Von: Melissa Raemy, Ingrid Vervuert ?und Conny Herholz

Dossier: 9/17

Fütterung | Ü20 und immer noch in Form

Die weissen Haare im Fell weisen wohl auf das hohe Alter des Pferdes hin, dass Alfiere zu diesem Zeitpunkt bereits ein Ü30 war, vermutete kaum jemand.

25 Jahre alt und immer noch in guter Form präsentiert sich dieser CH-Warmblüter.

Nicht auf das Kilo genau, mit dem Gewichtsmessband sind aber gute Schätzungen möglich.

Eines der in der Altersstudie beurteilten Pferde litt unter dem Cushing Syndrom.

Die Futtermittelindustrie hat sich längst auf die Pferdesenioren eingestellt und bietet verschiedenste Pferdefutter an.

Bei alten Pferden in Gruppenhaltung ist darauf zu achten, dass sie genügend Zugang zur Futterstation haben.

Ältere Pferde weisen recht häufig Melanome auf wie dieser 25-jährige Schimmel beim Maul.

Die Untersuchung zeigte, dass ältere Pferde mehrheitlich in guter Form und ?eher auf der wohlgenährten Seite sind.

Pferde werden immer älter. Und erst noch in einer guten Kondition, wie eine breit angelegte Studie aufzeigt. Aufzupassen ist beim Gewicht: Alle untersuchten Freiberger waren zu dick. Mit einer altersgerechten Fütterung lässt sich viel erreichen. 

Ab welchem Zeitpunkt ist ein Pferd alt? Das hängt wie beim Menschen von der Konstitution und Gesundheit ab. Gewöhnlich spricht man jedoch von einem alten Pferd, wenn es 20 Jahre oder älter ist. Die Anzahl der Seniorenpferde in der Pferdepopulation ist zunehmend, ähnlich wie auch die Bevölkerung älter wird. Veränderungen der Kondition und des Erscheinungsbildes des Pferdes sind ausschlaggebende Anzeichen für den Alterungsprozess. Typisch für das alte Pferd sind Grauverfärbungen des Haarkleides sowie abnehmende Bemuskelung und Fitness. Durch Zahn- und Kauprobleme, gestörte Verdauungsprozesse und herabgesetzte Nährstoffaufnahme können Gewichtsverluste resultieren.

Der Body Condition Score
In einer Studie der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) wurde untersucht, wie es um die körperliche Kondition von alten Pferden in der Schweiz bestellt ist. In die Studie wurden insgesamt 50 alte Pferde, 33 Pferde von fünf Altersweiden und 17 Pferde von elf Privathaltern aus den Kantonen Bern und Freiburg einbezogen. Es handelte sich um Ponys, Vollblüter, Warm- und Halbblüter verschiedener Rassen und einem Kaltblüter im Alter von 18 bis 28 Jahren und einem Durchschnittsalter von 22,4 +/– 0,48 Jahren. Die mittlere Widerristhöhe betrug 157 +/– 1,98 Zentimeter. Zur Beurteilung des Ernährungszustandes wurde das Körpergewicht mit einem Gewichtsmassband sowie dem Body Condition Score (BCS) ermittelt. Das Gewichtsmassband wird in Höhe des Sattelgurtes um den Körper des Pferdes gelegt und auf der Skala des Bandes kann das Gewicht abgelesen werden. Die Messung mit dem Gewichtsband vermag allerdings nur eine Schätzung abzugeben, der Fehler kann bis zu 65 Kilo betragen. Mit dem BCS wird der Ernährungszustand subjektiv beurteilt. Dazu wurden verschiedene Notenskalen entwickelt. Für diese Arbeit wurde eine BCS-Notenskala von 6 Stufen angewendet. Die Noten reichen von 1 (bedeutet abgemagert) bis 6 (deutlicher bis hochgradiger Verfettungszustand).
Betriebsleiter und Besitzer wurden zudem zur Haltungsform, dem Allgemeinzustand, allfälligen Krankheiten, der täglichen Futterration und möglichem Weidegang der Pferde befragt. Da sich die Konstitution und der Stoffwechsel eines Ponys beispielsweise stark von einem Vollblüter unterscheiden, wurden die Pferde für die Auswertung vier Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe bestand aus 34 Warmblütern (WB), eine aus sechs Ponys und eine aus sechs Freibergern (FM). Drei Vollblüter und ein Kaltblut wurden in der Gruppe «Diverse» zusammengefasst.

Einfluss der Haltungsform
Die erhobenen Daten wurden statistisch ausgewertet. Die Hypothese, dass alte Pferde eher mager sind (BCS < 3) wurde überprüft. Untersucht wurde weiterhin, ob es Unterschiede im Ernährungszustand zwischen den vier Pferdegruppen bzw. -typen gab. Ob sich Pferde, die in Einzelboxen oder in Gruppen gehalten werden, im Ernährungszustand unterscheiden, wurde ebenfalls ermittelt.
Knapp die Hälfte (46%) aller Seniorenpferde zeigte eine normale Körperkonstitution (BCS = 4), 30% waren überwichtig (BCS = 5) und 8% sogar sehr dick (BCS = 6). Demgegenüber waren 12% schlank (BCS = 3) und nur 4% der Pferde waren mager (BCS = 2).
55,9% der Warmblüter wiesen einen normalen Ernährungszustand auf (BCS = 4). Im Gegensatz dazu wurden alle Freiberger als übergewichtig bis sehr dick eingeschätzt (BCS gleich 5). Die Ponys waren zu je einem Drittel normal beleibt, schlank oder übergewichtig (BCS gleich 5). 75% der Gruppe «Diverse» wurden als normal beleibt eingeschätzt, eines war mager.
Insgesamt 25 der untersuchten Seniorpferde wurden in Gruppen gehalten, 25 in Einzelboxen. In Bezug auf den BCS wurde kein signifikanter Unterschied festgestellt, ob die Pferde in Einzel- oder Gruppenhaltung untergebracht waren – die Verteilung von schlank bis sehr dick (BCS = 3–6) hielt sich die Waage zwischen den beiden Haltungssystemen. Beide mageren Pferde waren in Gruppenhaltung. Eines dieser Pferde litt an Zahnproblemen, das andere am Equinen Cushing Syndrom, was Gründe für die Magerkeit sein können. Bei Pferden in der Gruppe sollte darauf geachtet werden, dass sie ausreichend Zugang zu den Futterstationen erhalten, um dies als weitere Möglichkeit  für eine Abmagerung ausschliessen zu können.

Signifikante Unterschiede
Das mit den Bändern ermittelte Gewicht der 50 Seniorpferde betrug im Mittel 513 +/– 15kg. Die vier Gruppen unterschiedlicher Pferdetypen unterschieden sich wie erwartet signifikant in Bezug auf das durchschnittliche Körpergewicht.
Die Gruppe der Freiberger, mittlere Widerristhöhe 154 +/– 3cm, war am schwersten mit einem Durchschnittsgewicht von 578,3 +/– 35kg. In dieser Gruppe war auch das schwerste Pferd der gesamten Stichprobe, das bei einer Widerristhöhe von 155cm 736kg wog.
Die Gruppe mit den Warmblüter, mittlere Widerristhöhe 163 +/– 5cm, wies ein mittleres Gewicht von 538,5 +/– 9kg (451 bis 700kg) auf.
Die Pferde der Gruppe «Diverse» waren durchschnittlich 445 +/– 86kg schwer. Das in der Gruppe befindliche Kaltblut führte dazu, dass die Spannbreite von 328 bis 700kg reichte.
Die Ponys wogen bei einer mittleren Widerristhöhe von 133 +/– 6 Zentimeter durchschnittlich 349+/– 58kg. Diese Gruppe stellte auch das Leichtgewicht: Ein Mini-Shetlandpony war 78cm gross und wog 141kg.
Nach Angaben der Besitzer wiesen von 50 alten Pferden zwölf gesundheitliche Probleme auf (24%). Von diesen zwölf Pferden litten rund 35% unter Lahmheits- bzw. Arthroseproblemen, knapp 30% an Zahnproblemen. Bei 23% der erkrankten Seniorenpferde wurde über die Erkrankung an dem Equinen Cushing Syndrom bzw. PPID (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction) berichtet, zu je 6% wurden chronische Bronchitis bzw. Melanome genannt. Die festgestellten Leiden widerspiegelten weitgehend die Häufigkeit und die Art der Krankheiten alter Pferde aus anderen Studien.

In überwiegend guter Form
Die untersuchte Gruppe alter Pferde war überwiegend gut in Form. Zu dicke Pferde waren häufiger als zu magere. Um auch im Alter die optimale Körperkondition zu erreichen, empfiehlt sich die Berechnung der Futterration. Je nach Ernährungszustand sollte sie angepasst werden. Bei krankheitsbedingten Gewichtsverlusten empfehlen sich besondere Diäten. Bei Zahnproblemen sollte hartstängeliges Raufutter vermieden werden, beispielsweise kann auf eingeweichte Heubrickets ausgewichen werden. Bei metabolischen Problemen wie z.B. dem Equinen Cushing Syndrom muss auf die Fütterung von Kohlenhydraten möglichst verzichtet werden.

Ans Alter angepasste Fütterung

Für das gesunde, alte Pferd gelten folgende Empfehlungen für die tägliche Ration:

• Raufutter: > 1,7kg/100kg Körpermasse (Bezug Raufutter auf Trockensubstanz)
• Kraftfutter: 0,3kg/100kg Körpermasse pro Mahlzeit (2–4 Mahlzeiten pro Tag, hoher Stärkeaufschluss)
• Pflanzliche Fette: 20–50ml/100kg Körpermasse nach Gewöhnung
• Protein: Ergänzungsfutter mit mindestens 12% Rohprotein oder Sojaextraktionsschrot 10–20g/100kg Körpermasse
• Rübenschnitzel: 0,2kg/100kg Körpermasse
• Übertriebene Vitaminisierung (Vit. A und Vit. D) und Mineralisierung (Kalzium und Phosphor) vermeiden

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