Editorial: 6/17

Aus der Traum, Pferd zu sein

Nehmen Pferde uns nun als ihresgleichen wahr und akzeptieren sie uns als ranghöheren Sozialpartner oder nicht? Noch herrscht die Annahme vor und der Umgang mit ihnen basiert auf dieser Theorie. Aber nicht mehr überall. In wissenschaftlichen Kreisen wird darüber diskutiert, ob sich die gängige Meinung von der Rangordnung aufrecht erhalten lässt oder nicht. Man geht vermehrt davon aus, dass uns Pferde eben doch nicht als «Pferde» sehen wie die Boxennachbarn oder die übrigen Partner in der Gruppe. Begründet wird es damit, dass die morphologischen Unterschiede und die Verschiedenheiten im Ausdrucksverhalten zu gross seien, als dass wir von ihnen als Pseudo-Equiden wahrgenommen würden.

Aus der Traum also, dass mich der um seine Stuten bemühte Hengst als ranghöheren Artgenossen respektiert und mir auf meinen Befehl hin aus dem Weg geht? Von einer Rangordnung zwischen Mensch und Pferd wie sie unter den Pferden das Zusammenleben regelt, kann nach dieser Theorie nicht mehr ausgegangen werden. Was Pferde auf unser Verlangen hin ausführen, sei alles nur angelernt, basiere auf sich ständig wiederholenden Lernprozessen.

Dass man um Pferde herum nie ausgelernt hat, ist freilich nicht neu. Wenn alles, was sie für und mit uns machen, nur angelernt ist, fordert das auch uns heraus. Wir haben Pferde noch nie als Artgenossen angesehen, sondern als das wahrgenommen, was sie sind – Kraftpakete, die bereitwillig unsere Wünsche zu erfüllen haben. Das Bild von der Leitstute oder dem Leithengst mag verblassen. In einem Punkt haben wir indessen pferdliches Verhalten zu zeigen: unseren Umgang mit ihnen auf sich ständig wiederholende Lernprozesse aufbauen. Spannende Aussichten, oder etwa nicht? Aber eigentlich nicht etwas, was die alten Stallmeister nicht schon gewusst hätten.

Thomas Frei
Chefredaktor

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