Von: Marianne Fankhauser-Gossweiler

Ausbildung: 4/15

Losgelassenheit als Lohn der Arbeit

Wollen wir ein Pferd gesund erhalten, muss die Losgelassenheit zu den obersten Kriterien zählen. Losgelassenheit lässt sich einem Pferd nicht beibringen, Losgelassenheit ist das Resultat einer aufbauenden Arbeit. Von Natur aus bringt es Zwanglosigkeit mit, die unter dem Reiter in eine Los-gelassenheit zu überführen ist. 

Unter dem Begriff «Losgelassenheit» verstehen lange nicht alle das Gleiche. Das führt immer wieder zu Missverständnissen. Der Reiter kann ein nter dem Begriff «Losgelassenheit» verstehen lange nicht alle das Gleiche. Das führt immer wieder zu Missverständnissen. Der Reiter kann einem Pferd vieles lehren oder ihm andressieren – sowohl einfache Übungen wie Grand-Prix-Lektionen. Aber wirkliche Losgelassenheit können wir einem Pferd niemals andressieren. Denn Losgelassenheit ist das Resultat einer aufbauenden Arbeit und Gymnastizierung im Sinne der Skala der Ausbildung (siehe Lektion 6, Kavallo 8/2014). Sie ist für diese gesamte Ausbildung und für die Gesunderhaltung eines Reitpferdes sowie für dessen seelisches Gleichgewicht enorm wichtig.

Selbstverständlich kann man ein Pferd, je nach dessen Potenzial, scheinbar bis zum Grand Prix bringen, ohne dass man sich gross um die Losgelassenheit kümmert. Es kann dabei gut aussehen, die Lektionen gelingen mal besser, mal weniger gut und das Pferd kann, auch ohne losgelassen zu sein, seine Qualität und vor allem sein «Gang-Potenzial» zeigen. Nur, ein solches Pferd ist nicht ehrlich geritten, es bewegt sich also auch nicht losgelassen.

Mit Sicherheit wird ein nicht losgelassenes Pferd nach den Kriterien der Skala der Ausbildung nicht bestehen können. Ohne nach diesen Vorgaben ausgerichtete Ausbildung wird die Muskulatur des Pferdes aber nicht richtig aufgebaut. Etwas Entscheidendes, nämlich die Biegefähigkeit der Gelenke, hauptsächlich die der Hinterhandgelenke, ist mangelhaft und somit vermag die Tragkraft dieser Gelenke, vor allem bei etwas höheren Anforderungen, nicht zu genügen. Früher oder später wird das Pferd auch zwangsläufig irgendwo Schmerzen verspüren. Das führt zu Verspannungen und deshalb wird es sich immer wieder gegen die Hilfen des Reiters wehren und bei der Arbeit oft Schwierigkeiten, manchmal bis hin zu Widersetzlichkeiten, zeigen.

Pferd muss Hilfen verstehen
Eines ist sicher: Ein Pferd wehrt sich nicht gegen die Hilfen des Reiters, weil es etwas nicht tun will. Es wehrt sich, weil es das von ihm Geforderte nicht ausführen kann aufgrund einer mangelhaften, lückenhaften Ausbildung, in welcher auch die Losgelassenheit nicht oder zu wenig berücksichtigt wurde. Der Reiter müsste dann dringend seine Ausbildungs- und seine Reitweise überprüfen. Stattdessen greifen viele Reiter zu Hilfszügeln oder reiten bloss noch mit Kandare. Dabei ziehen sie dem Pferd mit dem Zügel den Kopf in die gewünschte Position, nicht selten in stark übertriebenem Mass. Oder sie versuchen sich in irgendwelchen Reitmethoden, welche nicht zum Ziel führen werden. Denn es sind eben bloss Methoden und haben nichts mit einer aufbauenden Ausbildung zu tun, sodass die so notwendige Losgelassenheit zwangsläufig auf der Strecke bleibt. Im für das Pferd angenehmsten Fall findet dieses schliesslich einen Weg, wie es sich auch ohne Losgelassenheit irgendwie mit seinem Reiter zu arrangieren verstehen lernt.

Sehr verbreitet herrscht die Meinung vor, Losgelassenheit sei dann -erreicht, wenn das Pferd den Hals lang vorwärts-abwärts dehnt und am durchhängenden Zügel ohne Anlehnung in dieser Haltung so locker daher trabt oder galoppiert. Oder wenn der Reiter nur das Gewicht des Zügels (oder noch weniger) in der Hand spürt und das Pferd so von alleine vorwärts geht. Das hat aber mit DER erwünschten und angestrebten Losgelassenheit sehr wenig zu tun. Losgelassen darf zudem nicht mit locker verwechselt werden. Dieser Ausdruck wird oft benutzt, obwohl man eigentlich die Losgelassenheit meint.

Pferd als Ganzes miteinbeziehen
Weil alles zusammenhängt, dürfen in der Ausbildung niemals nur einzelne Teile des Pferdes wie Maul, Hals, Genick oder Gelenke «bearbeitet» werden. Damit erreicht man nur, dass – vom Reiter meist unbemerkt – das Pferd sich den Hilfen entzieht, sich irgendwo fest macht, sich verspannt, blockiert und mit der Zeit Schaden an Gelenken oder Muskulatur nimmt. Deshalb muss immer das Pferd als Ganzes in die Arbeit einbezogen werden. Eine Lehre, die bezüglich ganzheitlicher Ausbildung des Pferdes etwas anderes sagt, ist eine falsche Lehre.

Die Losgelassenheit verändert sich beim Pferd sogar je nach Ausbildungsstand. Sie muss sich entwickeln. Je weiter ein Pferd in der korrekten Ausbildung fortgeschritten ist, umso leichter wird es ihm fallen, sich wirklich loszulassen. Ohne Reiter bewegt sich das Pferd in einem Zustand des zwanglosen Gleichgewichts. Dieses zwanglose Gleichgewicht ist naturgegeben. Durch die Zuchtverbesserung in den letzten Jahrzehnten sind heute viele Pferde so «rittig», dass sie sich von Beginn weg auch unter dem Reiter mit einer Zwanglosigkeit bewegen. Diese Zwanglosigkeit wird dann oft mit der Losgelassenheit verwechselt. Sie hat mit der Losgelassenheit in der Arbeit und unter dem Reiter jedoch nichts zu tun. Das Pferd muss deshalb von der Zwanglosigkeit in die Losgelassenheit überführt werden. Dass dies gelingt, ist allein die Aufgabe des Reiters. Jeder Reiter, ganz egal welche Ambitionen er hat, sollte sich um Losgelassenheit bei seinem Pferd bemühen. 

Losgelassenheit ja – aber wie?
Wie kann man nun bei seinem Pferd Losgelassenheit erreichen? Am einfachsten durch einen möglichst richtigen Sitz, was eine möglichst korrekte und für das Pferd verständliche Einwirkung ermöglicht. Werden diese Voraussetzungen vernachlässigt, wird die Losgelassenheit beim Pferd schwieriger oder gar nicht zu erreichen sein. Sobald das Pferd mit den treibenden und verhaltenden Hilfen vertraut ist, kommt die Arbeit. Auch junge Pferde sollten nicht ohne Anlehnung geritten werden. Es sei denn, sie gehen am hingegebenen Zügel und im Schritt.

Der Reiter muss darauf achten, die Nachhand aktiv (nicht gleichbedeutend mit schnell) zu halten. Die Nachhand muss daran gewöhnt werden, je länger, desto mehr Last aufnehmen zu können. Von Beginn weg soll die Arbeit auf den Ausbildungsstand des Pferdes ausgerichtet sein und vom Pferd richtig, konsequent, aber geduldig verlangt werden. An ganze Paraden wie Trab-Halt, Galopp-Schritt oder Galopp-Halt ist erst zu denken, wenn sich das Pferd versammeln lässt und Gewicht aufnehmen kann. Die Gelenke, vor allem die Hinterhandgelenke, und die Muskulatur sind noch zu wenig gestärkt, sodass eine solche ganze Parade nicht korrekt ausgeführt werden könnte. Die Arbeit soll den Möglichkeiten des Pferdes angepasst werden: keine kleinen Volten reiten, denn dafür braucht das Pferd Versammlung und die kommt erst später. Dafür immer wieder grosse Linien einschlagen wie Achten, Schlangenlinien oder gros-se Volten, diese etwas verkleinern und wieder vergrössern.

Sobald das Pferd mit dem Gewicht des Reiters und mit dessen treibenden und verhaltenden Hilfen vertraut ist, muss vorsichtig an der Längsbiegung gearbeitet werden. Im Hals nicht mehr biegen, als das Pferd sich in den Rippen biegen lässt. Immer wieder vorwärts reiten, jedoch nicht schnell, sondern schwungvoll, natürlich auch auf geraden Linien. Der Takt und die Ruhe müssen beibehalten werden, wobei immer wieder Pausen einzuschalten sind. 

Positive Spannung führt zu Losgelassenheit
Es ist ein grosser Fehler zu glauben, dass man ein Pferd ohne positive Spannung zur Losgelassenheit bringen kann. Genauso wie ein Reiter ohne eine gewisse Körperspannung keine korrekten Hilfen geben kann, braucht das Pferd eine solche Spannung, um sich ans Gebiss heranzudehnen, den Rücken zu wölben und zum Schwingen zu kommen. Wenn wir das erreicht haben, sind wir der Losgelassenheit ein grosses Stück näher gekommen. Es ist ganz wichtig, dass die Nachhand aktiv gehalten wird, damit das Pferd nicht auf die Vorhand kommt.

Es muss darauf geachtet werden, dass der Mähnenkamm in Wendungen immer wieder nach innen kippt, sonst hat das Pferd keine saubere und durchgehende Längsbiegung und es fühlt sich nicht wohl. Die Biegung darf sich nie nur auf Hals und Genick des Pferdes beschränken. Sie muss hauptsächlich am Schenkel, von hinten nach vorne erfolgen, durch das ganze Pferd hindurch gehen und darf nicht mit dem inneren Zügel «herangezogen» werden. Nur das wiederholte, leichte Annehmen der inneren Hand, verbunden mit dem Druck des inneren Schenkels, sorgt für die notwendige leichte Kopfstellung und für die Längsbiegung. Dabei darf der Reiter die erwähnte Einwirkung der äus-seren Hilfen nicht vergessen.

Die vielzitierte Aussage, dass die Losgelassenheit eines Pferdes am pendelnden Schweif zu erkennen sei, trifft nicht immer zu. Es gibt viele Pferde, deren Schweif pendelt, und trotzdem sind sie nicht losgelassen.

Befindet sich das Pferd in losgelassenem Zustand, ist jeder Muskel, jedes Gelenk in die Bewegung eingebunden, als würde der eine Muskel seine Arbeit an den anderen Muskel und jedes Gelenk weitergeben. Alles muss ineinander übergehen. Das muss der Reiter spüren und angenehm sitzen können und der Betrachter muss es sehen, weil das ganze Pferd als Einheit in Bewegung zu sein scheint und nicht bloss die Beine. Es muss immer eine elastische, federnde Spannung im Pferd, in den Bewegungen von hinten nach vorne, aber auch von vorne nach hinten zu spüren und zu sehen sein. Und zwar ganz ohne Widerstand, ohne Blockierungen, auch nicht in den Übergängen, ob nun in höchster Versammlung oder in einem etwas weiteren Rahmen oder in Dehnungshaltung geritten wird.

Biegung und Stellung müssen gleichmässig durch das Pferd hindurch gehen, einschliesslich des nach innen gekippten Mähnenkammes. Ist dies nicht der Fall, dann wird das Pferd zwar der Aufforderung, sich zu biegen, nachkommen, jedoch kann es sich dabei auf keinen Fall loslassen. Wenn das Pferd rechts gestellt und gebogen wird, der Mähnenkamm dabei jedoch nach links gekippt ist, wird es unweigerlich einen Zwang im Genick und in den Ganaschen verspüren. Die gleichmässige, durch das Pferd hindurch gehende Stellung und Biegung kann aber nicht einfach so verlangt und geritten werden. Sie ist das Ergebnis einer konsequenten und aufbauenden Arbeit über längere Zeit. Die höchste Stufe der Losgelassenheit müsste so bei einem Grand-Prix-Pferd zu finden und zu erkennen sein.

Anlehnung beibehalten
Selbst beim für die Losgelassenheit beschriebenen so wichtigen «Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen» darf eine gewisse federnde Spannung nicht verloren gehen. Die Anlehnung muss immer vorhanden sein während des Vorwärts-Abwärts-Dehnens des Halses und der damit verbundenen Rahmenerweiterung des Pferdes.

Der Reiter muss die Hinterbeine des Pferdes aktiv und fleissig halten (nicht schnell). Auch in dieser Phase muss das ganze Pferd mit jedem Muskel und jedem Gelenk an den Bewegungen beteiligt sein. Der Reiter muss spüren, wie sein Pferd trotz Dehnung an das Gebiss herantritt. Die untere Halsmuskulatur muss locker sein, und selbst wenn der Hals in Dehnungshaltung kommt, muss es den Anschein machen, als würde der Hals aus dem Widerrist heraus noch etwas nach oben wachsen.

Aktiv ist nicht schnell
Trotz länger gewordenem Zügel muss es dem Reiter gelingen, dass sein Pferd sich auch hier am Gebiss respektive an der Reiterhand abstösst. Hängt der Zügel durch, wird ein Abstossen verunmöglicht. Nur Pferde, welche sich am Gebiss abstossen können, werden später «ehrlich» durch das Genick gehen. Ohne das eine ist das andere nicht denkbar. Deshalb ist eine Zäumung ohne Gebiss für die Ausbildung und für die Arbeit wertlos, weil ein ganz wichtiger Teil der «Ausrüstung» fehlt. Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt, der nicht ausser Acht gelassen werden darf. Das Pferd ist und bleibt ein Fluchttier und daher ist es fahrlässig, ohne Gebiss zu reiten. Im Notfall ist das Gebiss das Einzige, womit der Reiter sein Pferd unter Kontrolle bekommen kann, sollte dieses einmal dermassen erschrecken, dass es sich den Hilfen des Reiters entzieht und sogar die Flucht ergreift.

Eine Zäumung ohne Nasenriemen ist für die beschriebene Arbeit ebenfalls nicht geeignet, weil der Druck des Gebisses ausschliesslich über Zunge und Laden geht. Der Druck sollte auch auf das Nasenbein gehen und mithelfen, beim Pferd eine korrekte Beizäumung zu erreichen. Dieses Mithelfen ist allerdings nur möglich, wenn der Nasenriemen richtig verschnallt ist. Locker nützt er nichts und zu straff schadet er, bereitet dem Pferd Schmerzen und Unbehagen.

Die treibenden Hilfen sollen das Pferd nicht schnell machen, sondern zum aktiven Treten aus der Nachhand veranlassen und im Einklang mit den verhaltenden Hilfen (halbe Paraden) Schwung, Takt und Kadenz erhalten. Schwung, Takt und Kadenz sind ohne eine positive Spannung im Körper des Pferdes nicht möglich. Die treibenden und die verhaltenden Hilfen müssen aufeinander abgestimmt sein, damit im Pferd diese positive Spannung über eine verstärkte Mitarbeit der Rückenmuskultur erreicht wird. So kommt es im Verlauf der Ausbildung zum «schwingenden Rücken», was letztlich das Ziel der ganzen Ausbildung ist. Der Reiter muss lernen, den Unterschied von Spannung und Verspannung zu fühlen. Wichtig sind die richtig dosierte, aufbauende, konsequente und pferdegerechte Arbeit mit dem Pferd und der möglichst korrekt einwirkende, ruhig in die Bewegung des Pferdes eingehende Sitz des Reiters.

Selbst Reiter ohne grosse Ambitionen sollten sich um Losgelassenheit beim Pferd bemühen. Die Losgelassenheit ist die Voraussetzung dafür, dass sich ein Pferd unter dem Gewicht des Reiters einigermassen ausbalanciert bewegen kann. Es bleibt gesund und wird mit zunehmendem Alter auch weniger von Beschwerden geplagt. Ein Pferd, welches sich in der Arbeit loslassen kann, zeigt sich auch im Umgang gelassener. Gerät ein Pferd, was ja nicht zu vermeiden ist, im Gelände, in der Arbeit oder auf einem Turnier einmal in Aufregung, wird es sich schneller wieder beruhigen und auf seinen Reiter konzentrieren können.

Es kann nicht genug betont werden, dass auch das Reiten im Gelände, über kleine Sprünge sowie die Cavaletti-Arbeit zu jeder Arbeit mit dem Pferd dazugehören. Zusammenhänge in der Arbeit mit den Pferden zu erkennen, sich darüber Gedanken zu machen und auf diese Weise sein Reiterwissen zu erweitern, darum sollte jeder Reiter sich bemühen.

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