Von: Tamara Wülser

Kavallino: 8/17

Wer laufen kann, kann Ponyfahren

Nachdem das Miniature Horse für den älteren Bruder zu klein geworden ist, darf der jüngere mit der 14-jährigen Marly fahren.

Nicht alles muss althergebracht sein – ein Buggy in moderner Ausführung.

In den letzten Jahren durften immer mehr Mädchen die Leinen in die Hand nehmen, das Reiten ist ihnen noch nicht erlaubt.

Ponys und Hunde sind die stetigen Begleiter der Amisch-Kinder.

Bei 30 Grad im Schatten sind die Getränkewagen überall willkommen.

Marly ist eingeladen und die Kutsche aufgeladen – 60 Kilometer lang ist die Fahrt nach Hause.

Bei den Amischen in Amerika fährt praktisch jedes Kind mit Ponys. Nur zur Schule geht es nicht im Ponywagen. Dass Kinder schon früh ans Fahren gewöhnt werden, hat seinen guten Grund: Auf den Feldern wird wie eh und je mit Pferden gearbeitet. 

Welcher Fahrverein in Europa hat es nicht, das Nachwuchsproblem? Den Amischen in den USA ist dies gänzlich unbekannt. Beinahe jedes Kind der kinderreichen Familien fährt Kutsche. Und dass auch die Kleinen die Leinen fest in der Hand halten, bewiesen sie dieses Jahr an den Horse Progress Days in Leola im Lancaster County in Pennsylvania. Das ist die weltgrösste Veranstaltung für pferdegezogene Landwirtschaftsgeräte. Der grösste Teil der tausenden Besucher und Aussteller gehören der Glaubensgemeinschaft der Amischen an.

Schnell aber ohne Peitsche
«Marly ist 14 Jahre alt», erklärt ein 20-jähriger Amisch-Junge. «Früher bin ich mit ihr gefahren, jetzt bin ich aber zu gross und meine kleine Schwester und mein jüngster Bruder fahren nun mit ihr.» Die kleine Palominoscheckstute ist ein Miniature Horse und kaum grösser als 80 Zentimeter und beweist sich vor der Kutsche als ausdauernder Wirbelwind. Den ganzen Tag trabt und galoppiert sie vor dem Vierradwagen und zwei bis fünf Passagieren umher – und das bei 30 Grad im Schatten. Was auffällt: Nicht einmal wird die Peitsche eingesetzt, ein kurzes Zungenschnalzen genügt als Signal.
Die Amischen gehören einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft an. Sie wanderten aus der Schweiz und Deutschland nach Amerika aus, da sie in Europa verfolgt wurden. Äusserlich fallen sie durch ihr altmodisch wirkendes Erscheinungsbild auf. Die Männer tragen wilde Bärte, jedoch ohne Schnauz, Strohhüte und meist Hosenträger, die Frauen schlichte Kleider mit schwarzen Schürzen und weisse Hauben. Zudem haben die Amischen vielen technischen Neuerungen abgeschworen und fahren keine Autos, sondern sind mit Pferden und Buggys unterwegs. Strom darf nicht aus dem Netz bezogen werden, sondern höchstens von Solarpanels und Akkus. Auf dem Feld wird mit Pferden gearbeitet und nicht mit Traktoren. Und um später mit den grossen «Draft Horses» wie Percherons, Amerikanischen Belgiern oder riesigen Mulis arbeiten zu können, beginnen die Amischen mit Ponys zu arbeiten, kaum dass sie laufen können.

Pony statt Smartphone
«Die meisten Kinder der Amischen haben ein Pony», erklärt Paul Esch. Er ist Mitglied im OK der Horse Progress Days.  Die Kinder fahren mit der Kutsche los, um Freunde zu treffen oder im nächsten Laden einkaufen zu gehen. Einzig zur Schule und zur Kirche fahren sie nicht mit ihren Ponys. Den Kindern das Fahren zu verbieten, kommt niemandem in den Sinn, später auf der Farm müssen sie mit grossen Pferden auch arbeiten.

Mädchen an Fahrleinen
Erstaunlich viele Mädchen halten die Leinen in den Händen. «In den letzten Jahren haben die Amischen die Einstellung gegenüber Frauen gelockert», erklärt Paul Esch. «Schnell merkte man, dass Frauen ein gutes Gespür für Pferde haben und sehr gute Pferdemenschen sind.» Das Kutschenfahren ist nun für Frauen kein Tabu mehr. Mit dem Reiten sieht es jedoch noch etwas anders aus. Es gibt Frauen und Mädchen, die reiten, aber gerne wird das nicht gesehen. Im Rock reiten ist unpraktisch und Hosen sind den Amisch-Frauen verwehrt. Das Thema werde aber stark diskutiert.
Die Vorführung «Pony Express» liess aber jedes Fahrerherz höher schlagen. Denn: Wo in Europa sieht man eine Vorführung mit 40 Ponygespannen aller Art, Ein-, Zwei, Drei- oder Vierspänner, Tandem, Einhorn oder Random gefahren von Kindern zwischen vier und 14 Jahren vor mehreren Tausend Leuten? «Wenn wir den Kindern in den jüngsten Jahren die Freude an den Pferden nicht vermitteln können, werden sie später auch nicht mit ihnen auf den Feldern arbeiten oder mit dem Buggy Horse von A nach B fahren wollen», so Paul Esch.

Im Anhänger nach Hause

«Wir hatten viel Spass an den Horse Progress Days», erklärt die Mutter der beiden Marly-Fahrer. Am Ende des zweiten Tages nimmt der älteste Sohn Marlys Kutsche auseinander und lädt sie auf den Buggy auf. Danach wird ein selbst gebauter Anhänger am Buggy angebracht und das kleine Miniature Horse verladen. Dann muss nur noch das Pferd angespannt werden, die Mutter und ihre fünf Kinder auf den Buggy aufsteigen und ab geht es nach Hause. Rund 60 Kilometer hat die Familie nun vor sich. Da Marly für den ehemaligen Renntraber vor dem Buggy tempomässig zu langsam wäre, darf sie im Anhänger mitfahren. Die Mutter winkt zum Abschied und meint: «Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr.»

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