Editorial: 10/14

Nicht nur mit dem Hintern reiten

Die Reitlehrer selber tragen möglicherweise die Schuld daran, dass der Mensch in der Partnerschaft mit dem Pferd kaum vorwärts kommt. Denn worauf im Reitunterricht landauf, landab vor allem geachtet wird, ist doch der Sitz, die Einwirkung des Reiters mit dem Gesäss. Nach dem erneuten katastrophalen Ausgang eines Endurance- Wettbewerbs hat der französische Tierarzt und Kursdesigner der WM-Strecke, Jean-Louis Leclerc, von den Konkurrenten etwas gefordert, worauf Kollege Hans Zwicky schon vor über 75 Jahren hingewiesen hatte. Erwartete Leclerc für das 160-Kilometer-Rennen «denkende Reiter», war Professor Zwicky vom Tierspital Zürich noch einen Schritt weitergegangen: «Nur der Reiter, der auch mit dem Kopfe und nicht nur mit seinem werten Hinterteil reitet, ist pferdewürdig. Der andere ist ein Pferdeschinder.»

Zweimal die gleiche Aussage in derselben Kavallo-Nummer mit gänzlich verschiedenem Hintergrund, das war nicht geplant. Leclercs Aussage bezieht sich auf das WM-Distanzrennen in der Normandie, welches nur ein knappes Fünftel der Teilnehmer am Ziel sah. Zwickys Aussage stammt aus der Analyse über Pferde im Kriegseinsatz, wie unser Beitrag über die Situation der Pferde, Esel und Maultiere im Ersten Weltkrieg vor Augen führt. Ganz anders der Rückblick auf die WEG 2014, der die Faszination des Pferdesports schildert.

Pferde wissen sich ihres Kopfes sehr wohl zu bedienen und rennen nicht in einen Baum hinein wie in der Normandie. Jedenfalls zeigten dies vor Jahren zwei durchgehende Schimmel am Heuwagen, als sie fahrerlos und unkontrolliert über die Wiese galoppierten. Und als plötzlich ein Kirschbaum im Wege stand, zog das Sattelpferd links, das Handpferd rechts am Baum vorbei. Keines schlug den Kopf an, völlig kaputt waren nur Wagen und Geschirre. Hilfreich für uns, wenn Pferde mitdenken!

Thomas Frei
Chefredaktor

Drucken