Von: Ariane Sotoudeh | Fotos: Schweizerisches Nationalgestüt

Dossier: 12/17

Lernverhalten | Damit’s im Alltag leichter geht

30 Jahre Erfahrung in Theorie und Praxis macht den Australier Andrew McLean, Gründer des «Australian Equine Behaviour Centre», zum gefragten Referenten. Scheut das Pferd, ist ihm viel Zeit zu geben, am besten zählt die Reiterin auf 20.

Das Erteilen von klaren Hilfen erleichtert es den Pferden uns zu verstehen und macht sie sicher.

Mit dem Kreieren von Übungssituationen wird ein Desensibilisierungseffekt erreicht.

Was Zügelhilfen bedeuten, müssen Pferde erst lernen. Die Klarheit der Signale ist dabei umso wichtiger.

Auszug aus «Grundprinzipien des Pferdetrainings der International Society for Equitation Science»

Wie wissenschaftliche Erkennt­nisse in der Praxis angewendet werden können und sich damit Unfälle verhüten lassen, wird an den Seminaren des australischen Ausbilders Andrew McLean auf­gezeigt. Am Equiday in Avenches wurden Lösungsansätze für heikle Alltagssituationen demonstriert.

Der renommierte australische Forscher und international erfolgreiche Reiter und Pferdetrainer Andrew McLean zeigte am Equiday im Schweizer Nationalgestüt Resultate aus 20 Jahren Forschung von Agroscope zum Lernverhalten der Pferde und wie diese in praktischen Alltagssituationen angewendet werden können. Damit leistete er nicht nur einen Beitrag zur Reduktion von Unfällen im Umgang mit Pferden, gefördert wurde damit auch ein besseres Verständnis zwischen Mensch und Pferd – in unserer auf die Nutzung von Tieren immer sensibler reagierenden Gesellschaft ein nicht zu unterschätzender Aspekt.

Wie mit Angst umgehen?
Rebekka Käser, Tierärztin am Institut Suisse de Médecine Equine ISME in Avenches, erlebt mit ihrem Dressurpferd Shanghai Crowne immer wieder brenzlige Situationen, weil er auf neue Situationen mit Fluchtverhalten reagiert. Sie wollte mit Andrew McLean, dem renommierten australischen Wissenschaftler und international erfolgreichen Reiter und Pferdetrainer, am schnell auftretenden Fluchtverhalten feilen.
Die Lernforschung bietet hier einiges an Wissen, das in der täglichen Arbeit mit Pferden praktisch anwendbar ist. So meint Rebekka Käser: «Ich weiss jetzt, dass ich bis auf 13, besser bis auf 20 zählen muss, wenn das Pferd etwas Gefährliches sieht, und ihm viel Zeit geben muss. Es braucht so lange, bis das Pferd überhaupt fähig ist, an etwas anderes als Flucht zu denken. Und auf dem Pferd in einer angstauslösenden Situation sind 13 Sekunden eine gefühlte Ewigkeit!»

Übungssituationen kreieren
Je nach Pferd sind es immer dieselben Dinge, die es erschrecken, Traktoren, Fahrräder, Mofas und so weiter. Hier könnte es sich lohnen, sich Zeit für ein Desensibilisierungstraining mit einem gefährlichen Objekt zu nehmen. Konkret könnte das bei einem beweglichen Objekt wie bei einem Traktor so aussehen, dass das Pferd zuerst dem Traktor folgt, wie wenn es ihn jagen würde. Diese Situation ist weniger angsteinflössend, als wenn der Traktor auf das Pferd zufährt. Hält das Pferd vor dem Traktor an und folgt es ihm wieder, wenn er angefahren ist, dann kann dies die Angstreaktion abbauen und die Neugier für das Objekt wecken. Es empfiehlt sich auch, dieses Training an unterschiedlichen Orten zu machen. Schritt für Schritt kann so das gefährliche Objekt zu einem ganz normalen Umgebungsgegenstand werden.

Klarheit mit den Hilfen
Pferde, die nicht immer klare Hilfen erhalten, können dadurch verwirrt und unsicher werden und neigen gemäss McLean dadurch eher zu Fluchtverhalten, da sie ihrem Menschen nicht recht trauen können. Eine Hilfe sollte immer dasselbe bedeuten. Hier geht es darum, dass die Basisausbildung gefestigt wird und keine gegensätzlichen Hilfen gegeben werden. Andrew McLean empfiehlt, hier die Hilfen auseinanderzunehmen. Das ist einfacher für ein Pferd, wenn es nicht mehrere Hilfen gleichzeitig erhält. So muss das Pferd lernen, was beispielsweise eine Zügelhilfe mit dem rechten Zügel bedeutet.

Die Motivation fördern
Die erfahrene Western-Trainerin Annika Riggenbach brachte ihr sensibles und sehr kooperatives Reining-Pferd Rowdy Rooster Yankee, genannt Max, mit. Max hat die Schwäche, dass er manchmal mit der Motivation zu kämpfen hat und die Hinterhand etwas zu wenig aktiv untertritt. Hier brachten neue Übungen mit Schritt-Trab- und Halt-Trab-Übergängen sowie dem präzisen Einsatz von klar unterscheidbaren Gertensignalen Abwechslung ins Training. Das Fazit von Annika Riggenbach: «Ich nehme viele Tipps mit und ich denke, mit meinem Training bin ich auf dem richtigen Weg. Besonders hilfreich fand ich das Bild des ‹galoppierenden Hundes›. Es zeigte so deutlich, dass Pferde oder eben auch Hunde ihre natürliche Schiefe brauchen, damit sie überhaupt schnell galoppieren können, ohne dass die hinteren Hufe die vorderen Beine berühren.» Klar unterscheidbare Signale für jede Aufgabenstellung und kurze Lernsequenzen können zur Förderung der Motivation bei der Arbeit beitragen.

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