Von: Dr. med. vet. Corinne Invernizzi

Dossier: 4/15

Aktiver Tierschutz beginnt beim vernetzten Pferdewissen

«e-hoof.com» ist eine neue webbasierte Pferdewissensplattform und ein interaktives, multimediales Lehrmittel zugleich. Wissen rund um die Themen Pferdekunde, Anatomie, Huferkrankungen und Hufbeschlag kann hier abgerufen werden. Erfahren Sie mehr, wie «e-hoof.com» auch zur Gesundheit Ihres Pferdes beiträgt.

Langsam entspannt sich die zwölfjährige Araberstute, die auf den Namen Coraiya hört. Ihre Augen und Nüstern sind kaum mehr geweitet, ihre Atmung ist ruhig und gleichmässig. Nur noch das rege Ohrenspiel weist darauf hin, dass ihr die Umgebung fremd und ungewohnt ist. Seit zwei Minuten galoppiert die Stute in ruhigem Galopp bei einer Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern auf dem Laufband des Sportmedizinischen Leistungszentrums des Tierspitals Zürich. Der vermeintlich zierlichen Stute mangelt es nicht an Kondition. Weder die Scheinwerfer mit ihrem grellen Licht noch die konzentrierten Blicke der fremden Menschen, noch die Hochgeschwindigkeitskamera, die auf ihre Beine gerichtet ist, bereiten ihr Mühe. Nein, ein anderer Grund ist schuld an Coraiyas Leistungsschwäche. Was sich bei -blossem Auge alleine dem untersuchenden Sporttierarzt, Dr. Michael Weishaupt, und dem Hufschmied - offenbart, enthüllt erst die Zeitlupenaufnahme der Kamera auch dem Laien. Coraiya hat Hufprobleme, die sich nach längeren Distanzritten in einem klammen Gang oder leichter Lahmheit zeigen. Werde die Stute danach einen Tag geschont, sei die Lahmheit wieder verschwunden, so die Reiterin.

Wenn der Schuh drückt
«Die gesunde Hornkapsel des Hufs ist vergleichbar mit einem gutsitzenden Turnschuh beim Menschen. Menschen können ihre Schuhe nach Belieben wechseln. Diese Möglichkeit hat das Pferd nicht. Drückt der Hornschuh eines Tages, hat das Tier keine andere Wahl, als die Stellung und die Belastung der Gliedmassen den Schmerzen anzupassen. Erkennt der Besitzer nicht, dass der «Schuh» seines Pferdes drückt, und handelt er nicht rechtzeitig, kommt es zu einem Teufelskreis: Der Huf passt sich in Form und Wachstum den ungleichen Belastungsverhältnissen an, was wiederum die Gliedmassenbewegungen beeinflusst und sich im Verlaufe der Zeit auf den gesamten Bewegungsapparat überträgt», erklärt Weishaupt. Er ist Privatdozent an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich. Seit bald 20 Jahren leitet er die Abteilung für Sportmedizin und ist der Experte, wenn es Leistungsschwächen beim Sport- und Freizeitpferd geht.

Die Zeitlupenaufnahmen im Schritt, Trab und im Besonderen die im Galopp zeigen deutlich, dass die Stute aufgrund ihrer Gliedmassenstellung nicht plan fusst. Weil das Hufhorn an Coraiyas Hufen innen und aussen unterschiedlich schnell wächst, haben sich bei ihr schiefe Hufe ausgebildet, die nicht regelmässig belastet werden und bei Überbeanspruchung zu Schmerzen führen.

Hufprobleme haben viele verschiedene Ursachen. Nicht nur offensichtliche Erkrankungen wie ein Hufabszess, Hornwandschäden oder die Hufrehe, auch andere Ursachen wie Beschlagsfehler, abnorme Hufformen, eine übermässige Abnützung oder fehlerhaftes Ausschneiden beim Barhuf können zu Schmerzen im Huf führen, so Weishaupt. Je früher ein Hufproblem erkannt, abgeklärt und behandelt werde, desto günstiger sei in der Regel die Prognose.

Eine gute Zusammenarbeit und der Wissensaustauch im fortwährenden Dialog zwischen Pferdebesitzer und Pferdespezialisten – im Besonderen Hufschmied und Tierarzt – seien deshalb essenziell für die Wiederherstellung der Hufgesundheit und die Gesunderhaltung des Pferdes. Aktiver Tierschutz beginnt für Michael Weishaupt darum beim vernetzten Pferdewissen. Vor zehn Jahren wurde aus diesem Grund in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Metall-Union (SMU) die Wissensplattform «e-hoof.com», deren Projektleiter Weishaupt noch immer ist, ins Leben gerufen.

«Das Hauptanliegen von ‹e-hoof.com› war und ist die Schaffung einer gemeinsamen Wissensbasis für Pferdeexperten wie Pferdeliebhaber. Eine qualitätsorientierte, respektvolle Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren rund um das Pferd ist die wichtigste Voraussetzung für die Gesunderhaltung und das Wohlergehen des Pferdes», sagt Weishaupt.

 «e-hoof.com» vernetzt Pferdewissen
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rolle des Pferdes in der Gesellschaft stark gewandelt – vom landwirtschaftlichen Nutztier entwickelte sich das Pferd zu einem wichtigen Partner in Sport und Freizeit. Die dadurch veränderte Pferd-Mensch-Beziehung führte zu einem geschärften Bewusstsein in der Bevölkerung und rückte das Wohlergehen des Pferdes in den Fokus. Das damit einhergehende Bedürfnis von Pferdeliebhabern nach einer artgerechten Haltung und einem sachgemässen Umgang mit dem «Partner» Pferd erfordert ein hohes Mass an Fachwissen und Fachkompetenz bei allen Pferdeexperten, auch bei den Hufschmieden. In der Schweiz fand aufgrund dessen in den letzten Jahren im Ausbildungssystem der Hufschmiede ein Umdenken statt. Um der Bedeutung des Hufbeschlags als wichtiger Teil im Pferdegesundheitssystem gerecht zu werden, wurde im Zug einer Berufsbildungsreform bei den Schweizer Hufschmieden der Ausbildungsumfang in Richtung Pferdekunde erweitert. Damit die neuen Schwerpunkte zeitgemäss vermittelt und der Wissenstransfer auch zu Tierärzten und anderen pferdeverwandten Berufsgruppen sowie Pferdebesitzern gewährleistet ist, entstand auf Initiative der SMU und des Departements für Pferde der Universität Zürich die Wissensplattform «e-hoof.com», ein völlig neu konzipiertes, interaktives Lehrmittel.

Was «e-hoof.com» zu bieten hat
«e-hoof.com» ist nicht nur eine webbasierte Pferdewissensplattform, sondern zugleich auch ein interaktives, multimediales Lehrmittel und Referenzwerk. Einfach und verständlich vermittelt «e-hoof.com» aktuelles Expertenwissen aus Pferdepraxis und Pferdeforschung. Reiter, Fahrer, Pferdebesitzer und Trainer wie auch Hufschmiede, Tierärzte und Personen aus pferdenahen Berufen können hier ihr Pferdewissen erweitern und auffrischen. Als «State of the Art»-Lehrmittel und Referenzwerk bietet «e-hoof.com» Lehr- und Fortbildungspotenzial für jeden Pferdebegeisterten. Ein erster Blick auf die Homepage macht unmissverständlich klar: «e-hoof.com» ist ein Lehrmittel der Spitzenklasse – von Profis gemacht, die sich mit Leib und Seele der Gesundheit des Pferdes verschrieben haben.

Für jeden Lern- und Bildungsstand gibt es spannende Inhalte. In weit über 100 Kapiteln, über 3000 Fotos, über 50 Animationen und 300 Ausbildungsvideos werden Themen wie Pferdekunde, Fütterung, Huferkrankungen, Hufbeschlag spielerisch, effizient und auf höchstem Niveau vermittelt. Allein schon der «Anatomie-Atlas» macht Lernen zum Vergnügen und zu einem neuartigen Erlebnis. Jedes Kapitel lässt sich zudem als Skript im PDF-Format ausdrucken.

Zu jedem Text gibt es das passende Bild. Die Texte sind leichtverständlich und auf den Punkt gebracht. Die Bilder sind hochwertig und bestechen durch ihre Liebe zum Detail. Es verwundert darum nicht, dass man sich schon nach wenigen Minuten durch zahlreiche Kapitel gearbeitet hat und sich mitten im Herzen von «e-hoof.com» befindet.

Um das Lernen zu perfektionieren und so spezifisch und individuell wie möglich zu gestalten, gibt es das «Arbeitsbuch». Kapitel, die für den Benutzer von besonderem Interesse sind, können ähnlich wie Buchzeichen gespeichert und nach Belieben aufgerufen und repetiert werden. 

Glossar mit 1000 Begriffen
Wer einmal einen Fachbegriff nicht versteht oder sich künftig im Fachjargon mit seinem Hufschmied oder Tierarzt unterhalten möchte, dem sei das Glossar wärmstens ans Herz gelegt. Denn über 1000 Begriffe aus verschiedensten Bereichen der Pferdekunde liegen übersetzt in zehn Sprachen vor und werden in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch erklärt.

Zurück zu Coraiya. Dr. Michael Weishaupt und der zuständige Tierspitalhufschmied sind sich nach der Beurteilung auf dem Laufband aufgrund der erhobenen Befunde einig. Coraiyas überbelastete Hufhälfte muss entlastet und die schmerzhaft einwirkenden Hebelkräfte verringert werden. Coraiya wird deshalb einen Korrekturbeschlag erhalten, der zusätzlich mit einer dämpfenden Kunststoffplatte ergänzt wird. Mit dieser Massnahme werden die Druckkräfte zusätzlich auch auf den Strahl verlagert. Bleibt nur noch, Coraiya und «e-hoof.com» alles Gute für die Zukunft zu wünschen.

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