Tierarztes haben kann …

Unbedingt führen?

Welche Angaben sind von absoluter Wichtigkeit, welche sollten erwähnt werden und wo befinden sich allfällige Stolpersteine? Ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, sind zumindest nachfolgende Fragen oder Diskussionspunkte zu Recht und nachvollziehbar gang und gäbe: Muss das Pferd unbedingt geführt werden? Könnte es allenfalls auch im Schritt geritten werden? Besteht die Möglichkeit, das Pferd im Karussell aufzubauen? Macht es Sinn, vorgängig sedierende Medikamente (Beruhigungsmittel) einzusetzen? Wie lange (in Minuten oder Metern) soll pro Tag bewegt werden? Von welchem Tag oder welcher Situation an darf ich Trabsegmente oder Galoppstrecken einbauen? Ab wann sollte das Pferd wieder so weit sein, dass vom reinen Bewegen zur Arbeit übergegangen werden kann? Darf der Patient bzw. in diesem Fall der Rekonvaleszent in der Halle, im Viereck oder im Gelände bewegt werden? Von welchem Tag an sind welche Dressurlektionen, welche Gymnastiksprünge erlaubt? Wann darf mit einer Rückkehr in den Sport gerechnet werden? Wie steht es mit Bergauf-, Bergabreiten, welche Bodenverhältnisse sind erwünscht, welche verboten? Für den Ersteller des schriftlichen Aufbauplans (auf diesen würde ich als Pferdebesitzerin zum Wohle aller bestehen) ist es nun wichtig, Charakter des Pferdes und Reit- bzw. Führkünste der Betreuenden einzuschätzen. Weiter muss man sich um die Fütterung des Patienten und weitere wichtige Details kümmern. 

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